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Kein Grund zum Katzenjammer

Tierheim wehrt sich gegen Kritik an seiner Vermittlungspraxis

Vergibt das Tübinger Tierheim Katzen nach schlecht bis nicht nachvollziehbaren Kriterien? In den letzten zwei Wochen erreichten das TAGBLATT fünf Leserbriefe zum Thema, in denen übereinstimmend harsche Kritik an der Vermittlungspraxis geübt wurde. Was sagen die Tierheimmitarbeiter dazu?

13.11.2014
  • benedikt reder & Lorenzo zimmer

Tübingen/Reutlingen. Wer sich ein Haustier anschaffen möchte, sollte sich das reiflich überlegen. Wer kümmert sich um das Tier, wenn man bei der Arbeit ist? Wo bleibt es während des Urlaubs? Hat das Tier genügend Freiraum? Wenn jemand in ein Tierheim kommt, um ein Tier zu bekommen, müssen die Pfleger sicherstellen, dass über diese Fragen nachgedacht wurde.

„Wir können in die Leute nicht reinschauen – umso wichtiger ist der Eindruck beim persönlichen Gespräch“, sagt Felix Wagner, Leiter des Tübinger Tierheims. Dabei gehe man intensiv auf die zukünftigen Lebensumstände des Tieres ein. „Wir müssen prüfen, ob der Haushalt und die Umgebung grundsätzlich für die Haltung eines Haustieres geeignet ist.“ Dabei sei außerdem entscheidend, um was für ein Tier es sich handelt und wo es vorher gelebt hat: „Ich kann eine Katze, die auf dem Land aufgewachsen und nicht an Autos gewöhnt ist, nicht in einen Haushalt an einer Hauptverkehrsstraße geben“, sagt Suzana Kröker, Katzenhausleiterin im Tierheim. Schlechte Erfahrungen mache man als Tierpfleger ansonsten auf die harte Tour. Felix Wagner: „Ich musste in der Vergangenheit immer wieder tote Katzen von der Straße aufsammeln, die wir erst wenige Monate zuvor vermittelt haben.“ In Anbetracht des betriebenen Aufwandes und der Fürsorge, welche die Mitarbeiter des Tierheims binnen weniger Wochen für ihre Zöglinge entwickeln, sei so etwas eine besonders bittere Erfahrung. „Wenn man ein Tier mit der Flasche aufzieht oder in desolatem Zustand aufpäppelt, bleibt eine emotionale Bindung nicht aus“, so Wagner.

Nach einem medizinischen Check und häufig auch einer kostenaufwändigen Kastration werden die Tiere bis zu einer Vermittlung im Tierheim untergebracht. „Anschließend suchen wir für das jeweilige Tier ein passendes Zuhause“, sagt Kröker. „Die Leute kommen dann oft mit einer Erwartungshaltung zu uns: Wir haben ein Tier im Internet gesehen und wollen es gleich mitnehmen – diesen Satz hören wir ganz oft.“ Ob dann auch die Familie passe, sei für die zukünftigen Halter oft nebensächlich. Doch „eine Vermittlung lässt sich nie pauschalisieren“.

Tiere verfügen über einen individuellen Charakter und damit auch über individuelle Bedürfnisse an ihr neues Heim. So sei es möglich, dass Anfragen von potenziell gut qualifizierten Katzeneltern abgelehnt werden, weil keine passende Katze verfügbar ist. Ob und warum abgelehnt wird entscheiden dabei immer die Pfleger, da nur sie einschätzen könnten, ob die neuen Halter den Bedürfnissen gerecht werden können. Die Vermittlungskriterien haben sich im Lauf der Zeit auch verändert. Die Lage und Größe der Unterkunft, das Alter der Abnehmer sowie ihre gegenwärtige Lebenssituation finden nun stärkere Beachtung – natürlich auch, weil man in der Vergangenheit immer wieder schlechte Erfahrung gemacht habe.

Birgit Jahn, Vorsitzende des Tierschutzvereins in Reutlingen, äußert sich ähnlich: „Das Beratungsgespräch ist das Wichtigste und gehört zu einer guten Vermittlung dazu. Das Tier muss zum Menschen passen.“

Im Gegensatz zu Tübingen wird in der Nachbarstadt eine reine Wohnungshaltung aus tierschutzrechtlichen Gründen abgelehnt. Eine Innenstadtlage wird in Reutlingen dennoch berücksichtigt, da „es auch in Innenstädten ruhige Lagen gibt, wo eine Vermittlung möglich ist“. Eine Vorkontrolle komme nur in Frage, wenn Einschränkungen für das vermittelte Tier aufgrund der Wohnsituation oder der Berufstätigkeit der Abnehmer zu erwarten seien. Trotz der ähnlichen Kriterien käme es aber immer wieder dazu, dass jemand, der in Tübingen kein Tier erhalten habe, in Reutlingen eins bekommt – und umgekehrt. „Auch im Tierheim menschelt es“, sagt Birgit Jahn. „Es kommt auf den persönlichen Eindruck im Gespräch an und der kann bei uns natürlich ein anderer sein als bei den Kollegen in Tübingen.“

Der Vorsitzende des Tierschutzvereins in Tübingen, Hans Noe, kennt die Problematik: „Wenn jemand keine Katze bekommt, schreibt er einen Leserbrief.“ Die 300 zufriedenen Katzeneltern würden sich hingegen nicht wieder melden – sie seien glücklich. „Aber wir werden unsere Kriterien überdenken und in Zukunft flexibler und großzügiger mit der Vergabe umgehen – ohne dabei leichtfertig zu sein“.

Schließlich ginge es um Lebewesen und nicht um Waren.

Tierheim wehrt sich gegen Kritik an seiner Vermittlungspraxis
Kater in Lauerstellung – zusammen mit vielen anderen Artgenossen hofft er im Tübinger Tierheim auf ein neues Zuhause.Bild: Sommer

Das Tierheim Tübingen beschäftigt derzeit fünf Vollzeit-Mitarbeiterund drei Teilzeit-Mitarbeiter. Hinzu kommen Ehrenamtler. Etwa 270 Katzen werden im Jahr vermittelt. Zwischen 30 und 40 Prozent der Anfragen werden durch die Pfleger abgelehnt.
Das Reutlinger Tierheim verfügt ebenfalls über fünf Vollzeitkräfte, außerdem arbeiten 16 Mitarbeiter in Teilzeit. Die Zahl der Ehrenamtlichen wird mit an die 100 angegeben. 2013 vermittelte das Heim 485Katzen. Eine Schätzung über die Anzahl der abgewiesenen Interessenten liegt in Reutlingen nicht vor.

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13.11.2014, 12:00 Uhr

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