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Maßregelvollzug

Therapie hinter Zäunen

Vor zehn Jahren wurde in Weinsberg ein Neubau für psychisch kranke Straftäter eröffnet – mit besserer Betreuung und mehr Sicherheit.

15.10.2016
  • HANS GEORG FRANK

Selbst Martin Supp blickt zufrieden auf das erste Jahrzehnt des neu aufgestellten Maßregelvollzugs im Psychiatrischen Zentrum am Weißenhof bei Weinsberg zurück. „Der hat sich sehr gut bewährt“, lobt der Sprecher einer Bürgerinitiative, die einst mit 7000 Unterschriften die Einrichtung für kranke Straftäter verhindern wollte. Der Winzer ist rundum zufrieden. Dabei hatte einst kein Projekt die Wogen so hochschlagen lassen wie der Neubau für 12,6 Millionen Euro.

Freilich vergisst Supp die Verdienste seiner BI nicht. Erst wegen des massiven Widerstands habe die Landesregierung ihre Pläne korrigiert: „Die ersten Überlegungen waren doch stümperhaft.“ Supp und seine Mitstreiter hatten dem damaligen Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) erhebliche Zugeständnisse abgerungen. Die Sicherheit sei „zwei Zacken höher geschraubt“ worden. Damit meint er auf 5,5 Meter erhöhte Zäune mit Übersteigschutz und Detektoren, die bei Berührung Alarm auslösen. Vor allem aber sei der Personalschlüssel viel besser. Sollten sich ursprünglich 0,6 Betreuer um einen Patienten kümmern, ist das Verhältnis auf 1:1 abgeändert worden.

Wegen der guten Therapie habe sich die misstrauische Bevölkerung mit dem Maßregelvollzug arrangiert: „Wir mussten lernen, dass es Menschen aus unserer Gesellschaft sind, die nicht so einfach weggesperrt werden können.“ Stefan Thoma, der parteilose Bürgermeister von Weinsberg, gibt dem Maßregelvollzug im Weißenhof ebenfalls die Note „sehr gut“. Er weiß auch genau, dass der Bürgerinitiative kein „Ausufern dieser Unterbringungsform“ zu verdanken ist. „Das Land und das Klinikum halten sich an die Beschränkungen, gehen offen und transparent mit dem Thema um und tragen dadurch zur Vertrauensbildung bei.“

Matthias C. Michel, Leiter dieser Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, ist der BI dankbar für „optimale Bedingungen“. Weil Supp & Co „politisch hohen Druck erzeugt“ hätten, sei die Zahl an Patienten auf 100 limitiert worden. „Wir können Patienten an andere Kliniken weiterleiten, die genau so voll sind, aber keine festgeschriebene Maximalzahl haben – das ist mir ganz recht.“ Dennoch seien „kurzfristige Spitzen“ nicht auszuschließen. Im Geschäftsbereich taucht daher ein Nutzungsgrad von 116 Prozent auf.

Der Psychiater ist sehr zufrieden: „Wir haben die Therapie verfeinert, haben spezifischere Angebote für die unterschiedlichen Störungsbilder.“ 44 Männer und sechs Frauen befinden sich im „Hochsicherheitstrakt“. Sie wurden verurteilt wegen Tötungsdelikten, Sexualstraftaten, Brandstiftungen. Aber weil sie psychisch krank sind, kamen sie nicht in ein Gefängnis. Es handle sich um das „gesamte Diagnosespektrum“, sagt Michel. Wahnvorstellungen, Schizophrenie, Intelligenzminderung, Persönlichkeitsstörungen, Demenz. Einige seien von Anfang an da, von diesen wiederum hätten manche schon mehr als ein Jahrzehnt Maßregelvollzug hinter sich, weil sie vorher in Wiesloch gewesen seien.

Der Arzt spricht von einer Zwangsgemeinschaft, in der das Einüben des praktischen Alltags ganz wichtig sei. Der Tagesablauf müsse klar strukturiert sein, vom Wecken um 7 Uhr bis zur Nachtruhe um 22.30 Uhr, vom Frühstück über den Hofgang bis zum gemeinsamen TV-Gucken. Dazwischen Gespräche mit Therapeuten, allein oder in der Gruppe. Abwechslung bietet auch die Arbeit in den Werkstätten im Erdgeschoss. Wenig Geschick ist für das Falten von kleinen Schachteln für Kinderkaufläden oder das Abzählen von Schrauben erforderlich. Das Knacken der Walnüsse für die Ölproduktion sei unbeliebt, sagt ein Mann, der sich als Sexualstraftäter zu erkennen gibt. In der Schreinerei schaffen die Talente, die mit Säge und Hobel umzugehen wissen.

„Ein Stück Normalität“ möchte Psychiater Michel bieten. Dabei verlangt er von den Patienten auch „sozial adäquates Verhalten“, bevor sie auf eine andere Station mit mehr Freiheit verlegt werden können. „Wann darf ich endlich raus“, wird er am häufigsten gefragt, auch wenn er gerade von einem Reporter begleitet wird. Pro Jahr können im Schnitt acht Personen den „Hochsicherheitstrakt“ verlassen. Ihre Rehabilitation ist auch für Matthias C. Michel „ein Erfolgserlebnis“. Allerdings wünscht er sich mehr Offenheit bei der Bevölkerung, wenn es um die Beschäftigung der Ex-Patienten geht.

Die Zurückhaltung ist nicht allein eventuellen Vorurteilen geschuldet. Auch ein tragischer Vorfall wie die Tötung eines 60-Jährigen durch einen Mitpatienten im Januar 2015 bringt den Maßregelvollzug in Verruf. „Aber das war, Gott sei Dank, eine Ausnahme“, betont Michel, „wir haben sehr wenige Übergriffe.“

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15.10.2016, 06:00 Uhr

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