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Der Philosoph Theodor Haering hat sich für seinen „Weltuntergang“ Tipps vom Autor Hermann Hesse geholt

Träume von der Erde letzten Tagen

Weltuntergangsszenarien hatten schon immer Konjunktur. Von der Apokalypse über die vermeintlichen Prophezeiungen des Nostradamus, von den Hieronymus-Bosch-Visionen bis hin zur Maya-Vorhersage am kommenden Freitag, 21. Dezember, zieht sich eine lange Reihe der Endzeiterwartung. Auch Theodor Haering verfasste nach dem Kometenjahr 1910 ein 171-seitiges Gedicht: „Weltuntergang“.

18.12.2012
  • Manfred Hantke

Am 19. Mai 1910 sauste die Erde durch den Schweif des Halley’schen Kometen. Schon Monate zuvor versetzte das kommende Ereignis die Erdbewohner in Angst und Schrecken. Denn die Astronomen hatten ein giftiges Gas darin entdeckt. Grund genug also, vor dem Schweifstern gehörig Angst zu haben und das Ende der Welt zu erwarten. Grund genug aber auch für Literaten, mit der Angst Auflage zu machen.

Auch Theodor Haering, späterer Philosophieprofessor an der Tübinger Universität, wollte den Kometen-Hype nutzen. Der damals 26-Jährige hatte eine Zeit schwerer innerer Kämpfe hinter sich: Er schmiss seine Pfarrerlaufbahn, sattelte auf Philosophie um, schloss im Kometenjahr 1910 seine Dissertation über Kant ab und streckte seine Fühler nach Bonn aus, wo er bei dem auch im Ausland bekannten Psychologen und Philosophen Oswald Külpe von 1911 an seine Habilitation begann.

Nebenbei versuchte sich Haering in der Dichtung, eine Gattung, zu der er sich berufen fühlte. Schon als Jugendlicher schrieb er Verse auf Verwandte, beschenkte seine Eltern mit lyrischen Texten. Haering spürte also die „zwei Seelen in seiner Brust“, die wissenschaftliche und die schriftstellerische.

Am 28. Juni 1910 gestand Haering seinem Idol Hermann Hesse (die Verbindung der Familien Haering und Hesse resultierte aus den freundschaftlichen Zuneigungen der beiden Väter Theodor von Haering und Johannes Hesse) zunächst, eine „Camenzind’sche Schublade“ zu besitzen, aus der er auch einmal „etwas hervorzulangen hoffe, wenn die Zeit da ist. Etwas Dramatisches. Denn da liegt meine Liebe.“

Bislang sei alles im Geheimen geblieben, nur wenige wüssten von seiner Leidenschaft. Zeigen wolle er erst etwas, wenn es fertig ist. Auf den Rat seiner Tübinger Professoren bereite er sich jetzt „an einer norddeutschen Universität“ (Bonn) auf die Habilitation vor. Doch beides, poetische Phantasie und abstraktes Denken, sei ihm ein „Lebensbedürfnis“.

Bald wolle er auch der Öffentlichkeit zeigen, was er dichterisch zu leisten vermag, schrieb unter dem Eindruck des gerade überstandenen Weltuntergangs vom Mai 1910 seinen eigenen „Weltuntergang. Träume von der Erde letzten Tagen“ – ein 171 Seiten langes Gedicht in einer DIN A5-Kladde, mal im Paarreim, mal im Kreuzreim, erhalten im Nachlass des Philosophen, der in der Tübinger Universitätsbibliothek liegt.

Weil der junge Haering jedoch in Verlagsfragen unerfahren war, wandte er sich an Hesse. Hesse war zu dieser Zeit bereits durch seinen „Hermann Lauscher“, „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ weit bekannt. Am 15. April 1911 öffnete Haering dann seine „Camenzind’sche Schublade“. In zwei Visionen werde ihm der „Erduntergang“ geoffenbart, schrieb er an Hesse. Vor dem Hintergrund des Halley’schen Kometenjahres sei ihm der Gedanke gekommen, wie es wäre, wenn all das Schöne und Hässliche unserer modernen Kulturmenschheit plötzlich vergehen müsse. Weil das Kometenjahr noch nicht allzu ferne sei, wolle er sein Gedicht möglichst bald herausgeben. Haering frug nach einem Verlag, „wo man am ehesten Hoffnung auf gerechte und entsprechende Beurteilung haben kann.“

Hesse nannte ihm fünf Verlage, wo er sein Glück versuchen könne, darunter den S. Fischer Verlag in Berlin und die beiden Münchener Verlage Albert Langens und Georg Müllers. Aber es komme vielleicht auch „der alte, etwas verwahrloste Verlag Cotta in Stuttgart in Betracht“. Weil sich Hesse bereits im Umgang mit Verlagen auskannte, gab er Haering noch den „guten Rat, in den Briefen an die Verleger nicht allzu bescheiden zu sein“. Verleger seien „keine Götter, selber nur Stück Publikum, urteilen selten fein und originell“. Wenn Verleger von ihm eine Beteiligung an den Druckkosten fordern sollten, solle Haering „natürlich“ ablehnen und nur Vorschläge mit Tantiemen von mindestens 15, höchstens 20 Prozent vom Preis annehmen. Haering solle sich auch nicht von Enttäuschungen und Misserfolgen kränken lassen.

