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Der Waldschütz vergoss bittere Tränen

Teil 1: Der Zusammenbruch der Dicken Eiche

NEHREN (jon). Eine Geburtsurkunde der Dicken Eiche findet sich nicht im Nehrener Gemeindearchiv. Als sie heranwuchs und erstarkte, war von der Gemeinde selbst noch keine Rede. Der mächtige Baum stand bis zu seinem altersbedingten Zusammenbruch 1874 eine halbe Stunde südöstlich von Nehren, am Fuße des Firstberges. Und blieb auch lange Jahre danach eine Sehenswürdigkeit. Ein sechs Meter langes Stück Holz, der letzte Rest des Giganten, wird derzeit im Bauhof konserviert. Viele Erinnerungen knüpfen sich an das Naturdenkmal, das als größte Eiche Württembergs galt.

07.03.2003

3. August 1874. Etwa 14 Uhr. Die arbeitenden Menschen auf den Äckern des Steinlachtals halten inne, richten sich auf und horchen. Ein gewaltiger Donner, ein Krachen und Prasseln dröhnt durch die Luft. Ankündigung eines fürchterlichen Gewitters? Am 5. August 1874 meldet die „Tübinger Chronik“ über die Ursache: „Die große, wohl über 1000 Jahre Eiche im Walde bei Nehren stürzte den 3. August Mittags, 2 Uhr, mit weithin schallendem Gekrache zur Erde, mehrere ihrer kleineren Nachbarn in grausiger Wucht mit sich niederwerfend, nachdem sie nur kurz zuvor von einer Anzahl Touristen verlassen worden war. Der Waldschütz, dem sie so oft in ihrem hohle Leib, der 36 Personen fasst, Schutz gegen die Unbill der Witterung gewährte, soll bei dem Anblick des gefallenen Riesen bittere Thränen vergossen haben.“

Trauer und Anteilnahme

Ein Unfall, der zahlreiche Betrachter aus der ganzen Gegend anlockte, Sensationslust und Anteilnahme am schweren Schicksal hervorrief. Nehrens Schulmeister Betz hat gleich am Tag des Umsturzes ein vielstrophiges Trauer-Gedicht verfasst, das die „Chronik“ unter der Nachricht abdruckte, mit der Bemerkung, es werde „den vielen Besuchern gewiss willkommen sein“. Der Dichter redet den Baum an: „Als einst die Kron’ noch unverletzt, geschmückt den großen mächtigen Bau, hast in Erstaunen Du versetzt den Wanderer, dass er rief: Ei schau!“

Dorfchronist Friedrich August Köhler hat „die große Aiche“ mit eigenen Augen als Waldesherrscher dastehen sehen und in seiner Chronik von 1838 als „Merkwürdigkeit der Communwaldung“ bezeichnet. Köhler spekuliert über das Alter des Baumes: „Seit 300 Jahren mag er schon im Abgehen seyn, und hoch und schwarz ragt von Ferne sichtbar er weit über den übrigen Wald hervor.

Wenn man annimmt, dass er 800 Jahre brauchte, um zu voller Größe zu gelangen, dass eine gesunde Aiche 300 Jahre in voller Kraft steht, ehe sie anfängt vom Zahn der Zeit zu leiden, und dass sie in abnehmender Kraft demselben noch 300 Jahre wiedersteht, so darf man das Alter dieser Aiche wohl zu 1200 Jahren rechnen.“ Den Standort gibt Köhler mit „nordöstlich vom Dorfe“ falsch an, ihren Umfang beziffert er mit acht, die Höhe mit 17,2 Meter.

Hier irrte Köhler

Die Dicke Eiche stand aber Zeit ihres Lebens südöstlich von Nehren. Auch über ihren Umfang und die Höhe schwanken die Angaben, einmal ist sie 25 Meter hoch, dann gar 35 Meter, mal können zwanzig Personen Platz im hohlen Stamm finden, dann wieder 36. 1894 schreibt ein Oberstleutnant Widemann: „Der hohle Strunk bietet am Boden Platz für drei Paare zum Tanzen.“ Die Angaben sind widersprüchlich, ganz wie es dem Status einer Legende entspricht. Die genauesten Angaben über die „merkwürdige Eiche“ finden sich wohl in der „Allgemeinen Forst- und Jagd-Zeitung“ des Jahrgangs 1831.

Danach maß der Stamm der Trauben-Eiche (Quercus robur) im Umkreis unten 10,57 Meter, anderthalb Meter über der Wurzel 8,97 Meter und am Ende des Stammes, wo er sich in dicke Äste verteilte, noch 8,16 Meter. Der „ziemlich schief und höckerich gewachsene Schaft“ hatte bis dahin nur eine Höhe von 4,66 Meter, die ganze Höhe des Baumes vom Boden bis zu seiner Spitze betrug exakt 20,05 Meter.

Die Äste beschatteten eine Fläche von 362, 79 Quadratmetern. „Rechnet man für jeden Menschen zwei Fuß (0,16 qm) Raum, so würden also 2210 Personen unter dieser Eiche Schutz finden können.“ Diese genauen Berechnungen verdanken wir dem Förster Wilhelm von Tessin.

Teil 1: Der Zusammenbruch der Dicken Eiche
Aus dem „Schwäbischen Baumbuch“ von 1911 stammt diese Abbildung, die eine Ahnung von den gewaltigen Ausmaßen der Dicken Eiche gibt, obwohl um diese Zeit der ausgehöhlte Stamm, in dem ein Mann bequem aufrecht stehen konnte, schon in die Erde eingesunken war.


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