Bundestagskandidatur

Thomas Hanser (Die Linke): „Der Markt regelt gar nichts“

Der 31-jährige Thomas Hanser tritt 2021 im Wahlkreis 280 Calw-Freudenstadt für die Partei „Die Linke“ an.

19.08.2021

Von Manuel Fuchs

Bei der Bundestagswahl 2017 trat die damals 19-jährige Lorena Müllner aus Altensteig im Wahlkreis 280 Calw-Freudenstadt für die Partei „Die Linke“ an; sie erreichte 4,5 Prozent der Erst- und 5,1 Prozent der Zweitstimmen. 2021 kommt der Bewerber aus Calw: Thomas Hanser kandidierte bereits bei der Landtagswahl 2021 im Wahlkreis Kehl und holte 2,6 % der Stimmen. Bei der Bundestagswahl erhofft für sich und „Die Linke“ ein zweistelliges Ergebnis.

Interview mit dem Bundestagskandidaten Thomas Hanser (Die Linke)
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Bei der Bundestagswahl 2017 trat die damals 19-jährige Lorena Müllner aus Altensteig im Wahlkreis 280 Calw-Freudenstadt für die Partei „Die Linke“ an; sie erreichte 4,5 Prozent der Erst- und 5,1 Prozent der Zweitstimmen. 2021 kommt der Bewerber aus Calw: Thomas Hanser kandidierte bereits bei der Landtagswahl 2021 im Wahlkreis Kehl und holte 2,6 % der Stimmen. Bei der Bundestagswahl erhofft für sich und „Die Linke“ ein zweistelliges Ergebnis.

12:43 min

SÜDWEST PRESSE: Herr Hanser, schön, dass Sie Zeit haben. Möchten Sie sich kurz vorstellen?

Thomas Hanser: Mein Name ist Thomas Hanser, ich bin 31 Jahre alt, gelernter Kfz-Mechatroniker und arbeite seit über sechs Jahren als Monteur für technische Gase.

Sie kandidieren im Wahlkreis Calw-Freudenstadt für den Bundestag. Was verbindet Sie mit der Region?

Das kann ich nicht an einem Gebäude oder einem bestimmten Erlebnis festmachen. Ich bin hier, in Calw und der Umgebung aufgewachsen, hatte hier meinen ersten Kuss, mein erstes Fußballspiel ...

Oh, für wen haben Sie gekickt?

Für Alzenberg-Wimberg und für Oberreichenbach; bis zur C-Jugend, glaube ich, hab ich gespielt.

Und nach der Fußball-Karriere – was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Nach der Fußball-Karriere hat zuerst mal meine Rap-Karriere begonnen, und das hat mich sehr geprägt. So habe ich als Jugendlicher Zugang zu politischen, sozialen und gesellschaftskritischen Themen bekommen. Dadurch bin ich an die Politik gekommen.

Warum für die Partei „Die Linke“?

Wir sind die einzige Partei, die unbestechlich ist. Und die einzige Partei, die die Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnt. Das waren die zwei springenden Punkte für mich, sodass ich gesagt habe: Da kann ich mitmachen.

Ihr Wahlkreis wählt traditionell konservativ. Wie fühlt man sich als Underdog?

Ich fühle mich in dieser Rolle eigentlich sehr wohl. Es konnte ja schon öfter mal ein Underdog überraschen – wie im Fußball.

Welches Wahlergebnis würden Sie als Erfolg verbuchen?

Auf jeden Fall, wenn ich das Ergebnis der letzten Bundestagswahl übertreffe. Ich hoffe auf zehn Prozent, also zweistellig, das wäre ein richtig guter Erfolg.

Neulich war zu lesen, man gewinne Wahlen vor allem, wenn man in seiner eigenen Partei anecke. Womit ecken Sie innerhalb Ihrer Partei am meisten an?

Gute Frage. Ich habe keinen Listenplatz bekommen, ich scheine also anzuecken. Vielleicht benutze ich zu oft den Rechtsstaatsbegriff, der ja gerne auch von der CDU bemüht wird – aber meiner Meinung nach falsch. Ich möchte aber nicht sagen, dass ich irgendwo großartig anecke. Vielleicht bei der Forderung nach einem Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen – ich bin nämlich dagegen. Aber das sollte wirklich das Einzige sein.

Dann darf ich vermuten, Sie besitzen ein Auto und fahren auch gerne schneller als 130?

Einen Mercedes-Benz. Sehr ungewöhnlich für einen Linken, ich weiß.

Lassen Sie uns mal den Blick autobahnschnell in die Zukunft richten: Es ist Ende September, und Sie, Thomas Hanser, tragen das Kürzel „MdB“. Was ist Ihre vordringlichste Aufgabe im Bundestag mit Blick auf ihren Wahlkreis Calw-Freudenstadt, der Sie dorthin geschickt hat?

Ich würde vor allem darauf schauen, dass die Gelder, die kommen, auch ordentlich verteilt werden. Dass nicht Geld für irgendeinen Schwachsinn rausgehauen wird, wie zum Beispiel zwischen Dennjächt und Unterreichenbach. Dort soll eine kaum befahrene Bundesstraße, die B463, dreispurig ausgebaut werden. Dafür werden acht Millionen Euro oder noch mehr vernichtet – an einer Stelle, wo niemand eine dreispurige Bundesstraße braucht.

Was sollte man mit diesen acht Millionen Ihrer Ansicht nach anfangen?

Schulen renovieren! Und Freibäder wiedereröffnen oder dafür sorgen, dass sie geöffnet bleiben. Da gibt es so viele Möglichkeiten: Krankenhäuser sind unterversorgt, Frauenhäuser sind unterversorgt. Auch in der Jugendarbeit wäre das Geld besser angelegt als für diese Bundesstraße.

