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Todesnachricht von der Front

Totensonntag Der Weitinger Augustin Schmid musste 1916 in der Schlacht an der Sommes kämpfen. Christine Schmid sah ihren Ehemann nie wieder.

19.11.2016
  • Hermann Nesch

Der morgige Totensonntag ist für viele Menschen, wie eine Woche zuvor am Volkstrauertag, Anlass, der Verstorbenen zu Gedenken – auch der Opfer des Krieges, aus Vergangenheit und Gegenwart. Betroffen sind zig-millionenfache Einzelschicksale. Ein Solches geschah vor 100 Jahren in Weitingen, dem Jahr der Entstehung des Totensonntags.

Die Kriegserklärung nach dem Attentat von Sarajewo löste in Deutschland einen richtigen Erregungsrausch aus, der das ganze Land erfasste.

Wie immer unterlag die Stimmung dem Einfluss der Medien, damals der Zeitungspropaganda, Deutschland habe die bestausgerüstete Armee, sei unbesiegbar. Ganze Jahrgänge, Studenten, Dichter, Musiker und Künstler meldeten sich freiwillig für den von „außen aufgezwungenen Krieg“.

Die Alltagsroutine schien durchbrochen, die allgemeine Spannung gelöst: „Auf in den Kampf, mir juckt die Säbelspitze!“ Es herrschten schon über 40 Jahre Frieden seit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Da ließ Sedan grüßen, die siegreiche Schlacht vom 1./2. September 1870, als es Moltke gelang, eine französische Armee mit Kaiser Napoleon III. einzukesseln und zur Kapitulation zu zwingen.

Und wurde nicht dieser Kult auch durch den so genannten „Sedanstag“ nicht zu lange und zu gerne gepflegt? So war nur allzu verständlich, dass die Siegeszuversicht – auch auf der anderen Seite, inklusive Kriegsbegeisterung – grenzenlos war und der Krieg als „Ausflug nach Paris“ angesehen wurde.

Aber es kam bekanntlich anders. Von wegen „In ein paar Wochen sind wir wieder zurück“! Viele haben das geahnt und nicht „Hurra“ geschrien. Auch Augustin Schmid aus Weitingen. Seine Frau Christine hatte geweint, als ihr Mann Haus und Hof sowie die junge Familie gen Frankreich verlassen musste. Gerade mal zwei Jahre waren sie verheiratet, hatten einen einjährigen Sohn, als er 1916 zum zweiten Mal an die Front musste. Christine Schmid sah ihren Ehemann dann nicht mehr. Im nervenaufreibenden, erbarmungslosen Stellungskrieg mit seiner bisher noch nie gesehenen mörderischen Materialschlacht im Norden Frankreichs starb er im Alter von 38 Jahren am 30. September 1916 „im vordersten Graben bei Ausübung seiner von ihm stets treu und willig erfüllten Pflicht in der heißen Somme-Schlacht den Heldentod fürs Vaterland“.

Die im fünften Monat schwangere Christine Schmid dürfte es kaum getröstet haben, „die Versicherung unserer innigsten Teilnahme“ zu empfangen und auch, dass die Kompanie „Ihrem Manne ein treues Andenken bewahren“ wird. Sie musste sich mit ihrer Landwirtschaft und den beiden Kindern alleine durchs Leben schlagen.

Auch das 1934 „vom Führer“ verliehene Witwen-Ehrenkreuz änderte daran nichts. Sie kannte das Elend des Krieges und bei ihr fanden auch gerade deswegen und trotz ihrer bescheidenen Verhältnisse die nach dem Zweiten Weltkrieg eintreffenden Flüchtlinge und Heimatvertriebenen besondere Hilfsbereitschaft und Unterstützung.

Entlang der Somme, einem Fluss im Norden Frankreichs, fanden 1914 und 1916 schwere Kämpfe statt. Die schwere und berüchtigte Schlacht vom Spätsommer 1916, war nur eine von vielen vergeblichen und äußerst verlustreichen Versuchen beider Seiten, zwischen 1915 und 1917 einen entschlossenen Durchbruch durch die rund 700 Kilometer lange Front zu erzielen.

Kein „Auf Wiedersehen auf dem Boulevard“ in Paris. Kein Sedan-Erlebnis. Verdun ging in die Geschichte ein, wurde zum Menetekel. Fast 600000 Tote, darunter 240000 Deutsche, ließen in einem sinnlosen Kampf „um ein paar Quadratmeter“ ihr Leben. Der Krieg war hier „total“ geworden und war doch nur Vorbote eines schlimmeren.

Am aufgezeigten Beispiel wird deutlich, dass hinter den nackten und doch schrecklichen Zahlen Millionen solcher Einzelschicksale aus beiden Kriegen mit unbeschreiblichem Leid und zerstörtem Familienglück stehen. Sie stehen aber auch als Mahnung, aller Gewalt und Aggression, allem Streit und Unrecht, allen Feindbildern in den Köpfen zu entsagen, damit solche schreckliche Ereignisse künftig verhindert werden können. Augustin Schmid war nur einer von 42 Gefallenen Weitingern im Ersten Weltkrieg.

Der Zweite Weltkrieg forderte aus Weitingen 52 Gefallene und Vermisste. Darum sollte ihnen morgen, am Totensonntag, nicht als Helden, sondern als Opfer gedacht werden.

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19.11.2016, 01:00 Uhr

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