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Straßenverkehr

Test soll Fehler aufdecken

Drei Viertel der über 74-Jährigen tragen die Hauptschuld an Unfällen, daher plädieren Unfallforscher für die Teilnahme an einem Fahrtraining.

26.01.2017
  • MARTIN HOFMANN

Goslar. Die 92-jährige Anna S. hat sich entschieden. Eine Stunde hat sie sich die Argumente ihrer Nichten und Neffen angehört. „Das kommt für mich nicht in Frage“, beendet sie die Debatte, ob sie ihr Auto künftig stehen lässt. Sie lebt allein, versorgt sich selbst. Warum sollte sie die Möglichkeit, ohne Mithilfe anderer mobil zu sein, aufgeben?

Die Angehörigen sind enttäuscht. Aus Sturheit klammere sich die alte Dame ans Steuerrad, meinen sie. Stattdessen gefährde sie sich und andere. Doch das Lebensalter hat mit Fahrfähigkeit wenig zu tun. Das belegen Studien der Unfallforscher. „Das Alter allein hat keine Aussagekraft“, sagt Siegried Brockmann, Leiter der Unfallforschung des Verbands der Versicherungswirtschaft. Viele Senioren seien dem Straßenverkehr gewachsen.

Dennoch schlagen die Versicherer vor, dass sich der Verkehrsgerichtstag in Goslar mit dem Thema „Senioren im Straßenverkehr“ nicht nur befasst. Sie fordern, eine „Rückmeldefahrt“ einzuführen. Sie soll zunächst freiwillig sein. Die Idee: Eine geschulte Begleitperson setzt sich neben Autofahrer, die 75 Jahre und älter sind, und beobachtet, wie sicher sie fahren. „Ziel soll nicht sein, Senioren zur Aufgabe zu drängen“, sagt Brockmann. Die Begleitperson soll die Fahrer aber auf mögliche Defizite aufmerksam machen und ihnen „Möglichkeiten zum Erhalt ihrer Mobilität aufzeigen“.

Der Unfallforscher räumt ein, dass gesetzliche Maßnahmen durch die Unfallstatistik nicht zu rechtfertigen sind. Laut Statistischem Bundesamts verunglückten 2015 mehr als 48 000 65-Jährige und Ältere bei Unfällen im Straßenverkehr, knapp die Hälfte saßen in einem Pkw. Der Anteil der Verunglückten liegt mit 12,3 Prozent aber deutlich unter ihrem Bevölkerungsanteil von 21 Prozent. Was die Unfallforscher beunruhigt: Immer mehr Senioren tragen die Hauptschuld an den Unfällen. Bei über 64-Jährigen sind es 67,1 Prozent, bei über 74-Jährigen tragen drei Viertel die Hauptschuld. „Da liegen die Senioren über der Hochrisikogruppe der Fahranfänger“, ordnet Brockmann die Zahlen ein.

Warum die Versicherer für Fahrtests mit Sachverständigen plädieren hat aber weitere Gründe. „Die Zahl der über 74-Jährigen verdoppelt sich in den nächsten 20 Jahren“, betont Brockmann. Fast alle künftigen Senioren haben am Straßenverkehr teilgenommen. Medizinische Tests lieferten keine zuverlässigen Aussagen über die Fahrfähigkeit. Sie rechtfertigten schon gar nicht, Älteren den Führerschein wegzunehmen. Seh- und Hörtests zeigten, ob Seh- und Hörhilfen notwendig sind. Sie belegten aber nicht, wie sicher sich jemand auf der Straße bewegt. „Es geht vornehmlich um kognitive Fähigkeiten: mehrere Dinge gleichzeitig wahrzunehmen, zu verarbeiten und rasche Entscheidungen zu fällen.“ Die Erfahrung durch lange Fahrpraxis könne dabei vielleicht ein bisschen helfen, aber eben nur das.

Die Unfallursachen zeigen dies. Vorfahrtsfehler seien unter Senioren mit 17,7 Prozent am häufigsten, gefolgt von „Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren“ mit 16,5 Prozent. Deshalb eine freiwillige „Rückmeldefahrt“. „Wie die Debatte in Goslar ausgeht, wissen wir nicht“, sagt Brockmann. Verbindlich wäre eine Zustimmung ohnehin nicht. „Uns geht es darum, die Quote der Freiwilligen an solchen Fahrtests zu steigern, vor allem auch im Interesse der Senioren“, erklärt Brockmann. Denn ältere Menschen verletzen sich bei Verkehrsunfällen im Schnitt schwerer als jüngere. 29,6 Prozent der Unfalltoten gehörten 2015 der Generation 65+ an.

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26.01.2017, 06:00 Uhr

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