Ob Haering es versucht hat, seine „Träume von der Erde letzten Tagen“ an den Verlag zu bringen, ist nicht bekannt. Stattdessen bot er dem Cotta-Verlag am 11. Mai 1911 ein Liederbüchlein an: „Rot und weisse Liebe“. Er poetisiert darin in schwermütigem Ton zerbrochene Liebe, verlorene Freundschaften und dauernde Freundesliebe, die Abwehr gegenüber neuen Bekanntschaften und bekennt persönliche Charaktereigenschaften, wie etwa seine Unduldsamkeit. Dem laut Hesse „etwas verwahrlosten Cotta-Verlag“ wollte Haering zunächst den Vorzug geben, denn „als Schwabe steht mir Ihr Verlag am nächsten“, schrieb er nach Stuttgart.

Seine Lieder seien aus dem „lebendigen Erleben heraus entstanden“ und trügen dadurch etwas Unmittelbares und oft geradezu volksliedmäßiges an sich“, warb er für sich. Geld verdienen wolle er damit nicht, dazu seien ihm die Lieder „zu lieb“. Den Absatz halte er für vollkommen gesichert, zumal er einen ausgedehnten Bekanntenkreis habe.

Ganz wichtig sei ihm aber, das Büchlein unter dem Anagramm Thor Heingard (auch das Weltuntergangsbuch sollte mit diesem Pseudonym erscheinen) herauszubringen. Denn er habe die akademische Laufbahn beschritten, man sehe es nicht gern, wenn wissenschaftliche und poetische Werke unter dem gleichen Namen erscheinen.

Obwohl Haering fünf Tage später noch einmal bei Cotta nachlegte und die Abnahme „eine(r) größere(n) Anzahl“ Bücher in Aussicht stellte, wurde es mit Cotta nichts. Stattdessen erschien das Buch im Curt Wigand Verlag.

Was aber entging dem Leser mit den „Träumen von der Erde letzten Tagen“? Der Inhalt des Science-Fiction-Gedichts ist rasch erzählt. Der Held (Theodor Haering) erfährt in zwei Visionen vom Untergang der Erde. Ein Feuermeer wütet, Häuser stürzen ein, brennen lichterloh, Menschen fliehen. „Kein Räumlein mehr, das ihnen Zuflucht gab / In Masse schlang die Erde sie hinab / Mit ihren Städten, ihrem Eigentum... / Und Trümmerfelder türmten sich ringsum.“

Der Protagonist unternimmt eine Reise durch Raum und Zeit, sieht das Verderben und beschreibt die letzten Stunden der Menschheit: Paganninis Geige wird zerstört, Beethovens Neunte erklingt, ein Dichter singt seine letzten Lieder, Fromme beten, die Adventisten hoffen: „In Schutt und Trümmern liegt des Louvre’s Bau/Und Feuerflammen schlagen draus hervor / Und reißen an sich, was noch sterblich ist.“ Vor seinen Augen verbrennt die im Feuerschein lächelnde Mona Lisa.

Im nächsten Augenblick versetzt Haering seinen Helden in die griechische Antike: „Behaglich lag vor seiner Tonne/ Diogenes am Waldrand in der Sonne.“ Als dem aber ein Wanderer vom Weltuntergang berichtet, bleibt der ziemlich cool: „Die Welt mag untergehen, die fade / Doch – um die Tonne ist es schade.“ So öffnet „gähnend gierig“ die Erde „Schlund auf Schlund“, bis der Held aufwacht, denn es war nur ein „Traumgesicht“. Die Erde steht noch, „und jubelnd schau ich all den Wundern zu/ O Mai (1910)! O Mensch! O Welt! Wie schön bist du!“ Vielleicht war die Maya-Vision ja auch nur ein Traum. Wir sehen uns dann am Samstag wieder.

Bilder: Archiv, Universitätsbibliothek Tübingen

Info: Die im Text benutzten Briefe stammen aus folgenden Archiven: Universitätsbibliothek Tübingen, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Schweizerisches Literaturarchiv Bern.

Träume von der Erde letzten Tagen
Theodor Haering

Träume von der Erde letzten Tagen
Hermann Hesse

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18.12.2012, 12:00 Uhr

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