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Huby bastelte den falschen Opa

Theaterstück des Erfolgsautors ist nicht gut genug

DETTENHAUSEN. Eberhard Hungerbühler alias Felix Huby ist einer der bestbeschäftigten Autoren Deutschlands (mehrere „Tatorte“ mit Schimanski und Bienzle, „Oh Gott, Herr Pfarrer“). Und der berühmteste Sohn Dettenhausens. Doch zur Zeit ist er sauer auf seine Heimatgemeinde. Der Grund: Eigens zum Dorfjubiläum im Jahr 2000 hatte er ein Theaterstück geschrieben, in dem er Personen und Geschichten, darunter die eines ortsbekannten Schönbuch-Wilderers, in dichterischer Freiheit miteinander verwob. Sehr zum Unwillen der Nachfahren. Weil ihre Familie mit dieser „Lügengeschichte“ heute in Verbindung gebracht werde, lehnten die Enkel das Theaterstück ab. Um den Dorffrieden nicht zu gefährden, schlossen sich die Laienschauspieler an.

25.01.2000
  • Ralf Emrich

Die Absage hat Huby, 61, „getroffen wie ein Schlag, ich bin sehr enttäuscht“. Doch der Erfolgsautor gibt nicht klein bei. Sicher ist mittlerweile, dass das Stück woanders aufgeführt wird. „Es hat die Qualität fürs Theater“ und nach seine Worten „mit leichter Umarbeitung auch fürs Fernsehen und den Hörfunk“. Nachdem er wegen der Änderungswünsche eine Zweitfassung lieferte und sich bereits mit einer dritten Fassung beschäftigte („In der Zeit hätte ich gut und gerne fünf Fernsehspiele gemacht“), versteht er die Einwände nicht mehr: „Die Nachfahren meinen, ihr Großvater würde desavouiert. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.“

In dem als „halbauthentisch“ angekündigten Stück mit dem Arbeitstitel: „Ein Auftrag des Königs“ geht es unter anderem um Georg Gottlieb Bauer, auch „Gottlieb im Tal“ genannt. Der Sohn eines Amerika-Auswanderers verkörpert, so wird es auch im neuen Heimatbuch zu lesen sein, „eine seit Generationen aus wirtschaftlicher Not, zum Teil auch aus Rebellion gegen die Obrigkeit gepflogene Tradition: das Wildern“.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1902, die übrige Bevölkerung besuchte den Gottesdienst, schoss Bauer als 17-Jähriger einen Hirsch. Der Festtagsbraten war allerdings für den König reserviert, was Bauer nicht wusste. Beim Geweih-Verkauf flog die Sache auf. Der Halbwaise wurde zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldbuße verurteilt. Die Strafe wurde allerdings wegen seines jugendlichen Alters in einen zweijährigen Strafdienst umgewandelt. Er leistete ihn in einer Jugendstrafkompanie des badischen Großherzogs in Straßburg ab und wurde sogar wegen guter Führung frühzeitig entlassen.

Bauer, der gerne „Schick“ (Kautabak) kaute und wegen seiner schnarrenden Sprechweise auch „dr Schnädderer“ genannt wurde, starb 1977 mit 92 Jahren. Im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnet, arbeitete er später auch als Jagdaufseher und war wegen seiner Schießkünste auch zum Ehrenmitglied des Schützenvereins ernannt worden. Sogar die Obrigkeit verzieh ihm, wenn auch spät: Zu seinem 80. Geburtstag schenkte ihm die staatliche Forstverwaltung „sein“ Geweih. Bis dahin war es im Bebenhäuser Schloss als jagdhistorische Attraktion ausgestellt worden.

