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Thermografie kann zeigen, wo Wärme aus einem Haus entweicht
Vor allem was fürs Auge

Thermografie kann zeigen, wo Wärme aus einem Haus entweicht

Eine einheitlich blaue Fassade ist eine gut gedämmte Fassade. Zumindest auf dem Bildschirm einer Wärmebildkamera. Die bunten Bilder sollen vor allem eines: Ein Bewusstsein für nötige Sanierungen schaffen.

25.11.2015
  • MADELEINE WEGNER

6 Uhr früh in der Reutlinger Innenstadt. Es ist noch dunkel, sternenklar und frostig-kalt. Die Stadt schläft, die Rollläden vor vielen Fenstern sind heruntergelassen. "Das Fenster hinter den Rollläden ist gekippt. Da strömt Wärme raus", sagt Jürgen Kächele. Der Architekt schaut auf den bunten Bildschirm seiner Wärmebildkamera. Die Fassade des Hauses, vor dem er steht, erscheint auf der Kamera in verschiedenen Farben, das Fenster mit dem geschlossenen Rollladen leuchtet rot, am oberen Rand weiß. 17 Grad misst der Fachmann an dieser Stelle - die Wärme strömt wohl durch das gekippte Fenster hinaus.

Zum "Thermografie-Spaziergang" eingeladen hatte an diesem frühen Morgen die Klimaschutz-Agentur des Landkreises Reutlingen. Eine Hand voll Interessierter war dem Aufruf gefolgt. Der Spaziergang sollte für die Thermografie-Aktion der Klimaschutz-Agentur werben. Das Verfahren verspricht, einfach und schnell Wärmeverluste und Schwachstellen eines Gebäudes aufzudecken. "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", sagt Ulrike Hipp von der Klimaschutz-Agentur. Doch so ganz ohne Worte geht es nicht: "Jedes Material strahlt anders ab", sagt Architekt Kächele. Das mache die fachkundige Interpretation der Bilder so wichtig. Ohne das zu untersuchende Haus zu kennen, sagt Kächele, seien Interpretationen oft schwierig. Deshalb mache er Thermografien meist in Begleitung der Hauseigentümer.

Auch reichen die thermografischen Bilder von der Fassade eines Gebäudes allein nicht. Zusätzlich müsste das Gebäude auch von innen genau geprüft werden: Wo sind Wärmebrücken, wo kommt es kalt rein, wo ist es nass und schimmelt es? Wie ist es um den Dachstuhl bestellt? Eine Begehung des Gebäudes zählt nicht zum Thermografie-Angebot der Klimaschutzagentur, das zwischen 129 und 149 Euro kostet.

"Das ist nur für die Augen", sagt Martin Schell von Fair-Energie Reutlingen, einer der Partner der Klimaschutz-Agentur. Dennoch: Eine "tolle Sache" sei die Thermografie, das Bildliche sei schließlich sehr eindrucksvoll. Doch wichtig sei dann die Erstberatung zu einer sinnvollen Sanierung und die Suche nach entsprechenden Spezialisten. Privathaushalte haben in der Stadt Reutlingen am Energiegesamtverbrauch einen Anteil von rund 30 Prozent. "Es gibt also ein großes Einsparpotenzial", sagt Ralf Bültge-Bohla, städtischer Klimaschutzmanager : bis 2020 will die Stadt 35 Prozent reduzieren. Die Zeit für Sanierungen sei wegen der laufenden Förderprogramme und möglicher Tilgungszuschüsse gerade ideal, so Bültge-Bohla.

Auf dem Thermografie-Spaziergang geht es weiter durch die Reutlinger Innenstadt mit ihren vielen Läden, Richtung Weibermarkt steuert Klimamanager Bültge-Bohla die Metzgerstraße an. "Bei den Schaufenstern geht echt was raus", sagt Kächele, während er auf seine Kamera schaut. Er richtet das Gerät auf ein anderes Haus: Das oberste Stockwerk eines der Häuser ist offensichtlich nicht bewohnt und nicht geheizt - es erscheint nachtblau gefärbt auf dem Bildschirm, wie der Himmel über dem vermutlich nicht besonders gut isolierten Dach. Über den Fenstern sind Streifen rot-weiß gefärbt: vermutlich Rollladenkästen, aus denen Wärme entweicht. An einer vergitterten Öffnung in der Fassade misst Kächele eine Temperatur von 40 Grad. Ein Nachtspeicherofen? Abluft von einem Gasofen? Die Interpretation sei eine Sache, sagt Kächele, "was man tun muss, ist eine andere. Für sich genommen ist die Kamera ja erstmal nur ein Messgerät."

Infrarotstrahlung sichtbar machen

Infrarotstrahlung Thermografien zeigen die Oberflächentemperatur eines Gebäudes an. Und das ist – je nach Einstellung der Wärmebildkamera – meist eine farbenfrohe Angelegenheit: Die verschiedenen Temperaturzonen leuchten in Blau, Grün, Gelb, Rot und Weiß. Die für das menschliche Auge unsichtbare Infrarotstrahlung wandelt eine Wärmebildkamera in elektrische Signale um. Daraus erzeugt das Gerät ein Bild in Falschfarben. Dafür ist keine Lichtquelle nötig. Im Gegenteil: Eine Thermografie sollte bei Dunkelheit gemacht werden, weil die Sonneneinstrahlung die Messergebnisse verfälschen würde. Auch Nebel, Regel und Schnee wirken sich ungünstig auf die Messungen aus. Bestimmte Materialien wie Glas oder Metall reagieren besonders empfindlich und können leichter zu Fehlinterpretationen der Bilder führen, weil sie stark reflektieren. del

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25.11.2015, 07:00 Uhr | geändert: 25.11.2015, 06:01 Uhr

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