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Erhalten wie ein Wikingerschiff

Teil 3 und Schluss: Von der Dicken Eiche blieb nur ein Rindenstück

NEHREN (jon). Auf eine mysteriöse Art ist sie immer noch anwesend, die Dicke Eiche im Wald südöstlich von Nehren. Seit 1874, als sie materialermüdet und altersschwach umstürzte, weilt sie nicht mehr unter den Lebenden. Und blieb dennoch Naturdenkmal und Wahrzeichen für die Gemeinde.

10.03.2003

1971 wurde der Platz beim Jägerwegle am Firstwaldhang neu gestaltet, mit Gedenktafel und Ruhebänken geschmückt und in einer Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben. Allerdings: Die Eiche, die man damals als Nachfolgerin auserkor, mochte nicht recht gedeihen und wurde leicht bespöttelt. Im Schatten einer alten Eiche gedeiht wenig, sagt das Sprichwort. Aber auch gegenüber dem Moby Dick des Nehrener Waldes hat man es manchmal arg an Pietät fehlen lassen.

„Eines Tages, es war im Jahre 1883, stieg ein dicker, schwarzer Rauch aus dem Wald. Man glaubte an einen beginnenden, großen Waldbrand und die Nehrener Feuerwehr rückte schleunigst aus. Im Walde angekommen, sah man die Eiche brennen. Übernachtende Straßenarbeiter hatten Feuer darin angemacht, das weiter um sich griff. So ist der gestürzte noch immer draußen liegende Baumtorso heute sehr versengt, ausgebrannt und rauchgeschwärzt.“ So heißt es in einer Beschreibung vom Ende des vorletzten Jahrhunderts.

Kinderfest und Jubiläum

Die Dicke Eiche übernahm auch bei den legendären Nehrener Kinderfesten eine tragende Rolle. 1955 verfasste die Lehrerin Elise Streckfuss ein Märchenstück, das in ihrem Schatten spielt. Großmutter und Großvater erzählen ihren Enkeln, wie das früher war, wenn man im Wald zum Beerensammeln war und die Uroma im Eichenschatten Märchen und Geschichten erzählte. Im Umzug durchs Dorf war auch ein Wagen dabei, auf dem eine stark verkleinerte Eiche lag, die ihre zwei dicken, charakteristischen Äste in die Höhe reckte.

Auch beim 900-Jahr-Jubiläum fuhr auf einem Festwagen eine Nachbildung mit, in der Höhlung ein Liebespaar saß. Gerhard Kuhn, Lehrer an der Grund- und Hauptschule und VHS-Leiter, dichtete damals eine Moritat, die sich heute noch auf der Internet-Seite der Kirschenfeldschule finden lässt. Sie verwebt die Geschichte des Baumes mit der des Dorfes und erzählt die grausige Tat von Wilderern, die 1757 einen Mössinger Förster in der Nähe der Eiche hinterlistig ermordeten.

Das Ende der Dicken Eiche führte Kuhn auf ihr Mitleiden mit der Liebesnot zweier junger Leute zurück. Ein Dußlinger liebte ein Nehrener Mädchen, die Eltern aber waren dagegen. Als sie sich verzweifelt an der Eiche erhängen wollten, brach diese lieber doch zusammen. Das gerettete Liebespaar wanderte nach Amerika aus und bewahrte dem Baum ein lebenslanges Andenken.

Plastination der Rinde

Im Nehrener Bewusstein ist sie präsent, auch im Dorfbild. Flaschnermeister Horst Wagner, Hundezüchter wie sein Vater, hat an seiner Werkstatt ein Schild angebracht: „Pinscher-Schnauzer-Zucht von der Dicken Eiche.“ Die Erinnerung ist umfangreicher als das, was noch in Wirklichkeit vorhanden ist. Die Zeit, das Wetter, Holzsammler, Souvenirjäger, Käfer aller Art, die sich durchs Fleisch bohrten, die Substanz ist fast aufgezehrt. Erstaunlich eigentlich, dass überhaupt noch etwas da ist.

Vor einiger Zeit haben Mitarbeiter des Bauhofs den allerletzten Rest aus dem Wald abtransportiert, ein Riesen-Rindenstück von fünf Meter Länge und erheblichem Gewicht, an vielen Stellen mehlig und mit Erde bedeckt. Es lagert nun in der gemeindeeigenen Scheune an der L 384, wo auch der uralte Spritzenwagen und der Oldtimer der Feuerwehr stehen, alte Tische, aufgesammelte Fahrräder und zerbeulte Mülltonnen.

Dort wartet das Trumm darauf, einer Reinigung und intensiven Behandlung unterzogen zu werden. Malermeister Werner Nill wird es mit einem Mittel überziehen, mit dem auch die Reste ausgegrabener Wikingerschiffen vor dem endgültigen Verfall gerettet werden. Schon bei seinem ersten Waldumgang als Gemeinderat hatte Nill vorgeschlagen, die damals noch recht umfänglichen Reste des Baumes vor der Vergänglichkeit zu bewahren.

„Mit diesem Konservierungsantrag bin ich leider gescheitert“. Was mit dem konservierten Baumknochen geschehen soll, steht noch nicht fest. Zumindest ein Teil des Naturdenkmals findet sicherlich Unterschlupf im neuen Bürger- und Vereinshaus. Die Dicke Eiche gehört unabdingbar zur Dorfgeschichte.

Teil 3 und Schluss: Von der Dicken Eiche blieb nur ein Rindenstück
Der Stumpf der Dicken Eiche bei Nehren. Ein Rindenstück lagert noch in einem Schuppen und soll konserviert werden.


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