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Extreme Emotionen und absolute Harmonie

Totschlagsprozess gegen Ehefrau: Zeugen schildern Beziehung und Persönlichkeit höchst unterschiedlich

Im Prozess gegen die 27-Jährige, die am 15. Januar ihren 46-jährigen Ehemann erstochen hat (wir berichteten mehrfach), machten Zeugen vor dem Schwurgericht widersprüchliche Angaben über die Beziehung zwischen den Eheleuten.

11.10.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen/Sulzau. Laut einer 20-Jährigen aus Bieringen war die Angeklagte am Tag der Tat „sehr gut drauf“, ihr Mann „gut“. Gegenüber Männern habe die Angeklagte sich offen, aber nicht flirtend verhalten, sagte die Studentin auf Nachfrage des psychiatrischen Gutachters Dr. Peter Winckler am Dienstag vor dem Schwurgericht Tübingen.

Auf Wunsch der Angeklagten kümmerte sich die damals 19-Jährige in der Tatnacht um deren beide Kinder. „Sie haben gesagt, dass der Papa gestorben ist und irgendetwas mit einem Messer.“ Warum die Angeklagte ausgerechnet sie um Unterstützung bat, habe sie sich auch gefragt. Beide kannten sich erst sechs Monate aus dem gemeinsamen Frauenfußballteam und von der Narrenzunft Sulzau.

Knapp zwei Wochen vor der Tat verbrachte ein enger Freund der Familie den Jahreswechsel 2011/12 mit dem Paar, dessen Kindern und anderen Freunden in einer Hütte in Österreich. Die Eheleute seien ihm „wie frisch verliebt“ vorgekommen, sagte der 31-Jährige. Er ist Vorsitzender der Narrenzunft Sulzau. Der getötete 46-Jährige war sein Vize.

Rückschauend fand der Zeuge, die Eheleute hätten eine Beziehung in Extremen geführt, „von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt“. Von außerehelichen Kontakten habe er nie etwas bemerkt und hätte sich eine Affäre auch bei keinem der beiden vorstellen können. Von Gerüchten, die Angeklagte sei aus dem Haus der Familie ausgezogen, die vor Weihnachten 2011 in Bieringen (dem Wohnort des Paares) kursiert sein sollen, wisse er nichts, sagte der Zeuge auf eine Frage des Vorsitzenden Richters Ralf Peters. „Bei uns in Sulzau gab es diese Gerüchte nicht.“ Die Angeklagte hatte damals einen zweiwöchigen Feuerwehrlehrgang besucht.

„Sie ist noch jung, sie will etwas erleben“

Der Altersunterschied zwischen den beiden habe ihn anfangs skeptisch gestimmt, sagte der 31-Jährige. „Aber man hat es nicht gemerkt, er war so jugendlich.“ Dass der 46-Jährige nicht entschiedener reagierte, wenn seine Frau aggressiv ausrastete (das TAGBLATT berichtete), deutete der Zeuge so: „Er wollte Gras über die Sache wachsen lassen und Ruhe reinbringen.“ Der Zeuge aber hatte den Eindruck, dass bei dem Paar „immer noch mehr dazu kam, noch ein Verein, Autos, Urlaub“.

Bei einem Besuch der Narrenzunft in Göttelfingen Ende Januar 2011 wurde die Angeklagte gegen ihren Mann und andere handgreiflich und ließ sich auch nach Stunden kaum beruhigen, berichtete der 31-Jährige. Als sie sich am Folgetag telefonisch entschuldigte, bot der Zeuge ihr ein Gespräch an – um „ihr vielleicht auch mal klarzumachen, einen Schritt langsamer zu machen, nach ihrem Mann zu schauen, nach ihren Kindern“. Gleichzeitig habe er sich gedacht: „Klar, sie ist noch jung, sie will etwas erleben.“ Die Angeklagte habe ihm seine offenen Worte nicht übelgenommen. „Sie wirkte dankbar an jenem Abend.“

Gleich zwei Zeuginnen charakterisierten die Angeklagte als „die Aufgeweckte“, ihren Mann als „den Ruhigen“ in der Beziehung. Die 27-Jährige habe immer voller Ideen gesteckt, was man unternehmen könne. Eine der beiden Frauen, eine 35-Jährige aus Wurmlingen, war ebenfalls mit im besagten Hüttenurlaub. Sie kennt die Angeklagte seit etwa 15 Jahren, „seit der Gründung der Narrenzunft Sulzau“, und erlebte das Paar stets als „harmonisch“. Im Silvesterurlaub hätten die beiden auch Zärtlichkeiten ausgetauscht, sagte die Zeugin auf Nachfrage des psychiatrischen Gutachters.

Den Tattag verlebte das Paar wie gewohnt voller Aktivitäten: Die Angeklagte und ihre Mutter sorgten beim Frühschoppen der Feuerwehr Sulzau für die Bewirtung. Der Ehemann und der 31-Jährige Zeuge trafen gegen 10 Uhr beim Zunftmeisterempfang in Mühringen ein. Am dortigen Fasnetsumzug am frühen Nachmittag beteiligte sich die ganze Familie. Der Prozess wird am Montag, 22. Oktober, fortgesetzt.

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11.10.2012, 12:00 Uhr

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