Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Teurer Grund und Boden
Ackerland wird vermehrt als Geldanlage genutzt. Foto: Valentin Valkov Fotolia
Landwirtschaft

Teurer Grund und Boden

Agrarflächen kosten immer mehr, aber die Einnahmen steigen nicht. Auch in Baden-Württemberg macht dies Bauern zu schaffen.

27.10.2016
  • SIMONE DÜRMUTH

Mitten im Industriegebiet von Öhringen (Hohenlohekreis) liegt der Hof von Dieter Weippert. Er führt den Betrieb in der fünften Generation. „Mein Sohn will den Hof eines Tages übernehmen und ich will ihm eine gute Basis hinterlassen“, erzählt der 55-Jährige. Darum wollte er den Betrieb von 250 auf 350 Hektar vergrößern. Denn je größer ein Hof, umso wirtschaftlicher könne der betrieben werden. Doch die 100 Hektar zu finden, war gar nicht so einfach.

„Man wünscht sich seine Flächen natürlich in der nächsten Umgebung“, so Weippert. Denn lange Anfahrtswege kosten Zeit, Diesel und Maschinenlaufzeiten – also Geld. Doch sein Hof liegt mitten im Ort. Die 23 000-Einwohner-Stadt ist im Lauf der Jahrzehnte um seine Landwirtschaft herum gewachsen. In der nächsten Nachbarschaft hätte er vielleicht einige kleinere Flächen kaufen können, das aber auch nur über Jahre verteilt und zu einem hohen Preis. Also beschloss er, Flächen im Neckar-Odenwald-Kreis zu kaufen – 35 Kilometer entfernt.

Die Nachfrage ist groß

Der Preisdruck auf die Landwirte ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während laut Daten des Statistischen Landesamts im Jahr 2005 ein Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Baden-Württemberg noch 18 930 EUR gekostet hat, waren es 2015 bereits 24 698 EUR. Damit liegt das Land aber noch nicht einmal an der Spitze: Deutschlandweit haben sich die Preise verdoppelt, in Bayern kostete ein Hektar landwirtschaftlicher Fläche 2015 gar 47 000 EUR.

Was Dieter Weippert für seine 100 Hektar im Neckar-Odenwald-Kreis bezahlt hat, will er nicht verraten. Es entspräche in etwa dem aktuellen Schnitt im Land – allerdings inklusive Hofstätte. Doch die Ertragsmesszahl (EMZ), ein Wert, der die Güte des Bodens beschreibt, gehe hier bis auf 30 je Ar hinunter. Die Flächen, die in den vergangenen zehn Jahren in Baden-Württemberg verkauft wurden, und auf die sich die Angaben des Statistischen Landesamtes beziehen, wiesen im Schnitt eine EMZ zwischen 49 und 50 auf, sind also deutlich ertragreicher.

Die steigenden Ackerpreise treiben Horst Wenk, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands Baden-Württemberg, schon länger um: Die Nachfrage ist hoch und in stadtnahen Lagen potenziere sich das Problem, da auch für Baugebiete, Industrie und Infrastruktur Flächen benötigt werden. Außerdem werden die Umweltauflagen immer strenger, so dass immer größere Flächen, insbesondere für die Tierhaltung, benötigt werden und auch der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen braucht Platz. Inzwischen würden 21 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Baden-Württemberg für Biodiesel und Co. genutzt. Auf der Homepage des Landesbauernverbands wird mitgezählt, wie viel Fläche an einem Tag bereits verloren gegangen ist, also nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden kann: Jede Sekunde ein Quadratmeter. Das sind rund acht Fußballfelder am Tag, nur in Baden-Württemberg.

Längst sind unter den Käufern nicht mehr nur Landwirte: Investoren kaufen Flächen und verpachten sie. „Wir sehen das Problem, dass die Pachtquote immer mehr zunimmt“, so Wenk. In Baden-Württemberg liege diese inzwischen bei 60 Prozent. „Dadurch fließt Geld aus der Landwirtschaft“, fasst Wenk zusammen. Landwirt Weippert bestätigt das. Bei Versteigerungen sehe er immer häufiger Bieter, die keine Landwirte seien. „Die machen uns Konkurrenz“, so Weippert.

Hauptsächlich wollten diese Leute ihr Geld anlegen, auch wenn dieser Trend schon wieder rückläufig ist. Besonders viel Land hat 2008 und 2009, kurz nach der Finanzkrise, im Südwesten den Besitzer gewechselt: mehr als 5500 Hektar. Seitdem ist die Zahl kontinuierlich auf 3900 Hektar im Jahr 2015 gesunken. Doch Weippert kann den Trend zur Geldanlage in landwirtschaftlichen Flächen nicht verstehen. „Wir Landwirte müssen in Jahrzehnten denken“, sagt er. Schnell Flächen zu kaufen oder zu verkaufen sei praktisch unmöglich.

Der Öhringer Landwirt hat etwa ein Drittel seiner Flächen gepachtet und liegt damit weit unter dem in Baden-Württemberg üblichen Schnitt. Verpachtet würden Flächen aber nicht nur von Besitzern, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, sondern zum Beispiel auch von Bauern, die ihren Hof aufgeben – etwa weil sie keinen Nachfolger haben, sich aber noch nicht von ihren Flächen trennen wollen. „Das Verkaufen fällt der zweiten Generation dann schon leichter“, sagt Weippert und lacht.

Er pachte Flächen, weil dieser Markt etwas flexibler sei als der An- und Verkauf. Doch er lege auch großen Wert auf Eigentum. Denn Eigentum stabilisiere einen Betrieb. Es kann zum Beispiel als Sicherheit dienen, wenn für Neuanschaffungen ein Kredit aufgenommen werden muss.

Oder zur Finanzierung weiterer Landkäufe beitragen. So jedenfalls hat es Weippert geschafft: Seine Flächen liegen zum Teil neben einem großen Betrieb, einer der größten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler in Öhringen. Der hatte schon länger versucht, Flächen von Weippert zu kaufen. Da dieser plante, sich zu vergrößern, sah er die Chance, so einen Teil des Neuerwerbs zu refinanzieren. Weippert verkaufte weniger als zehn Hektar – wie viel genau will er nicht verraten. Der Hektarpreis habe über dem Landesschnitt gelegen. Doch der Verkauf war für den 55-Jährigen auch ein Risiko. Denn es stand noch nicht fest, ob und wann er Land würde kaufen können. Hätte er den Erlös aus dem Verkauf nicht innerhalb von vier Jahren reinvestiert, wären 58 Prozent Steuern fällig geworden.

Der Verbraucher bemerkt die steigenden Land- und Pachtpreise aber nicht. Denn der Markt werde längst von Entwicklungen in Europa und der ganzen Welt beeinflusst, so Weippert. Der finanzielle Spielraum des Landwirts werde dabei immer kleiner. „Wir rechnen Spitz auf Knopf.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball