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Eigentumsfrage noch ungeklärt

Thorascheibe aus dem Stadtmuseum: Die Enkel des Stifters müssen sich noch gedulden

Komplizierter geht es kaum: Seit einem halben Jahr versucht die Stadtverwaltung, die Frage des rechtmäßigen Eigentums an einer Thorascheibe zu klären. Daraus ist ein völkerrechtliches Problem mit immer mehr Beteiligten erwachsen.

13.02.2011

Von Hans-Joachim Lang

Das Tübinger Stadtmuseum verwahrt seit 16 Jahren eine Thorascheibe, die aus dem Nachlass des evangelischen Theologie-Professors Otto Michel abgegeben wurde. Michel hatte sie viele Jahrzehnte in seinem Besitz, aber er hatte nicht zweifelsfrei überliefert, wie sie in seine Hände gekommen war.

Verschleppte Kulturgüter

Am 19. Juli vergangenen Jahres informierte die Stadtverwaltung die Medien, dass sie nun die Herkunft der Thorascheibe und die Frage nach ihrem rechtmäßigen Eigentümer aufklären wolle. Zu diesem Zweck meldete sie diesen einzig verbliebenen Rest einer Thorarolle an die Internetdatenbank „lostart“, deren Betreiber für den Bund und die Länder weltweite Recherchen anstellen, damit verschleppte Kulturgüter an die richtige Stelle finden.

Aus der hebräischen Aufschrift der äußerlich unversehrten Tora-scheibe geht hervor, dass sie von Josef Zwi Szpiro zum Andenken an seine am 24. Juli 1922 gestorbene Mutter der Synagoge im polnischen Zgierz gestiftet wurde. Die Synagoge wurde im Oktober 1939 von deutschen Nazis niedergebrannt. Die darin vorhandenen Thorarollen konnten vor der Brandstiftung auf dem Jüdischen Friedhof des Ortes versteckt werden, aber die Besatzer zerstörten den Friedhof kurze Zeit später und verwandelten das Gelände in eine Viehweide.

TAGBLATT-Recherchen führten fünf Tage nach der städtischen Pressemitteilung nach Jerusalem zu dem Psychologen und Schriftsteller Avner Falk, einem Enkel des Thora-Stifters. Völlig überrascht antwortete er unverzüglich mit einer Email ans TAGBLATT: „In der Tat bin ich der Enkel von Jozef Hersz Szpiro aus Lodz, der 1890 geboren wurde. Meine Schwester und ich kennen zwar nicht die Geschichte der Thorarolle unseres Großvaters, aber wir wissen, dass er 1941 im Ghetto von Lodz entweder verhungert ist oder ermordet wurde. Wir wären selbstverständlich sehr daran interessiert, die Thorarolle zu erhalten, die ihm gehörte.“

Doch so schnell, wie erhofft, bekam Avner Falk die Thorascheibe nicht ausgehändigt, und es ist nach einem halben Jahr noch immer nicht abzusehen, ob sie seine Familie jemals erhalten wird. Bei seiner Ansprache am vorigen 9. November am Tübinger Synagogenplatz deutete Oberbürgermeister Boris Palmer zwar an, dass die Ansprüche der Szpiro-Nachfahren wohl bald geklärt seien, doch in der Kulturausschuss-Sitzung am vorgestrigen Donnerstag sprach Palmer von einem „heiklen Thema“. Dass immer noch eine Fülle von Fragen geklärt werden muss, hatte die Verwaltung schriftlich dargelegt.

Deren Gründlichkeit für eine Vielzahl von Details begegnete Falk in den zurückliegenden Wochen erst mit Skepsis, dann mit Unverständnis. Inzwischen erwägt er juristische Schritte, um die Herausgabe der Thorarolle zu erreichen.

„Die Stadtverwaltung hält den familiären Zusammenhang für wahrscheinlich, auch wenn noch ein Nachweis der Geburtsurkunde fehlt“, formuliert die Stadt als Ausgangsüberlegung. Allerdings kommt hinzu, da es sich bei der Thorarolle um eine Stiftung handelt, dass möglicherweise auch noch andere Eigentumsansprüche zu berücksichtigen sind. Aus Zgierz selbst sei auf eine Anfrage keine Antwort gekommen, die jüdische Gemeinde Lodz als übergeordnete Verwaltung habe bereits abgewinkt.

Doch war unterdes bereits der wissenschaftliche Leiter der „Conference on Jewish Material Claims Against Germany“ in New York angefragt worden, der wiederum Fachleute der World Jewish Restitution Organization konsultierte – Einrichtungen, die aufgrund der vielfältigen deutschen Raub- und Beutezüge erforderlich geworden sind. Eine Lösung fiel ihnen jedoch nicht ein, weil der Fall wegen fehlender internationaler Regelungen zwischen Polen, Deutschland und Israel „außergewöhnlich“ sei und „eine hohe Sensibilität verlangt“. Ein Musterbeispiel, nachdem man verfahren könne, existiere jedenfalls nicht.

Auf Anregung der Koordinierungsstelle in Magdeburg, die „lostart“ betreibt, informierte die Stadt auch das Auswärtige Amt. Dieses wiederum hat „seinerseits das Jüdische Museum Berlin und die entsprechende Abteilung des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien involviert“ und will sich, so die Mitteilung der Stadt, „weitere Schritte“ vorbehalten. Und: „Als weitere Institution steht der Zentralrat der Juden Deutschland der Stadtverwaltung als Berater zur Verfügung.“ Immer ist von einer „juristisch außergewöhnlichen Gemengelage“ die Rede und von „sensiblen Bereichen“ im diplomatischen Zusammenspiel.

Unglücklicherweise überlieferte eine Tochter Otto Michels, dass die Thorascheibe in der Tübinger Synagoge gewesen und nach deren Zerstörung – ein Jahr vor der Vernichtung der Synagoge in Zgierz – in Michels Hände gelangt sein könnte. In diesem – unwahrscheinlichen – Fall wäre vielleicht die Israelische Religionsgemeinschaft Stuttgart als Rechtsnachfolgerin der Jüdischen Gemeinde in Tübingen anspruchsberechtigt. Also will die Stadt auch Expertenrat aus Stuttgart. Und sollten in diesem Netz von Interventionen noch zusätzliche Ansprüche hängen bleiben, „sieht sich die Stadtverwaltung in der Pflicht, ein Mediationsverfahren einzuleiten, um angesichts des ernsten Hintergrunds angemessen zu reagieren“.

Den eigentlichen ernsten Hintergrund sieht Avner Falk darin, dass die Nazis Polen überfielen und sein Großvater ums Leben gebracht wurde. Nachdem die polnischen Juden in großer Zahl ermordet, ihre Synagogen zerstört, die Thorarollen entweiht und von Deutschen geraubt sind, argumentiert er, müsse man die Stiftung seines Großvaters als null und nichtig ansehen. Damit fiele die Stiftung wieder zurück an den Stifter, der indes aus den beschriebenen Gründen seit 1941 tot ist.

Es spräche also einiges dafür, statt noch weitere Experten zu bemühen, die drei noch lebenden Enkel nach Tübingen einzuladen – die Geschwister Avner Falk und Ibby Mekhamndarov sowie deren Cousine Gili Haberberg – und ihnen, denen die Thorascheibe als Erinnerungsstück so kostbar ist, persönlich zu übergeben. Diese Geste wöge mehr als ein abstraktes Recht, mit dem in diesem Fall ganz gewiss niemandem geholfen wäre.

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Erstellt:
13. Februar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Februar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2011, 12:00 Uhr

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