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Urteil

Tödliches Spiel

Der Fahrdienstleiter von Bad Aibling erhält dreieinhalb Jahre Gefängnisstrafe. Laut Gericht geschah das Zugunglück, weil der Mann mit dem Handy anstatt mit der Streckenführung befasst war.

06.12.2016
  • PATRICK GUYTON

Traunstein. Nach dem Urteilsspruch von dreieinhalb Jahren Gefängnis für den Fahrdienstleiter von Bad Aibling liest Richter Erich Fuchs die Namen und das Alter der zwölf bei dem Zugunglück am 9. Februar 2016 Getöteten vor. Der älteste der Männer war 56 Jahre alt, der jüngste 26. Es waren zwei Pendlerzüge, die um 6.47 Uhr in Oberbayern auf der Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim auf eingleisiger Strecke ineinander gekracht waren.

Dass der Fahrdienstleiter Michael P., 40 Jahre alt, Schuld daran hat, stand schon vor Beginn des Prozesses fest. P. gestand, beiden Zügen gleichzeitig das Signal zur Fahrt gegeben zu haben. Er gestand auch, bei seinem Notruf nach dem Fehler auf die falsche Taste gedrückt zu haben – statt der beiden Lokführer wurde das Schienenpersonal alarmiert.

Für das Landgericht Traunstein ist sein Fehlverhalten fahrlässige Tötung, es bleibt nur knapp unterhalb der von der Staatsanwaltschaft geforderten vier Jahre Haft. Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe oder maximal zweieinhalb Jahre Gefängnis beantragt.

Die entscheidende Ursache für die Fehler des Fahrdienstleiters sind nach Auffassung des Gerichts klar aufgedeckt. „Das Spielen am Smartphone“, sagt Richter Fuchs, „ist ein klarer Dienstverstoß“. Hat das verbotene Spielen am Handy während der Arbeit – das Fantasy-Spiel „Dungeon Hunter 5“ in einer mittelalterlichen Welt – Michael P. so abgelenkt und in Anspruch genommen, dass er die Bahn-Streckenführung falsch bediente? Das Gericht hält das für erwiesen.

In leidenschaftlicher Wortwahl beschreibt Richter Erich Fuchs die Handy-Aktivitäten. P. sei „gedanklich blockiert und fixiert gewesen“. Seine Fehler hätten „nichts mit einem Augenblicksversagen“ zu tun gehabt. P. habe „seine ganze Konzentration auf das Smartphone verwendet“. Sein Fazit: „Das Unglück wäre nicht passiert, wenn er das Spiel nicht gespielt hätte.“

Das Gericht zeichnet das Bild eines Bahn-Bediensteten, der zumindest seit Jahresbeginn, seit die Ermittler sein Handy-Verhalten darstellen können, zunehmend in den Sog des Spielens geraten war. Über die Wochen sei das „mit zunehmender Intensität“ erfolgt, so Fuchs. Am Unglückstag während 70 Prozent seiner Arbeitszeit, die um 4.45 Uhr begonnen hatte.

Vor der Urteilsverkündung steht Joachim Blosfeld an der Tür des großen Gerichtssaals B 33. Er war in einem der Unglückszüge. „Ich hatte mich gegen die Fahrtrichtung gesetzt“, sagt er, „ausnahmsweise.“ Beim Zusammenprall drückte es ihn deshalb in den Sitz hinein und warf ihn nicht heraus. „Sonst wäre ich nicht mehr hier.“ Er kam mit Prellungen davon.

Blosfeld erinnert sich: „Ein Knall, dann alles dunkel.“ Dann habe er „die Schreie gehört, die Hilferufe“. Blosfeld lässt sich immer noch psychotherapeutisch behandeln, er fährt keine Bahn und keine S-Bahnen mehr.

Warum ist er hier? „Mir geht es um die Verantwortung dieses Menschen“, sagt der 62-jährige Bauingenieur. „Ich habe keine Rachegefühle.“ Doch die Entschuldigung von P. anzunehmen, die dieser ausgesprochen hatte, „fällt mir schwer“. Eine Botschaft ist Joachim Blosfeld wichtig: „Geht mit den Smartphones behutsamer um.“

Außerhalb jeder Kritik bleibt in dem Urteil die Deutsche Bahn AG, der Arbeitgeberin von Michael P. Es gebe „kein anderes Verschulden“ als jenes von P. Das Gericht konnte „keine Anzeichen erkennen, dass die Stellwerkstechnik nicht funktioniert“.

Alt ist die Anlage von Bad Aibling schon, aus dem Jahr 1971, aber nicht beschädigt oder kaputt. Ob die Bahn weitere Sicherungssysteme verwenden müsste, dazu könne das Gericht „keine Aussage machen“, so Richter Fuchs.

Vorteilhaft hat sich für den Verurteilten laut Gericht dessen Geständnis ausgewirkt, dass er die Schuld anerkenne und auch selbst Opfer sei – „Opfer seiner Spielleidenschaft“. Die Freiheitsstrafe biete ihm nun die Chance, meint der Richter, „strukturiert auf die Entlassung hinzuarbeiten“.

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06.12.2016, 06:00 Uhr

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