Eine schöne Geschichte, fand nicht nur Helmut Kümmerle und trug sie seinem Schulfreund Eberhard Hungerbühler (Huby) zu, der den „Schnädderer“ von seiner Dettenhäuser Jugendzeit her (1938 bis 1959) noch selbst kannte. Er verarbeitete sie in seinem Stück, das er den Dettenhäusern zur Feier ihres 900-jährigen Bestehens versprochen hatte. Die Handlung, die nicht ohne Liebe im Dorf und den üblichen Familienzwist auskommt, gewinnt ihre Spannung aus einem speziellen Konflikt, der mit der Vergangenheit Dettenhausens als Steinhauer-Gemeinde zu tun hat. Der im Schönbuch gebrochene Keuper-Sandstein diente zum Bau zahlreicher öffentlicher Gebäude und wurde sogar fürs Ulmer Münster geliefert.

Huby stellt den Wilderer als Großvater dar, „als Sozialdemokrat mit dem Anspruch: ,Die Natur gehört allen, deshalb gehört mir auch der Hirsch.““ Mit dieser Haltung gerät er in Gegensatz zu jenen, die um eine Großlieferung von Sandsteinen für den Bau des Neuen Stuttgarter Schlosses fürchten. Dass seine Enkelin „Mariele“ in eine Liebschaft verwi-ckelt wird, geriet für die beiden Enkel, das Geschwisterpaar Manfred Aberle und Sieglinde Horrer, zum zweiten Stein des Anstoßes.

Ein „alter, uneinsichtiger Wilderer, den nicht einmal die eigene Familie zur Vernunft bringt“, sei ihr Opa nie gewesen, entrüsten sich die beiden Enkel und wollen weiterhin auf ihn stolz sein. Dass er im Stück mit seiner „hemmungslosen Wilderei die nahezu einzigen Arbeitsplätze in Dettenhausen“ gefährde, entspreche nicht der historischen Wahrheit. Genau die aber suggeriere das Theaterstück, in dem es heißt, dass “Ähnlichkeiten . . . rein zufällig, aber gewollt“ seien.

Tief enttäuscht zeigt sich Ideenlieferant Kümmerle, zumal er sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er habe Huby nicht wahrheitsgemäß und die betroffenen Verwandten zu spät informiert. Seine Reue und ein gemeinsa-mes Gespräch der Betroffenen mit den Mitgliedern des „Dettahäuser Fleckatheaters“, das sich vor zwei Jahren speziell fürs Huby-Stück gründete und mit zwei Mundart-Komödien auch schon die Generalprobe mit Bravour bestand, fruchtete nicht.

Im Gegenteil. „Wir wohnen auf dem Dorf miteinander“, stellt beispielsweise Rita Binder-Schramm den Frieden über die Streitigkeiten und ist traurig, denn: „Einen Huby spielt man nicht alle Tage.“ Den Streitigkeiten lieber „aus dem Weg gehen“ möchte auch Ingrid Pfeiffer und weiß immer noch nicht, „was eigentlich so Schlimmes dran war an dem Stück“.

„Ich hätte nichts gemacht“, sagt Laienschauspieler Uwe Zimmermann. Der Gemeinderatskollege des Bauer-Enkels Aberle ist ebenfalls über einige Ecken mit historischen Perso-nen im Stück verwandt. Doch jetzt sei „der Karren so weit verfahren, dass die nicht mehr zurück können“. Autor Felix Huby grämt sich nicht so sehr über die Abfuhr („es war ja keine qualitative Ablehnung“).

Aber dass er nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Büttel selbst mitspielen und den Monolog sprechen kann, außerdem die Schauspieler Dietz Werner Steck (Kommissar Bienzle) und Walter Schultheiß wieder ausladen muss, wurmt ihn schon. Da findet er den Entschuldigungsbrief von Bürgermeister Hans-Joachim Raich, dem noch eine Jubiläumsuhr beilag, eher rührend.

Ansonsten empfiehlt Huby den überempfindlichen Nachfahren („Leute, die nie zu einer Bedeutung kommen, nehmen sich da furchtbar wichtig“) den „Gang zum Psychiater“. Grummelt's und macht sich über seinen nächsten Tatort mit Bienzle. Der soll frühestens im kommenden Winter gesendet werden und handelt von Korruption in der Gewerkschaft: „Ein Thema, das zur jetzigen Zeit passt.“

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25.01.2000, 12:00 Uhr

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