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Tochter jahrelang eingesperrt
Gepflegte Wohngegend: Im Dachgeschoss des zweistöckigen Hauses in Rosenheim ist eine verwahrloste junge Frau entdeckt worden. Foto: dpa
Rosenheim: Als der Gerichtsvollzieher kommt, wird Familiendrama bekannt

Tochter jahrelang eingesperrt

Eine 54-jährige Frau hat ihre 26-jährige, geistig behinderte Tochter jahrelang eingesperrt. Die Frau war völlig verwahrlost, ebenso die Wohnung. Das Drama wurde bekannt, als es zur Zwangsräumung kam.

20.04.2016
  • PAUL WINTERER, DPA

Rosenheim. Es ist nicht die beste Wohngegend in Rosenheim, doch die Häuser am nördlichen Stadtrand sind gepflegt und erst vor wenigen Jahren modernisiert worden. Zwischen zwei Wohnblöcken liegt ein kleineres, zweistöckiges Acht-Parteien-Haus.

In einer der beiden Dachgeschosswohnungen dort hat die Polizei gestern eher zufällig eine schreckliche Entdeckung gemacht: Eine 54-jährige Mutter hat ihre geistig behinderte Tochter jahrelang in völlig verwahrlostem Zustand in einem kleinen Zimmer eingesperrt.

"Wie konnte ich das wissen?", sagt die Nachbarin, die in der Mansardenwohnung neben der Zweizimmerwohnung lebt. "Sie wollte sich ja nicht helfen lassen." Vor allem nachts habe die Tochter öfter geschrien und gegen die Wände getreten, "aber keiner hat geöffnet, wenn ich geläutet habe".

Seit die heute 26-Jährige vor etwa fünf Jahren eine Schule für geistig Behinderte verlassen hat, sei sie Tag und Nacht in der Wohnung gewesen, sagt die Nachbarin sichtlich erschüttert. "Nur einmal im letzten Jahr durfte sie kurz raus. Wenn man sie gesehen hat, hätte man nicht geglaubt, dass etwas nicht in Ordnung ist."

In der Wohnung lebe auch der etwa 15-jährige Sohn der Frau, sagt die Nachbarin. Er besuche ein Gymnasium. Angeblich war ein Umzug in eine größere Wohnung geplant, "damit (er) ein eigenes Zimmer zum Hausaufgabenmachen hat". Der Vater der 26-Jährigen sei gestorben, der Junge habe einen anderen Vater.

Anscheinend hat die Mutter die Miete für ihre kleine Wohnung nicht mehr bezahlen können. Als gestern um kurz vor 10 Uhr der Gerichtsvollzieher an der Haustür läutet und eine behördlich angeordnete Zwangsräumung vollziehen will, springt die 54-Jährige vom Treppenhaus im zweiten Stock in die Tiefe.

Polizeisprecher Stefan Sonntag vermutet, dass sich die Frau in einer für sie ausweglosen Situation befand und umbringen wollte. Schwer verletzt wird sie in ein Krankenhaus gebracht. "Sie ist in einem kritischen Zustand, aber nicht in Lebensgefahr." Vernehmungsfähig sei sie vorerst nicht.

Als Polizisten die Wohnung betreten, finden sie die Räume völlig verwahrlost vor. Ein Zimmer ist abgesperrt. Sie brechen die Tür auf und finden die junge Frau "in psychischem Ausnahmezustand", wie Sonntag es nennt. "Sie war auf den ersten Blick verwahrlost und nicht auf dem geistigen Stand einer 26-Jährigen. Auch das Zimmer war in einem sehr unhygienischen Zustand." Womöglich durfte die junge Frau nicht einmal auf die Toilette gehen. Sie wird in eine Nervenklinik gebracht.

Vom Treppensturz der 54-Jährigen hat die Nachbarin zunächst nichts mitbekommen. "Ich habe einen lauten Schlag gehört", erinnert sie sich, "aber ich stand unter der Dusche und konnte nicht nachsehen".

Als sie eine Stunde später einkaufen gehen will, ist überall Polizei. "Die wollten mir nicht sagen, was passiert ist, Nachbarn haben es mir erzählt."

Jetzt, da die möglicherweise jahrelange Freiheitsentziehung der jungen Frau aufgeflogen ist, macht sich die Nachbarin Gedanken, ob sie hätte einschreiten sollen. "Ich wollte schon etwas melden, aber dann habe ich mir gedacht, das Kind hat doch eine Mutter und einen Bruder."

Murat Hylai (33), der in einem anderen Haus der Siedlung wohnt, empört sich, als er von dem Familiendrama erfährt. "Das ist eine Frechheit", sagt der vierfache Familienvater. "Dass so etwas heute noch passiert, ist unmenschlich und geht gar nicht."

Die 67-jährige Waltraut Gelner, ebenfalls aus der Nachbarschaft: "Es ist erschreckend, dass man so etwas nicht weiß. Es macht mir Angst."

Die Polizei steht erst am Anfang ihrer Ermittlungen. Sie will nicht sagen, ob in dem Fall womöglich ein behördliches Versagen vorliegt. Die 26-Jährige wird der Polizei bei der Aufklärung kaum helfen können, wie Sonntag meint: "Eine Kommunikation mir ihr ist sehr, sehr schwierig."

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20.04.2016, 06:00 Uhr

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