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Verdrängung aus dem renovierten Altbau

Teurer Wohnen nach Sanierung

In der Haaggasse 27 wehrt sich eine Familie gegen ihren Rauswurf. Ein Privatmann will das baufällige Kulturdenkmal von 1572 von Grund auf sanieren. Die langjährigen Mieter indes tun sich schwer auf dem Tübinger Wohnungsmarkt: Die Mieten sind hier in den vergangenen Jahren merklich gestiegen.

19.07.2012
  • Volker Rekittke

Tübingen. Die Duschkabine ist im Flur, die Toilette ein länglicher Schlauch mit Kloschüssel, ohne Waschbecken. Dafür sitzt man zwischen Jahrhunderte alten Balken und Fachwerk. Zwei Zimmer liegen zur Haaggasse hin, es gibt eine Küche und eine Kammer, in der Harald Schwarz, seine Frau und die sechs und acht Jahre alten Kinder schlafen. Es ist ein bisschen wie im Museum: Schau her, so hat man früher in Tübingen gewohnt.

„Wir suchen schon eine ganze Weile“, sagt Schwarz. Schon wegen der Kinder, die eigene Räume brauchen. Gefunden haben die vier noch nichts – jedenfalls nichts Bezahlbares. Harald Schwarz ist selbstständig, arbeitet als Musiker und Tontechniker, organisiert Veranstaltungen. Seine Frau studiert noch und jobbt an der Uni. Viel Geld hat die Familie nicht.

In der vermutlich 1572 errichteten Haaggasse 27 wohnten die Eltern Schwarz elf Jahre lang zu einer für Tübinger Verhältnisse sehr günstigen Miete. Schon deshalb wehren sie sich gegen die Kündigung, die im Januar ins Haus flatterte: Die Erbengemeinschaft, die nicht viel Miete nahm, aber auch so gut wie nichts in das Haus investierte, hatte das unter Denkmalschutz stehende Gebäude an einen Privatmann aus Wankheim verkauft. Der will es von Grund auf sanieren und die dann gut 380 Quadratmeter Wohnraum wieder vermieten. Allerdings – angesichts hoher Instandsetzungskosten – zu einer Kaltmiete von etwa zwölf Euro pro Quadratmeter. Das wäre mehr als doppelt so viel, wie Familie Schwarz derzeit bezahlt.

Teurer Wohnen nach Sanierung
Ein bald 450 Jahre altes Tübinger Kulturdenkmal: die Haaggasse 27.

Und so wird demnächst vor dem Tübinger Amtsgericht verhandelt, nicht nur um den ursprünglich verlangten Auszugstermin Ende August: Der Vermieter habe jüngst gedroht, die hölzerne Wand zum Treppenhaus einzureißen, sagt Schwarz. Kürzlich schob der neue Eigentümer dann noch eine fristlose Kündigung hinterher. Eine von ihm beauftragte Firma habe Schwamm und Schädlingsbefall festgestellt. Die Schädigungen an Dach und Fach seien derart gravierend, dass der Familie Gefahren „an Leib und Leben“ drohten. Allerdings ist Werner Hermann, dem Chef des städtischen Baurechtsamts, dem das mitgeteilt werden müsste, vom drohenden Einsturz des Hauses nichts bekannt.

„Wohnungen in Tübingen sind teuer bis unbezahlbar“, sagt Harald Schwarz. Das bestätigt Thomas Keck vom Mieterbund Tübingen-Reutlingen. Es gebe weiterhin „einen hohen Nachfragedruck in den Ballungsräumen im Südwesten“ – besonders in Unistädten wie Tübingen. Der doppelte Abiturjahrgang verschärfe die ohnehin angespannte Situation nochmals. Doch nicht nur für Student(inn)en ist Tübingen attraktiv: „Wo die Arbeitsplätze sind, da ziehen die Leute hin.“ In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete Tübingen ein Plus von zehn Prozent bei den sozialversicherungspflichtigen Jobs – ein deutlich stärkerer Anstieg als im benachbarten Reutlingen.

Energetische Vorgaben machen Bauen teurer

Teurer Wohnen nach Sanierung
Die vier sollen möglichst bald aus der Haaggasse 27 ausziehen, fordert der neue Eigentümer: Doch Familie Schwarz findet in Tübingen nichts Bezahlbares. Bild: Metz

„Es gibt einen klaren Trend in die Stadt“, sagt auch Gerhard Breuninger. Der Chef der städtischen Wohnungsgesellschaft GWG beobachtet seit Jahren einen Anstieg der Mieten in der Unistadt – bedingt durch Neubauten und Modernisierungen. „Bauen ist teurer geworden“, sagt Breuninger, was nicht zuletzt mit den höheren Anforderungen an die Energieeffizienz zu tun habe. Auf der GWG-Warteliste stehen, seit einigen Jahren in etwa gleich bleibend, rund 650 geringverdienende Familien und Alleinstehende mit Wohnberechtigungsschein, die eine bezahlbare Wohnung suchen.

Mit der Sanierung denkmalgeschützter Häuser kennt sich Nonnenhaus-Restaurator Ernst Gumrich gut aus: Angesichts von Netto-Sanierungskosten (also nach Abzug der Steuererleichterungen) von gut 1500 Euro pro Quadratmeter lohne sich eine Vermietung für Investoren selbst bei überschaubarer Rendite erst ab einem Quadratmeter-Preis von etwa elf bis zwölf Euro. Dass die längst nicht jeder Mieter zahlen kann und es deshalb durch Sanierungen zu Verdrängung kommen kann, ist Gumrich durchaus bewusst: „Dass ist ein Grundkonflikt, den wir in Tübingen haben.“

Im Landkreis Tübingen sind die Mieten zwischen 2007 und 2011 laut einer L-Bank-Studie um 6,8 Prozent gestiegen. In der Stadt Tübingen kletterten sie im gleichen Zeitraum sogar um 9,3 Prozent, errechnete das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.
„Sozialer Wohnungsbau findet nicht mehr statt“, stellt Thomas Keck vom Mieterbund Tübingen-Reutlingen fest. „Die Gruppe der Menschen, die sich auf dem freien Wohnungsmarkt nicht mehr mit angemessenem Wohnraum versorgen kann, wird immer größer.“ Die Bundesregierung leiste dieser Entwicklung auch noch Vorschub, so Keck: Das Mietrechtsänderungsgesetz, das demnächst verabschiedet werden soll, wälze bei energetischen Sanierungen „die Lasten ausschließlich auf die Mieter ab“.

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19.07.2012, 12:00 Uhr

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