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Leitartikel · Bildung

Träumt weiter

Ausgerechnet die Aufgaben fürs Abi in Mathematik und Englisch haben Unbekannte bei einem Einbruch ins Solitude-Gymnasium in Stuttgart vor gut zwei Wochen in den Fingern gehabt.

24.04.2017
  • ALFRED WIEDEMANN

In beiden Fächern hat sich Baden-Württemberg für Teile der Prüfungsaufgaben im Aufgabentopf bedient, der für alle Bundesländer offen ist. Dieser gemeinsame Topf, der auch Aufgaben für Deutsch und Französisch enthält, soll dafür sorgen, dass den Abiturienten nicht mehr so Unterschiedliches abgefordert wird. Außerdem sollen Resultate vergleichbarer werden. Wenigstens in vier Fächern und wenigstens zum Teil – ein Zentralabitur ultralight also.

Wenn sich alle 16 Bundesländer auf Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch einigen konnten, sollten auch einheitliche Prüfungsaufgaben von Berlin über München bis Stuttgart möglich sein. Sollte man meinen. Zu mehr als dem gemeinsamen Aufgabentopf zur gefälligen Bedienung hat es nicht gereicht.

Die Frage ist, ob in Zukunft noch mehr drin ist als dieser Tippelschritt in Richtung Zentralabitur. Frankreich oder inzwischen auch Österreich haben es. Nicht nur die Eltern, die von Bundesland zu Bundesland umziehen, ärgern sich über die unterschiedlichen Anforderungen an ihre Schulkinder. 2015 votierten beim Ifo-Bildungsbarometer 86 Prozent der Befragten für deutschlandweit einheitliche Abiturprüfungen. Über Unterricht und Lernstoff entscheidet aber jedes Bundesland. Da können Föderalismuskommissionen Jahrzehnte tagen, die Bildungspolitik gibt keine Landesregierung aus der Hand. Das ist lang eingeübte Realität. Bayern ist stolz auf sein anspruchsvolles Abitur und fürchtet, dass die Standards weiter sinken, während Schülern in Brandenburg oder Thüringen das Abi angeblich nachgeworfen wird. Gerechtigkeit ist nicht gefragt.

Natürlich birgt mehr Zentralismus auch Gefahren. Stichworte sind Noten-Dumping oder Niveau-Sinkflug. Dagegen lässt sich vorgehen. Beim Auswählen einheitlicher Aufgaben zum Beispiel. Das kann nur funktionieren, wenn alle Bundesländer mitreden. Geschenkt soll es die Hochschulreife nicht geben, es gibt heute schon genug Klagen von Hochschullehrern über mangelhafte Studierfähigkeit vieler Erstsemester. Bayern könnte dann ja jede vorgesehene Abitursaufgabe abklopfen und ablehnen, falls unter Niveau. Schmerzvolle Erfahrungen mit schlechten Noten anderswo müsste man ebenfalls einpreisen – und abhaken als Anpassungsschwierigkeiten, die vorbei gehen, wenn Lehrer und Schüler sich umgestellt und eingestellt haben auf das Zentralabitur.

In Sachen bundesweit einheitliche Abituraufgaben ist der Stuttgarter Einbruch jedenfalls das kleinste Problem. Anders als vorgesehen kommen jetzt in Mathe und Englisch zwar keine Aufgaben aus dem gemeinsamen Pool dran, sondern Ersatzaufgaben. Fall gelöst. Nicht so bei einem künftigen Zentralabitur, das dem Namen gerecht wird. Im Kompetenzgerangel der Bundesländer wird es noch lange nur ein Traum bleiben. Leider.

leitartikel@swp.de

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24.04.2017, 06:00 Uhr

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