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The Straight Story

Lynch mal gemütvoll. Wieder aber eine beeindruckende Abhandlung über das Schauen.

Lynch mal gemütvoll. Wieder aber eine beeindruckende Abhandlung über das Schauen.

THE STRAIGHT STORY
USA

Regie: David Lynch
Mit: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton

- ab 0 Jahren

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24.11.2015
  • Thomas Mauch

In seiner „Straight Story“ lässt David Lynch die Abgründe mal links liegen Der erste Blick gilt dem Kosmos: Die ganze Weite des Alls. Ein mächtiger Sternenhimmel füllt die Leinwand, und dann wendet sich die Kamera in ihrem Flug der Erde zu. Immer näher kommt sie, bis sich aus einem abstrakten Gitterwerk ein Getreidefeld schält. Erntezeit. Ein Mähdrescher frisst sich eine Bresche durchs Korn, während die Kamera schon wieder weiter schweift, einen Blick lang in der Totalen auf einem Nest im mittleren Westen der USA verweilt; Hunde trollen sich dort durch die Hauptstraße, und die Kamera bahnt sich ihren Weg in einen Vorgarten. Wie über den Gartenzaun hascht man einen kleinen nachbarschaftlichen Dialog auf. Grußworte nur, eine Hallo hin, ein Hallo her, und die Kamera schleicht über den gepflegten Rasen, schmiegt sich an eine Wand und will durch das Fenster spähen. Aber es ist nichts zu erkennen. Man hört nur einen dumpfen Aufprall.

Willkommen bei David Lynch! So viel hat man in dieser kurzen Sequenz gesehen. Von der größtmöglichen Weite schlägt sich ein eleganter Bogen zur Welt des Priva-ten. Und so viel lässt der Knall an Abgründigkeiten erwarten. Ist man von David Lynch doch gewohnt, dass sich hinter den Dingen in ihrer bloßen Anschaulichkeit Geheimnisse verbergen, die den Seelenfrieden der Gutbürgerlichkeit mächtig in Unordnung bringen können. Aber – man darf’s verraten – es ist ein Trick. Hinter dieser Wand geschah nichts Sonderbares. Nur ein Mann ist mal kurz aus seinen Latschen gekippt: der alte Straight, so starrköpfig wie lebensweise. Und weil einige hundert Kilometer entfernt seinem Bruder das gleiche passiert, will er ihn besuchen. Zehn Jahre haben sich beide nach einem Streit nicht mehr gesehen, nun sieht Straight die Notwendigkeit einer Versöhnung. Eine Pilgerreise.

Da er nicht mehr Auto fahren kann, macht er sich auf seinem Rasenmäher auf den Weg. Dieses langsame Roadmovie (nach einer wahren Geschichte) gibt David Lynch genug Gelegenheit für grandiose Landschaftsaufnahmen mit weit sich öffnenden Räumen, in denen die Menschen doch ihren Platz finden. Man mag sich dabei vielleicht wundern, dass Lynch die Geschichte ganz ruhig erzählt und gar nicht in den Abgründen stochert, mit denen er in seinen Filmen „Blue Velvet“ oder „Lost Highway“ das Kinopublikum in klammer Spannung hielt. Doch das ist nur die Kehrseite dergleichen Medaille, und dass Lynch auch ein gemütvoller Erzähler sein kann, sah man bereits bei „Der Elefantenmensch“.

Wobei man sich immer vorsehen muss. Auch in der „Straight Story“ zeigt der Regisseur ein obsessives Interesse an Dingen und den präzis inszenierten Arrangements drumherum. Die Kamera saugt sich daran fest und friert sie riesenhaft auf der Leinwand ein: ein Rasensprenger, eine Wurst in Plastikverpackung. Ihre Normalität so im Format aufgeblasen, dass man dahinter nur wieder Geheimnisvolles vermuten muss. Es könnte das Grauen sein. Die Kamera bei Lynch ist ein Komplize der Zuschaueraugen. Immer mehr rückt der Film jedoch von der Dingwelt ab und zeigt dafür ein wachsendes Interesse an den Gesichtern des alten Straight und der Menschen, denen er auf seinem Weg begegnet. Das wirkt dann weniger geheimnisvoll, mehr menschelnd. Die Abgründe bleiben vorübergehend geschlossen. Glatt geht es in eine Welt, in der die Menschen mal ihre Zufriedenheit finden können. Auch das ist gut so.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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