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Kommentar

Tempel oder Mausoleum?

Mit einem Tempel hat Baumeister Max Dudler seine Stadthalle einst verglichen. Mittlerweile ist die Hülle des 42-Millionen-Projekts fast fertig – doch die Attribute, mit denen sie bedacht wird, sind meilenweit vom Musentempel entfernt. Hochregallager ist noch eine der freundlicheren Umschreibungen, die weniger freundlichen reichen von Naziarchitektur, Mausoleum bis hin zu Krematorium. „Interessante Gebäude werden immer kontrovers diskutiert“, kommentiert Projektleiter Klaus Kessler die wenig sachlichen Anwürfe.

21.06.2012

Kessler, selbst Architekt, findet die neue Stadthalle einfach „klasse“, wenngleich er einräumt, dass er auf den „dritten Schuhkarton“ auf dem Dach auch gerne verzichtet hätte. Dieser Aufsatz, in dem der Großteil der Technik untergebracht wird, fehlte im Modell ganz. In den Plänen war er zudem viel kleiner eingezeichnet, als er schließlich realisiert wurde. Doch dies hat nicht der Schweizer Stararchitekt zu verantworten, sondern der Reutlinger Sparzwang. Die Haustechnik im Keller zu verstecken, wie es Dudler vorschwebte, wäre wesentlich teurer gekommen als die jetzige Lösung, die – und da sind sich alle einig – eindeutig zulasten der Ästhetik geht.

Neben dem Rucksack auf dem Dach ist es wohl die Farbe der Fassade, die am meisten Anstoß erregt. Von rötlich-braunem pulverbeschichtetem Aluminium war die Rede, als vor zwei Jahren ein Stück der Musterfassade präsentiert wurde. „Dem Architekten wichtig war eine gewisse Wolkigkeit“, beschrieb Kessler gestern Dudlers Vorgaben. Weil die Beschichtung monochrom erscheint, wurden nachträglich Farbnuancen aufgesprüht. An das lichte Erscheinungsbild, das den Bürgern durch die Veröffentlichungen im Vorfeld suggeriert wurde, kommt die wolkig besprühte Fassade aber auch bei schönstem Sonnenschein nicht heran. Die in den Broschüren, Flyern und Powerpoint-Präsentationen verwendeten Animationen sind wesentlich heller. Was den luftigen Eindruck noch verstärkt, ist ein Trick, der gerne von den Werbegrafikern verwandt wird: Die Fensterhöhlen sind immer hell unterlegt, manchmal schimmert sogar zart der große Saal als Haus im Haus durch – eine Situation, wie sie in der Realität freilich nie erreicht werden wird. In der Nacht wird der von innen beleuchtete Tempel dem Wunschbild noch am nächsten kommen und die Strahlkraft entwickeln, die sich die Planer vorgestellt haben.

Ein ums andere Mal weist der Projektleiter darauf hin, dass sich der gewünschte Gesamteindruck erst einstellen wird, wenn rund um die Halle die japanischen Schnurbäume in den Himmel wachsen, deren Kronen einmal mit dem Balkon abschließen sollen. Und Kritiker, die meinen, mit der Architektur könne es ja nicht weit her sein, wenn man Bäume brauche, um sie zu kaschieren, verweist er auf die Entstehungsgeschichte: Bevor der Realisierungswettbewerb für die Stadthalle ausgeschrieben wurde, hatte bereits ein städtebaulicher Wettbewerb die Eckpfeiler für die Bebauung des ehemaligen Bruderhaus-Geländes eingeschlagen: Den eindeutigen Zuschlag hatte der Bürgerpark bekommen. Darauf aufbauend entwickelte Dudler seine Vision vom Tempel im Grünen.

Er kenne keine Stadt in Europa, die derzeit in ihrer Mitte einen so schönen Park bekomme, lobt Kessler dieses Konzept. Wer sich davon (noch) nicht überzeugen lässt, sollte den Bau besichtigen. Im Inneren präsentiert sich die Stadthalle schon jetzt so, wie es sich viele gewünscht haben: hell und einladend. Kessler ist überzeugt, dass der Dudler-Bau einen Architekturpreis bekommen wird. Alles andere wäre auch eine Überraschung.uschi kurz

Tempel oder Mausoleum?
Alle Kräfte werden gebündelt, damit die Halle für alle fertig wird.Bild: Metz

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21.06.2012, 12:00 Uhr

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