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Teure Statussymbole
Kann der Mensch besser als die Maschine: Jörg Geiger aus Schlat im Kreis Göppingen begutachtet den Reifegrad und die Struktur eines teilvergorenen Kirschweins, der mit Kirschbrand versetzt ist. Drei Jahre lang reifte das Getränk im Fass. Foto: Lars Schwerdtfeger
Manufaktur

Teure Statussymbole

Seit einigen Jahren erleben handgefertigte Produkte eine Renaissance. Experten kritisieren: Der Begriff wird oft irreführend verwendet.

18.04.2017
  • DAVID NAU

Ulm. Hoch oben über dem Neckartal, nur wenige Kilometer von Tübingen entfernt, steht die Handarbeit noch hoch im Kurs. Dort, auf Schloss Weitenburg, residiert die Kupfermanufaktur Weyersberg, die es sich zum Auftrag gemacht hat, hochwertiges Kochgeschirr aus Kupfer herzustellen. Vom kleinen Topf über die große Bratpfanne bis hin zur Gugelhupf-Backform reicht das Sortiment des noch jungen Unternehmens. 2009 übernahm Marc Weyersberg den rund 30 Jahre alten Betrieb, gab ihm seinen Namen und zog von Steinenbronn bei Filderstadt auf die Burg.

Mit Muskelkraft in Form drücken

Die Idee der Manufaktur nimmt der Geschäftsführer sehr ernst. „Bei uns wird noch fast alles von Hand gefertigt“, sagt Weyersberg. Rund 90 Prozent der Produktion werde von seinen Angestellten und nicht von vollautomatisierten Maschinen übernommen, schätzt er. Die Töpfe werden etwa mithilfe einer 110 Jahre alten Drückmaschine und Muskelkraft in Form gepresst, die Stiele werden von Hand an das geformte Kupfergefäß geschweißt und selbst die Politur des fertigen Topfes übernehmen Mitarbeiter von Hand.

Sieben Mitarbeiter beschäftigt Weyersberg, entsprechend lang dauert es, bis ein Produkt fertig ist. Mehr als 50 Töpfe oder Pfannen am Tag sind nicht machbar, sagt der Geschäftsführer: „Die Großen der Branche schaffen das bei maschineller Fertigung in einer halben Stunde.“

Wirtschaftlich wird die personal- und zeitintensive Fertigung von Hand nur durch kleine Stückzahlen, die für einen hohen Preis verkauft werden. So kostet selbst das kleinste Butterpfännchen aus der Kupfermanufaktur 100 EUR, für die teuerste Pfanne werden 900 EUR fällig. Dennoch spürt Marc Weyersberg, dass seine teuren Produkte immer stärker nachgefragt werden. Immer mehr Kunden wählten Handgefertigtes, sagt er. „Manufakturprodukte sind mittlerweile zu einem Statussymbol geworden.“

Dass Manufakturen momentan voll im Trend liegen, kann auch Wigmar Bressel spüren – an der Zahl der Nachrichten in seinem E-Mail-Postfach. Der Gesellschafter des Bremer Besteck-Produzenten Koch&Bergfeld ist Vorsitzender des Vereins „Deutsche Manufakturen“, nach eigenen Angaben der einzige Verband deutscher Manufakturbetriebe. Er bekommt wöchentlich mehrere Anfragen zur Aufnahme in den Verband. Die allermeisten lehnt Bressel ab, die Mehrzahl der Bewerber seien eigentlich gar keine Manufakturen, sondern Dienstleister. „Der Begriff der Manufaktur wird mittlerweile inflationär verwendet“, sagt er.

Rund 650 ordentliche Manufakturen gibt es nach Schätzungen des Experten momentan in Deutschland, weitere 1000 Unternehmen nennen sich laut Bressel zwar Manufaktur, sind aber keine. „Das stört uns und irritiert den Verbraucher“, sagt er.

Für den Verband muss ein Unternehmen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, nur ein hoher Anteil an Handarbeit im Fertigungsprozess reicht nicht. So muss unter anderem die Produktion in Deutschland angesiedelt sein und an der Herstellung müssen Mitarbeiter mit unterschiedlichen Berufsausbildungen beteiligt sein. Während der erste Punkt auch auf alle Handwerksbetriebe zutrifft, ist Letzteres für Bressel ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von Manufakturen.

In Jörg Geigers Manufaktur in Schlat (Kreis Göppingen), einem kleinen Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb, findet genau das statt: Mitarbeiter mit verschiedenen Ausbildungen wirken an der Herstellung von Streuobst-Getränken mit, darunter alkoholfreie Fruchtseccos, Schaumweine und Brände. Ein gelernter Landwirt ist für den Anbau und die Pflege der alten Apfel- und Birnensorten zuständig, ein Koch entscheidet über die Auswahl an Kräutern, Blüten und Gewürzen und ein Experte für Fruchtsaft verantwortet die Pressung des Obstes.

Menschen pflücken besser

Handarbeit spielt für Geiger eine wichtige Rolle: „Arbeitsschritte, die der Mensch besser erledigen kann als eine Maschine, soll der Mensch erledigen“, sagt er. So werden etwa die erntereifen Früchte an den Hängen der Schwäbischen Alb von Hand ausgelesen. „Es gibt keine Maschine, die bewerten kann, ob der Apfel reif genug ist“, erklärt der Geschäftsführer der vielfach ausgezeichneten Manufaktur. Er beschäftigt 27 Mitarbeiter und will das auch beibehalten – obwohl er einige Arbeitsschritte in seiner Fertigung auch von Maschinen erledigen lassen könnte. Der Mensch hat für Geiger aber einen entscheidenden Vorteil: „Er ist lernfähig und kann sich mit seinen Kollegen austauschen.“ Soweit seien Maschinen nicht. Zumindest noch nicht.

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18.04.2017, 06:00 Uhr

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