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Leitartikel · Reich und Arm

Teure Ungleichheit

01.04.2016
  • Helmut Schneider

Einige Feststellungen vorab, die niemand in Frage stellen kann, der über eigene Interessen hinausblickt: Deutschland ist ein reiches Land, das jedes Jahr hunderte von Milliarden von Reich nach Arm verteilt - ebenso rekordverdächtig wie die Steuern und Abgaben; der hierzulande verwendete Armutsbegriff führt in die Irre. Und noch eine Differenzierung: Die Weltbevölkerung ist dank dem wirtschaftlichen Aufholen der Schwellenländer heute längst nicht mehr so arm wie sie es noch vor 30 Jahren war. Die Welt ist reicher geworden und zugleich auch gleicher.

Bleiben wir aber im wirtschaftlichen Musterland der letzten Jahre, in Deutschland - und klammern die wichtige Frage aus, warum es hier so viel bezahlte Arbeit gibt wie noch nie. Klammern wir also einen Leitsatz aus, der Hochkonjunktur hat, wenn die Zeiten schlecht sind: "Sozial ist, was Arbeitsplätze schafft."

Die Zeiten sind nicht schlecht in Deutschland - aber sie sind auch nicht gerecht. Zu starke Ungleichheit ist nicht gut - aus politisch-moralischer Sicht, aber auch aus ökonomischer. Das ist die Hauptthese, mit welcher der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, einigen Wirbel verursachte. Denn Fratzscher ist kein Junglinker mit verstaubten Verteilungsfantasien, sondern ein bekennender Fan von Kapitalismus und Marktwirtschaft.

Gerechtigkeit: ein großes Wort, über das seit Menschengedenken gestritten wird. Ungleichheit: einfacher, aber nicht eindeutig, weil es verschiedene Kategorien (Löhne, verfügbares Einkommen, Vermögen), Definitionen und Zeiträume gibt, die verglichen werden. Sicher ist: Die Vermögen in Deutschland haben sich in den vergangenen 25 Jahren ungleich angehäuft, aber seit zehn Jahren ist der Trend gestoppt. Trotzdem: Zehn Prozent der Reichsten besitzen mehr als die Hälfte des Vermögens, 40 Prozent der Deutschen besitzen praktisch nichts. In Europa liegt das Musterland Deutschland mit an der Spitze der Ungleichheit.

Noch gravierender: In kaum einem Industrieland ist der Aufstieg so schwierig wie in Deutschland. Wer arm geboren wird, bleibt es meist. Ein schlimmer Befund, weil Chancengleichheit und das Versprechen, es mit eigener Anstrengung zu etwas bringen zu können, keine sozialistische Gleichmacherei sind, sondern ein urliberaler Grundsatz, der die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft entscheidend prägt.

Die Gründe für hohe Schranken zwischen den Schichten sind vielfältig. Sie haben viel mit falscher Bildungspolitik zu tun. Gleichwohl sollte sich die Politik nicht länger um eine Neujustierung der Sozialpolitik drücken. Wenn ein Land Arbeitseinkommen hoch belastet und umverteilt, ein Drittel der Bevölkerung davon aber keinen Nutzen hat, läuft etwas ziemlich schief.

Das Ehegattensplitting begünstigt Besserverdiener ebenso wie der Wegfall der Vermögenssteuer und die niedrige Erbschaftssteuer. Eine moderate und gestaffelte Steuer auf große Vermögen und Erbschaften könnte durch den Wegfall von Steuersubventionen finanziert werden, ohne dass die Gesamtbelastung steigt. Die Fehlsteuerung hat noch andere Väter: Verbraucher, die ihr Geld zu wenig in Aktien und Immobilien stecken; Unternehmen und Gewerkschaften, die Lohnanteile nicht in Firmenanteile umwandeln.

Die Spaltung in Reich und Arm ist ein Großthema, das leider selten in seinen ökonomischen Folgen buchstabiert wird: Geringverdiener konsumieren relativ mehr, sorgen so für mehr Wachstum und Wohlstand. Ungleichheit ist teuer. Die Zeit ist reif, dies zu ändern.

40 Prozent der Deutschen besitzen praktisch nichts

leitartikel@swp.de

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01.04.2016, 06:00 Uhr

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