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Törtchen zum Trost
San Marinos Nummer eins: Aldo Simoncini. Foto: afp
San Marino

Törtchen zum Trost

Aldo Simoncini, der Torwart des Zwergstaats, geht einen höchst unkonventionellen Karriereweg.

11.11.2016
  • RAIMUND HINKO

Serravalle. Unten am Rasen des „Stadio Olympico“ von Seravalle quält sich der Platzwart noch mit dem hässlich braunen Unkraut rum, mit Breitwegerich, der gegen Haarausfall helfen soll, aber nicht der Schnelligkeit des deutschen Direktspiels förderlich ist. Oben, gleich neben der Burg der größten Gemeinde San Marinos, schaut Aldo Simoncini (30) traurig gegen eine leere Wand.

Seit Wochen hat er den Platz an dieser Wand für Manuel Neuer reserviert. Direkt neben dem blauen Pulli von Italiens Nationaltorwart Gianluigi Buffon sollte das Trikot des weltbesten Torwarts hängen. Aldo hat davon geträumt, hat dabei die Alpträume vergessen, die ihm hin und wieder seine 210 Gegentore in 51 Länderspielen bereiten. Händedruck und Trikottausch mit dem großen blonden Deutschen, das war Aldos Traum in der WM-Qualifikation. Dann las er im Internet, dass Neuer abgesagt hat.

Simoncinis Leben ist voll von Alpträumen wie diesem. Es ist zehn Jahre her, dass er im Koma lag. Er war als 18-Jähriger am Steuer eingeschlafen, hatte sich Becken, Ellbogen gebrochen, das Knie zertrümmert, lag vier Monate lang im Bett. Wie durch ein Wunder stand er ein Jahr später wieder im Tor. Und weil der amtierende Nationaltorwart Frederico Gasperoni zermürbt war von 161 Gegentoren, keine Lust mehr hatte, kam Simoncini zu der Ehre seines zweiten Länderspiels.

Es sollte eine historische Partie werden, jenes 0:13 von San Marino am 6. September 2006 in der EM-Qualifikation gegen Deutschland. Obwohl Aldo vorher noch zum Jux für einen Fotografen sein Tor zugemauert hatte, verging ihm das Lachen schnell. Nie hat der 33 000-Einwohner-Staat 19 Kilometer östlich von Rimini höher verloren, nie die DFB-Elf ein Auswärtsspiel höher gewonnen.

Simoncini, damals Student der Betriebswirtschaft, tauschte sein Trikot mit Jens Lehmann und der deutsche Torwart, den er heute als Kommentator von RTL wieder trifft, sagte: „Du hast eine große Karriere vor dir – ganz bestimmt.“ Was man so oder so sehen kann. Simoncini durfte fünf Jahre für San Marino spielen, aber im Ausland, weil San Marino in Italiens vierter Liga mitspielt. Doch fast immer saß Aldo auf der Bank, da sich dieser Klub Italiener im Tor leisten kann.

Als er im Jahr 2011 für 25 000 Euro Ablöse zum nahe gelegenen Erstligisten Cesena wechselte, ging es ihm nicht besser. Dort war er nur Torwart Nummer drei. Glücklich wurde er erst, seit er in San Marinos Liga für Rekordpokalsieger Libertas hält. Wie jetzt am Sonntag beim 0:0 gegen San Giovanni. „Kein Gegentor, das ist für mich wie ein Feiertag“, sagt Aldo, heute diplomierter Informatiker und lacht laut, richtig befreiend.

Eigentor des Zwillingsburders

Zuletzt hatte ihm auch sein Zwillingsbruder Davide, laut Marktwert mit 50 000 Euro doppelt so viel wert, Alpträume bereitet. Beim 1:4 in Norwegen, schoss San Marino nach 15 Jahren zwar sein erstes Auswärtstor. Aber Davide legte ihm das Eigentor zum 0:1 ins Netz. Aldo reagierte gefasst: „Was soll ich ihm böse sein? Seit über zehn Jahren verstehen wir uns im Strafraum blind.“ Dann kamen zunächst Scherze der Kameraden oder Kollegen am Arbeitsplatz: „Seid ihr gar keine eineiigen Zwillinge?“ Oder, etwas gemeiner, von einem Fan: „War das eine Wette?“ 2006 gegen Deutschland, wurde Davide nach 69 Minuten eingewechselt. Damals bekamen die beiden Studenten zum Trost nach dem 0:13 bergeweise „Serenissima“ nach Hause geschickt. Das sind Törtchen aus Haselnüssen, Mandeln und Honig, zuckersüß, die Spezialität von San Mario. Serenissima, wie auch die Nationalmannschaft genannt wird, wobei es selten süß schmeckt, was die Zuschauer sehen, mal abgesehen 2004, beim einzigen Sieg in der Länderspielgeschichte, dem 2:1 gegen Liechtenstein. Oder 1993, dem ersten Unentschieden, 0:0 gegen die Türkei.

Simoncini würde alle Torten sausen lassen, wenn ihm Neuer sein Trikot schickt. Er hat so viel dazugelernt. 2006, vor dem Spiel gegen Deutschland, redete ihm sein Trainer ein, er könne noch reaktionsschneller werden, wenn er mit Tennisbällen trainiert. Das ist in Italien üblich, hat sich aber längst als Blödsinn herausgestellt. „Wir sollten lieber mit Medizinbällen spielen“, sagt Aldo und lacht: „Weil da bestimmt keine 16 ins Tor gehen.“ Raimund Hinko

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11.11.2016, 06:00 Uhr

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