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Floßaugen überall

Tilmann Marstaller über Neckar-Flößerei und Baukunst

Die Flößerei am oberen Neckar krempelte die Architektur im Albvorland um. Herrschaftliche Bauten wie die Tübinger Uni hingen ab vom Holztransport auf dem Wasser.

31.10.2012
  • Mario Beisswenger

Tübingen. „Eigentlich besteht die ganze Uni aus Floßholz.“ Mit Sätzen wie diesem unterhielt der Bauforscher Tilmann Marstaller im Regierungspräsidium sein gut achtzig Männer und Frauen zählendes Publikum. Eingeladen hatte die Behörde und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.

Marstaller sammelt seit Jahren Belege für den Zusammenhang von Bauentwicklung in Tübingens Umgebung und dem Aufschwung der Flößerei. Lokales Paradebeispiel sei der historische Kern der Universität vom Gebäude der Pädagogen in der Münzgasse über die Alte Burse bis zur Stiftskirche. Die wurden alle mit geflößtem Holz gebaut.

Es sei dieser wassergestützten Baulogistik zu verdanken, dass Tübingen die einzige, ab 1477 in einem Zug gebaute historische Universität besitzt, sagte Marstaller. Die Bestellliste für Fachwerk und Dachstuhl ging an den Oberlauf des Neckars, das Holzsortiment wurde fertig angeliefert. „Das war wie im Baumarkt fix und fertig zugeschnitten.“

Rechtliche Grundlage für die Flößerei war ein Abkommen zwischen der in Rottenburg residierenden Pfalzgräfin Mechthild und ihrem Sohn und Unigründer Eberhard für die zollfreie und unbeschränkte Anlieferung der Nadelholzstämme. Sie kamen aus den württembergischen Teilen des Schwarzwalds hinter Horb, mussten aber durchs vorderösterreichische Ausland schwimmen. Dieses Handelsproblem habe die Frau gelöst. „Ein Beispiel für schwäbische Mütterleswirtschaft.“

Der Bauforscher kann die Folgen für Bautätigkeit und Architektur links und rechts des Neckarlaufes ablesen. Noch bis ins 15. Jahrhundert sei Nadelholz als Bauholz selten gewesen. Bei seinen Untersuchungen findet er vor allem die witterungsbeständige und druckstabile Eiche. Weitspannende Holzkonstruktionen seien aber erst mit biegestabilen Tannen und Fichten möglich.

So begründet Marstaller auch die Ablösung von Kirchen des Basilika-Typs zur breiten Hallenkirche mit dem neuen Baustoff. Exemplarisch seien die Möglichkeiten von Nadelholz am Dach der Tübinger Stiftskirche zu sehen: „Größer als da geht es eigentlich nicht mehr.“

Auch die Ausplünderung des Schönbuchs lasse sich dokumentieren. So wurde die Residenz des Waldvogts mitten im Schönbuch in Waldenbuch mit geflößtem Nadelholz gebaut, weil in unmittelbarer Nähe fast kein Bauholz mehr zu beschaffen war. Marstaller versuchte die Zuhörer zu verleiten, selbst die Spuren der Flößerei zu verfolgen.

Am Gebälk alter Häuser lassen sie sich finden: Zeichen der Flößer-Unternehmer, Herkunftszeichen und am häufigsten die Floßaugen oder Wiedlöcher. Die dreieckigen Auskerbungen mit schräger Durchbohrung dienten einst zum Zusammenbinden der Balken zum Floß. „Ich seh’ die inzwischen überall“, sagte Tilmann Marstaller.

Tilmann Marstaller über Neckar-Flößerei und Baukunst
Flößer auf dem Neckar bei Tübingen um das Jahr 1890: Schon weit unterhalb der Tübinger Neckarbrücke befindet sich dieses Floß, an dem man deutlich die „Wieden“ (Weiden) erkennen kann, mit denen die einzelnen Hölzer verbunden waren. Einer der Flößer stochert, der andere steht am Bremsklotz, mit dem man „sperren“ (bremsen) konnte. Das Foto von Paul Sinner aus den 1890er Jahren zeigt im Hintergrund die Tübinger Gartenstraße und den Österberg sowie links die Tübinger Stiftskirche, deren Kirchenschiff nur dank der geflößten Nadelholzstämme aus dem Schwarzwald in dieser Größe gebaut werden konnte.

Jokele sperr – mit diesem Ruf „vexierten“, also ärgerten, Tübinger Studenten die Flößerknechte. Zum Ruf dazu gehört: „Es gibt en Ailaboga.“ Ein Knick (wie ein Ellenbogen) in einem tonnenschweren Wasserfahrzeug von mehr als 200 Metern Länge war gefährlich. Ein Floß außer Kontrolle konnte Brücken umreißen, Wehre zerstören oder Ufer umpflügen.

Die Sperre war die Bremse am hinteren Ende des Floßes. Der Sperrstümmel, ein kräftiger Balken, rammte sich notfalls in den Flussgrund, die Strömung richtete das Floß wieder gerade. Allerdings war es dann auch nicht einfach, die Sperre wieder los zu machen.

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31.10.2012, 12:00 Uhr

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