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Rückzug in den Online-Shop

Thomas Heck schließt sein Antiquariat

Der letzte Auktionator verlässt die Stadt. Thomas Leon Heck schließt heute nach 25 Jahren sein Antiquariat in der Kaiserstraße.

31.05.2012
  • Uschi Kurz

Reutlingen. „Haben Sie Angst vor meinem Hund?“. Der Hund ist eine riesige Deutsche Dogge namens Domino, der einen weitgehend leer geräumten Laden bewacht. Einige Bilder stehen noch an den Wänden. Hier und da stolpert der Besucher unversehens über das eine oder andere Kleinod. In einer Ecke steht unscheinbar das Schachbrett, mit dem sich einst Bundeskanzler Georg Kiesinger in strategischen Zügen übte.

Während Heck die letzten Umzugskisten füllt, öffnet sich die Ladentür ein letztes Mal. „Sie sind wahrscheinlich mein letzter Verkäufer“, begrüßt er den ehemaligen Reutlinger Stadtplaner Egbert Martins, der mit einer Kiste voller Bücher den Raum betritt. Weil er in eine kleinere Wohnung zieht, will er sich von ihnen trennen. „Da sind einige schöne Werke darunter“, sagt Heck. Monitär bemerkbar machen sich die anerkennenden Wort freilich nicht: „Die meisten habe ich schon“, feilscht er mit dem Anbieter, der schon seit längerem ein guter Kunde von ihm ist. Schließlich zieht Heck zehn Euro aus dem Portemonnaie, mehr ist ihm der Stapel nicht wert.

Vor 25 Jahren ist er in dem Laden einzogen. Nach Reutlingen gekommen ist er, weil hier das künstlerische Potenzial so groß war. Er übernahm das Antiquariat von einer älteren Frau, die in Ruhestand ging. Die Vorstellung, sich in der Kaiserstraße 64 niederzulassen, dort, wo einst die stattliche Villa Fleischhauer stand, erzählt er, habe ihn damals geradezu beflügelt. Doch obwohl Reutlingen reich an Künstlern und Kunstschätzen sei, so fehle es doch an Wertschätzung. Nur wenige Reutlinger wüssten, wie viele Schätze unter der Achalm verborgen sind. Statt seine Auslagen zu betrachten, klagt Heck, „gucken die sich lieber selber im Schaufenster an“. Bereut hat er sein Engagement gleichwohl nicht. Und ganz wird er sich aus der Achalmstadt auch nicht zurückziehen, sondern mit einem Verkaufsbüro in der Albstraße präsent bleiben.

Jahrelang hing in seinem Laden das Zitat eines unbekannten Autors aus dem 18. Jahrhundert an der Wand: „In Reutlingen floriert kein Kommerzium mit kostbaren Sachen.“ Und als Heck Ende der 90-er-Jahre seinen Traum von einem „Reutlinger Künstler Lexikon“ verwirklichen wollte, habe ihm ein wohlmeinender Freund gesagt: „Wer soll das den kaufen? Das wird eine Totgeburt.“ Er hat das Künstlerlexikon trotzdem veröffentlicht und schließlich sage und schreibe 1200 Exemplare verkauft.

Der konkrete Anlass, drei Jahre nach seinem Tübinger Laden nun auch die Reutlinger Dependance zu schließen, sei eine Mieterhöhung gewesen, berichtet der 54-Jährige. Ein weiterer gravierender Grund: das Internet. Viele Kunden schätzten die Anonymität. Mittlerweile, sagt Heck, laufe fast alles übers Internet. Er hört sich so an, als sei ihm das noch immer nicht ganz geheuer. 2000 Kunstgegenstände bietet er zur Zeit in seinem Online-Shop an.

Den Bezug zu den mehr oder weniger wertvollen Objekten hat er gleichwohl nicht verloren. Er hat sich auch nie auf eine Sparte festlegen lassen. Viele seiner Kollegen, so Heck, hätten sich entweder auf Bücher oder auf Schmuck spezialisieren, aber das reiche ihm nicht. Das eine sei ihm „zu geistlich, das andere zu weltlich. Ich brauche beides.“

In seiner Dußlinger Kunsthalle hat er auf 2500 Quadratmetern Platz für beides – und doch platzt sie bereits wieder aus allen Nähten. Vor kurzem hat er aus dem Nachlass des Ludwigsburger Malers Walter Gutbrod 5000 Bilder übernommen. Eine enormes Werk, zu dem Heck eine ganz besondere Beziehung hat: Der Künstler, der 1998 im Alter von 90 Jahren verstorben ist, war der Kunsterzieher von Heck, als dieser in Ludwigsburg das Mörike-Gymnasium besucht hat.

Dass Gutbrod Wurzeln auf der Schwäbischen Alb hat und somit eigentlich in Hecks „Reutlinger Künstler Lexikon“ aufgenommen hätte werden sollen, hat Heck erst von den Gutbrod-Erben erfahren. Vielleicht gibt es ja einmal eine überarbeitete zweite Auflage. An Künstler/innen fehlt es in Reutlingen nicht, allenfalls an Wertschätzung. Und ab morgen fehlt ein Antiquariat.

Das Schachbrett von Ex-Bundeskanzler Kiesinger ist übrigens im Internet zu haben. Interessenten können es in Hecks Online-Shop anschauen, wo er es für 790 Euro zum Verkauf bietet. Er habe dieses Schachbrett in Tübingen direkt von der Witwe Kiesingers erworben und könne hierzu eine eidesstattliche Versicherung abgeben, versichert der Auktionator im Begleittext. Das Internet, so scheint es, ist eben ein florierendes Kommerzium für kostbare Sachen.

Thomas Heck schließt sein Antiquariat
Thomas Leon Heck mit dem Werbe-Entwurf eines unbekannten Grafikers aus den 50-er Jahren und einem Porträt des Husaren Diezelsky von Fritz v. Kamptz.

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31.05.2012, 12:00 Uhr

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