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Näherinnen bisher kaum entschädigt

Thomas Seibert von Medico International sprach über Arbeitsbedingungen in Südasiens Textilindustrie

„Untragbar“ heißt eine Aktion der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International. Deren Ortsgruppe informierte am Dienstag in Tübingen über Produktionsbedingungen in der südasiatischen Textilindustrie.

02.10.2014
  • Frank Rumpel

Tübingen. Über 1100 Menschen starben, als am 24. April vergangenen Jahres die neunstöckige Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesh, einstürzte. Produziert wurde dort unter anderem Kleidung für Kik, C&A oder NKD. 2000 Menschen überlebten zum Teil schwer verletzt, bekamen zwar eine Erstbehandlung, aber keine weitere ärztliche Versorgung. „Viele haben Metall im Körper, das schon längst hätte entfernt werden müssen“, sagte Thomas Seibert, Südostasienkoordinator bei Medico International, am Dienstagabend vor rund 40 Interessierten im Gemeindehaus Lamm. Am Nachmittag hatte Seibert bereits vor Jugendlichen gesprochen, darunter auch Mitglieder des Tübinger Jugendgemeinderats.

14 Stunden, sechs Tage und kein bezahlter Urlaub

Rana Plaza war zwar die größte, aber längst nicht die einzige Katastrophe in der südasiatischen Textilindustrie. 2012 verbrannten in der Fabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi 255 Arbeiter/innen. „Das war im Grunde eine Kik-Fabrik“, sagte Seibert. In keinem dieser Fälle sei substanziell Entschädigung geleistet worden. Für die betroffenen Arbeiter in Bangladesh gebe es zwar einen Fonds, doch sei bisher nur ein Viertel der nötigen Summe eingestellt worden. Im Fall von Ali Enterprises zahlte Kik eine Million Euro Soforthilfe, die Verhandlungen für eine Langzeithilfe laufen noch. Seibert geht davon aus, dass sie scheitern werden.

In so einer Nähfabrik, erzählte Seibert, der in den vergangenen Jahren mehrfach in Bangladesh und Pakistan unterwegs war, sei es unglaublich laut, extrem heiß, die Luft sei mit Textilfasern geschwängert. Auf einem Stockwerk habe er über 400 Nähmaschinentische gezählt. Gearbeitet werde dort bis zu 14 Stunden, sechs Tage die Woche ohne bezahlten Urlaub – für zwei Dollar am Tag. „Das ist die Armutsgrenze“, sagte Seibert. Und dennoch gelte ein Job in einer Textilfabrik für jene, die aus ärmsten Verhältnissen vom Land in die 14-Millionen-Metropole Dhaka ziehen, „als Hauptgewinn“. Wer dort nicht unterkommt, verdingt sich in der Regel als Tagelöhner. Überlebende von Rana Plaza erzählten Seibert, sie seien vom Land in die Stadt gezogen, weil sie der Zwangsheirat entfliehen oder ihren Kindern den Schulbesuch und eine bessere Zukunft bieten wollten. Diese Perspektive, etwas aus seinem Leben machen zu können, sei nun weg, sagte Seibert. „Das muss mit entschädigt werden.“

Schwierig sind die Strukturen. Nur etwa ein Prozent der Arbeiter/innen ist gewerkschaftlich organisiert. Einzelne treten laut Seibert kaum der Gewerkschaft bei. „Da können sie auch gleich ihre Kündigung unterzeichnen.“ Demonstrationen allerdings, wie zuletzt die dreimonatigen Proteste für einen höheren Mindestlohn, seien gut besucht. „Da geht man hin im Schutz der anderen.“

Zur Besserung setzt Medico nicht auf bloße Appelle. Fairtrade-Kleidung, wie sie in Tübingen erst in wenigen Geschäften zu finden ist, sei zwar als eine Art „Vorposten der Aufklärung“ eine gute Sache. Allerdings werde es wohl ein kleines Marktsegment bleiben, weil die Kosten für die Massenproduktion von Kleidung extrem niedrig seien. Deshalb verhandelt die Organisation nicht mit hiesigen Textilkonzernen, sondern fordert eine Verschärfung des deutschen Haftungsrechts. „Wir verlangen eine politische Veränderung“, sagte Seibert. Erreicht werden soll dies – unterstützt von Verdi, IG Metall und DGB – mit Zivilklagen dreier Arbeiter, die in Karatschi verletzt wurden.

Sollten sie Recht bekommen, müssten künftig die Auftraggeber hier für Unfälle und schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken haften. Eine solche Verschärfung würde auch Abwanderungstendenzen von einem Herstellerland in ein anderes noch weniger reguliertes Land verhindern. Um das zu erreichen, sagte Seibert, müsse hier etwas geändert werden. „Wir sind der erste Auftraggeber in der Kette.“

Thomas Seibert von Medico International sprach über Arbeitsbedingungen in Südasiens
Vor der Veranstaltung mit Thomas Seibert besuchten Mitglieder der Tübinger Medico-Gruppe Bekleidungsgeschäfte, verteilten Flyer, diskutierten mit Kunden. Privatbild

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02.10.2014, 12:00 Uhr

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