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Kommentar: Peter Rist

Time to say goodbye

Da hat der singende Reutlinger Finanzbürgermeister mal wieder einen großen Auftritt gehabt. Aber die Bühne des Hobby-Schlagersängers Peter Rist war nicht die Listhalle, sondern das Rathaus – bei der Einbringung des Doppelhaushalts am Donnerstag.

16.11.2012
  • Thomas de Marco

Ob Staatsverschuldung, finanzpolitische Risiken, Haushaltssperre oder drohender Einnahmerückgang, für jede Misere hatte der Bürgermeister einen Schlager parat. Von Udo Jürgens über Nena bis zu Michael Holm oder Konstantin Wecker bekamen jede Menge Vertreter der gesungenen Lebensweisheiten die zweifelhafte Ehre, dass Zeilen aus ihren Hits das Zahlenwerk des Reutlinger Haushalts garnierten.

So sei Peter Alexanders „Ich zähle täglich meine Sorgen“ zur heimlichen Hymne des Finanzdezernats bei der Haushaltsaufstellung geworden, sagte Rist – und trällerte die Worte des großen Österreichers vor dem Plenum. Auch „Das bisschen Haushalt“ von Johanna von Koczian durfte beim Ringen um den Etat nicht fehlen.

Sicher, bedrohliche Töne klangen auch an in der Rede des Finanzbürgermeisters. Dieser Haushalt sei wie kein anderer der letzten Jahre auf Kante genäht, der Entwurf mithin „hart an der Grenze des Verantwortbaren“, warnte er. Aber mit „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena ließ sich für Rist die Frage, wie der steigenden Verschuldung zu begegnen sei, locker beantworten. Auch durchaus mahnende Worte, dass nicht einmal höhere Steuereinnahmen den Städten zur Konsolidierung ihrer Finanzen helfen, gingen in seiner Schnulzensoße unter.

Nun gab es schon immer Menschen, die für Schlagerbotschaften weniger empfänglich sind. Auch im Reutlinger Gemeinderat, wo einige Vertreter ob der gesungenen Zugaben zu den Zahlen das Gesicht verzogen oder peinlich berührt den Kopf schüttelten. OB Barbara Bosch saß derweil zur Salzsäule erstarrt auf ihrer Regierungsbank. Sicher nicht nur, weil Rists gesungene Frage „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?“ nicht so einfach zu beantworten ist. Dass der Finanzbürgermeister bei der Sitzung zudem von der Firma „Nachtschwärmer-Film“ aus Mainz für einen Dokumentarfilm mit Kamera begleitet wurde, passte auch nicht jedem.

Dabei hat es sich Rist sicher nicht einfach gemacht – weder mit seiner Rede noch mit dem Basteln des Etats. „Die Aufstellung dieses Haushaltsentwurfs hat auch mich persönlich extrem viel Mühe gekostet“, erklärte er – und stieß in der Schlagerwelt auf einen Troubadour, der ihn zu selbstkritischen Tönen animierte: „Aller guten Dinge sind drei“, lehre Reinhard Mey, „mein vierter Doppelhaushalt für die Stadt Reutlingen ist insofern kein Meisterwerk“, betonte Rist. Auf Facebook informierte er gleich noch seine Fangemeinde: „Heute hatte ich abseits der Musik eine Aufgabe zu erfüllen, die mir sehr schwer fiel. Ich habe es mit Humor versucht, ganz im Sinne von Horaz: ‚Warum die Wahrheit nicht auch scherzend vortragen?‘“ CDU-Gemeinderat Karsten Amann antwortete: „Es kommt der Zeitpunkt, an dem auch die Würde des Amts leidet.“ Womöglich sei der schon überschritten.

Da nimmt es nicht Wunder, dass im Reutlinger Rathaus zum Beispiel eine genaue Analyse der strukturellen Reutlinger Unterversorgung mit Gewerbesteuereinnahmen erst für Mitte des nächsten Jahres vorgesehen ist. Dann wird bereits der Nachfolger des scheidenden Gesangs- und Finanzbürgermeisters im Amt sein. Doch schon jetzt dürfte einigen in Rathaus und Gemeinderat das englisch-italienische Gesangsduo Sarah Brightman und Andrea Bocelli nicht aus dem Kopf gehen. „Time to say goodbye“ singen die beiden.

Time to say goodbye
Ist offenbar auch von OB Barbara Bosch nicht zu stoppen: der singende Bürgermeister Peter Rist.

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16.11.2012, 12:00 Uhr

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