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Weshalb sich Jürgen Wertheimer nach dem Halbfinale nicht einfach nur freuen kann

Tore und Bomben - das banale Spiel oder das Leben

Das 7:1 gegen Brasilien hat den Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer „innerlich aufgewühlt“. Weil, als „die hübschen Tore“ fielen, zugleich im Gaza-Streifen und Israel Bomben einschlugen.

10.07.2014
  • Interview: Raimund Weible

TAGBLATT: Was hat dieses WM-Halbfinale am Dienstagabend bei Ihnen ausgelöst? Konnten Sie sich richtig freuen beim grandiosen Sieg Deutschlands gegen Brasilien?

Tore und Bomben - das banale Spiel oder das Leben
Jürgen Wertheimer. Archivbild: Metz

JÜRGEN WERTHEIMER: Mir war eher zum Erstarren und Erstaunen zumute als zum sich Freuen. Wie kann so was geschehen, wie kann ein professionelles System in Minuten so kollabieren, dass das Spiel den Charakter eines Trainings-Gekickes erhält? Was tun elf Spieler, wenn sie wissen, sie müssen jetzt noch eine Stunde irgendwie durchhalten und möchten sich doch am liebsten in Luft auflösen? Und auch diese Gedanken gingen mir durch den Kopf: Was tun 60.000 hoch emotionalisierte Fans mit ihren filetierten Gefühlen? Wie steht man diese öffentliche Demütigung durch?

Also kam bei Ihnen keine richtige Freude auf?

Nein, dieser Abend hat mich innerlich aufgewühlt. Während diese hübschen Tore fielen, fielen in Israel und im Gaza-Streifen die Bomben. Das eine ist und bleibt ein Spiel. Das andere ist alles andere als ein Spiel.

Müssen wir nun ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir uns über ein tolles Spiel der Nationalmannschaft freuen und in Palästina sterben die Menschen?

Das darf keine Frage des schlechten Gewissens sein. Schlechtes Gewissen lähmt immer. Man soll nicht gelähmt werden, sondern sensibilisiert sein. Das führt dazu, dass man Fußball wieder Fußball sein lässt. Glücksfälle und Katastrophen stehen immer nebeneinander, doch an so einem Abend wiederum stößt solch’ eine Synchronie besonders auf.

Mitleid mit den Verlierern?

Mitleid? Nein, in solchen Momenten will man begreifen, was eigentlich passiert. Ganz sicher ist, solch ein Moment repräsentiert eine besondere – traumhafte – Form der Realität und findet doch konkret im Hier und Jetzt statt. Wahnsinn wird zu Wirklichkeit, Wirklichkeit zum Wahnsinn. Und tausend Strategien, Planspiele, Fachsimpeleien, Expertengespräche lösen sich in Nichts auf.

Und wie stehen wir danach da?

Solch ein Ereignis macht uns fassungslos und wir müssen alles neu codieren. Gut, dass alles – hier muss ich wieder die Plattitüde verwenden – tatsächlich nur ein Spiel ist. Es betrifft 40, 50 Leute konkret. Alle anderen, sie mögen sich noch so oft identifizieren, noch so oft von „Wir“ reden, haben letztlich nicht mehr damit zu tun wie das Publikum in einem Theater. Das Licht geht an – man reibt sich verwundert die Augen und weiter geht das banale, aber eigene Spiel oder Leben. Und die eigenen kleinen Niederlagen, Miseren, Zipperlein und Siege stehen im Zentrum.

Für Brasilien ist die WM vorbei. Hat die Ernüchterung in Brasilien auch etwas Gutes für die Nation?

Brasilien hat jetzt die Chance, wieder im eigenen Land ohne WM-Flitter anzukommen. Aufzuräumen, statt sich von einer Illusion betäuben und vertrösten zu lassen. Ich hoffe, nach diesem Hype um die WM und der immensen Geldverschwendung für die Stadien findet die Politik einen Weg, sich um das Wesentliche zu kümmern: Die sozialen Verhältnisse in diesem Land zu verbessern.

Was bewirkt ein 7:1-Sieg gegen Brasilien? Könnte ein möglicher deutscher WM-Sieg dem Nationalismus in Deutschland Auftrieb geben?

Ich würde mich freuen, wenn der Mythos der Unbesiegbarkeit, des immer Recht-Kriegens und es den anderen auch in der Krise Zeigens nicht zu bombastisch aufgeblasen würde. Die Freude über den dritten Platz beim Sommermärchen 2006 war mir angenehmer als der wahrscheinliche Titel es wäre.

Er nimmt sich auch mal die Freiheit, auf einer Tagung in Wien den Fußball als „größtes Verharmlosungsprojekt der Welt“ zu bezeichnen: Den Tübinger Komparatist, Poetikdozentur-Erfinder und „Werte-welten“-Lenker Jürgen Wertheimer scheint eine Art Hassliebe mit dem beliebtesten Volkssport zu verbinden. Als bekennender 1860-Fan schrieb er im Jahr 2000 über „Fußball und Masochismus“, für André Heller (und auch ursprünglich die Fifa) organisierte er 2006 einen Berliner Fußball-„Gipfel der Weltliteraturen“, zu dem damals hochkarätige Intellektuelle wie Per Olov Enquist, Péter Esterházy und Henning Mankell aufliefen. Auch in Tübingen beschäftigte sich sein „Forum der Weltliteraturen“, unter anderem mit den Literaturnobelpreisträgern Imre Kertész und Herta Müller, im Vorfeld der Fußball-WM in Deutschland.

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10.07.2014, 12:00 Uhr

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