Wir bleiben visionär, aber vergrößern den Fokus – so etwa auf 10, 15 Jahre. Wie müssen sich der Nordschwarzwald, Baden-Württemberg und die Bundesrepublik Deutschland entwickeln, damit es vorangeht?

Na ja, die Bundesrepublik Deutschland sollte sich so entwickeln, dass sie Menschen nicht wählt, die eindeutig betrogen und beschissen haben. Die das deutsche Volk, den deutschen Wähler betrogen haben: Maskenaffäre, Maut, Aserbaidschan – da gibt es ja zig Beispiele. Die muss und kann ich gar nicht alle aufzählen. Wenn die Leute es begreifen, diese Politiker nicht mehr zu wählen, dann würde in Deutschland vieles besser.

Wie sähe dieses „besser“ in Ihren Augen ausaus?

Wir hätten zum Beispiel kein Problem mehr mit Mieten, weil Wohnungen dann nicht mehr an Privatinvestoren verkauft würden, die eigentlich für den Sozialen Wohnungsbau gedacht sind. Wir hätten mehr Geld für Schulen, für die Gesundheitsversorgung, für die öffentliche Daseinsvorsorge.

Was kann die Politik dazu beitragen, dass man dahin kommt? Außer, dass die richtigen Leute gewählt werden?

Ja, Gesetze verabschieden im Parlament natürlich. Es spielt auch eine Rolle, wer in den Ministerien sitzt und entscheidet, wie die Gelder verteilt werden.

Bleiben wir mal bei dem Wohnungsproblem. Wie muss ein Gesetz aussehen, das Investoren verbietet, Häuser zu kaufen?

Na ja, wir haben jetzt zum Beispiel in Berlin die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, also dass man keine Mietwohnungen im großen Stil ankaufen darf, um damit Gewinne zu machen. Dass das aus dem Aktiengeschäft rauskommt. Wenn ich im Bundestag wäre oder die Möglichkeit hätte, ein Gesetz zu verabschieden, dann eines, das die Mietpreise deckelt, damit die nicht rasant nach oben steigen. Das kann man zum Beispiel an einem Quadratmeterpreis aus dem Mietpreisspiegel der Umgebung festmachen – oder indem ich sage: Ich habe in einem bestimmten Gebiet, Bezirk, Dorf oder Gemeinde ein gewisses Einkommen; da können sich die Menschen keine teuren Wohnungen leisten; so könnte ich das zum Beispiel machen. Oder indem ich den Sozialen Wohnungsbau ausbaue und da mehr Geld investiere. Da ist eben die Frage, wie ich das Geld im Haushalt verteile. Und indem ich zum Beispiel auch sage: Große Immobilienkonzerne dürfen nicht an die Börse. Es ist ein Menschenrecht, zu wohnen – und das gehört nicht an die Börse.

Das ist eine klare Gegenposition zu dem vielzitierten FDP-Slogan „Der Markt regelt das“.

Der Markt regelt gar nichts, das hat man hat ja gerade auch in der Pandemie gesehen.

Sie haben vorhin schon angedeutet, dass Sie Militäreinsätze grundsätzlich für falsch halten. Jetzt ist die Situation in Afghanistan nach dem Truppenrückzug aber, wie sie ist. Welche Schlussfolgerungen ziehen sie daraus für ihre Position und weitere Entscheidungen?

Dass ich auf jeden Fall dabei bleibe, dass Auslandseinsätze und auch Waffenexporte ein Tabu sind.

Das sagen Sie ein paar Kilometer vor Oberndorf, wo Heckler & Koch sitzt, wo möglicherweise auch Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen.

Das ist ja eine Sache des Bruttoinlandsprodukts. Die Rüstungswirtschaft hat daran einen Anteil von 0,26 Prozent. Da kann man ruhig mal sagen: Die Rüstungskonzerne können auch was anderes machen. Wer eine Pistole oder ein Sturmgewehr herstellen kann, der kann auch eine Bohrmaschine herstellen. Wer einen Panzer herstellen kann, der kann auch zum Beispiel Bagger herstellen.

Thomas Hanser (31) aus Calw tritt bei den Bundestagswahlen 2021 im Wahlkreis Calw-Freudenstadt für die Partei „Die Linke“ an.

Kurzfragen:

Die schönste Stadt Baden-Württembergs ist ...

Heidelberg

Kaffeetrinken – lieber mit Christian Lindner oder Tino Chrupalla?

Christian Lindner wäre mir dann doch lieber.

Wem stehen Sie in
ihrer Partei näher: Sarah Wagenknecht oder Katja Kipping?

Keiner von beiden; ich bin bei keinem Flügel.

Lieber Solarzellen auf Ackerland oder Windkraftwerke in den Schwarzwald?

Wenn’s im Schwarzwald Wind hat, dann dort das Windrad. Und wenn’s auf einem Acker Sonne hat, dann dort Solar.

Deutschland braucht die FDP in der Regierung, weil ...

Deutschland braucht die FDP gar nicht in der Regierung. Für mehr soziale Gerechtigkeit werden die nicht sorgen.

In welchem Bundestagsausschuss möchten Sie unbedingt mitarbeiten?

Im Innen- oder Justizausschuss.

Welches Thema oder welches Ministerium interessiert Sie dagegen weniger?

Ans Umweltministerium würde ich mich nicht so gerne ranwagen. Es gibt andere Personen in meiner Partei, die dafür geeigneter sind.

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Erstellt:
19. August 2021, 17:15 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2021, 17:15 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2021, 17:15 Uhr

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