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Wir und sie sind Charlie

Trauer und Empörung von Kollegen und Kennern des Satireblattes

Bisher war er nicht der Meinung, dass er einen Risikoberuf ausübe, sagt TAGBLATT-Zeichner Sepp Buchegger. Er gehört zu denjenigen, die wir nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ befragten, ob der Terrorakt Auswirkungen auf ihre Arbeit habe.

08.01.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. „Das kann doch nicht wahr sein“, dachte Sepp Buchegger, als er am Mittwoch von dem Anschlag in Paris hörte. Er könne es eigentlich gar nicht glauben, dass so etwas passieren konnte. Zu manchen der französischen Karikaturisten hat er eine geradezu persönliche Beziehung. Genauer zu ihrem Werk. Georges Wolinski ist ein auch in Deutschland bekannter „Charlie“-Zeichner und für Buchegger seit den achtziger Jahren ein Begriff. Damals war das dominierende Thema in den Karikaturen, die auch in „Pardon“ oder später in der „Titanic“ erschienen, allerdings das Geschlechterverhältnis.

Trauer und Empörung von Kollegen und Kennern des Satireblattes
Unser Zeichner Sepp Buchegger verabschiedet sich von den ermordeten „Charlie“-Karikaturisten.

Was Buchegger schon früh ins Auge stach: „Die Aussagen fallen deutlich derber aus als bei uns.“ In Frankreich seien schon im 19. Jahrhundert heftigere Kämpfe, auch auf dem Papier, ausgefochten worden als in Deutschland. Man denke nur an die Karikaturen um „Bürgerkönig Louis Philippe“, der als Birne verulkt wurde. Die deutsche historische Satirezeitschrift „Simplicissimus“ sei dagegen „eher brav“ gewesen.

Den „Canard enchaîné“ oder „Charlie Hebdo“ kennt der Zeichner schon lange und bezeichnet sie durchaus respektvoll als „Ikonen der Beleidigungen“. In beiden Zeitschriften wurde „immer mal wieder so richtig auf die Kacke gehauen“ und keine juristische Auseinandersetzung gescheut. Mit seiner Arbeit in Tübingen habe das, so Buchegger, nicht viel zu tun: „Das TAGBLATT ist ja kein satirisches Kampfblatt.“ Und er selber könne sich auch nur schwer in die Situation eines Zeichners versetzen, der bei seiner Arbeit Personenschützer benötigt.

Buchegger geht religiösen Themen in seinen Zeichnungen nicht direkt aus dem Weg, aber er weiß, hierbei ist allergrößte Vorsicht geboten. Seine Beobachtung betrifft Mitglieder sämtlicher Kirchen: „Alle, die mit Religion zu tun haben, gehen eher in Richtung Humorlosigkeit.“

Als vor einigen Jahren der Ex-Boxer und islamistische Prediger Piere Vogel in Tübingen agitierte, habe er überlegt, ob er zum Stift greife. „Aber es ist mir dazu nicht so richtig was eingefallen und außerdem wollte ich Vogel nicht mehr Bedeutung verleihen, als er’s verdient.“

Schädel einhauen fürs Toleranz-Plädoyer

Der in Mähringen lebende Kabarettist Uli Keuler hatte nach dem zweiten Golfkrieg, Anfang der neunziger Jahre, mal eine Nummer in seinem Programm mit dem Titel „Was wissen wir über den Islam“. In einer „Mischung aus Vereinsmeierei und Talkshow“ nahm er darin auf schwäbisch-bräsige Weise Vorurteile aufs Korn, wie sie damals in den Medien grassierten. Seine kritische Auseinandersetzung mit den Stereotypen kam bei manchen Zuschauern völlig falsch an, als wollte der Kabarettist die Klischees bestätigen. Eines Abends stand „ein vor Zorn blasser Palästinenser“ vor ihm und drohte ihm Prügel an. „Ich muss sagen“, so Keuler, „ich mag mir nicht auf den Schädel hauen lassen, wenn ich für Toleranz plädiere.“ Irgendwann nahm er die Nummer aus dem Programm, weil sie ihm nicht mehr aktuell erschien. Was den Umgang mit dem Anschlag angeht, so findet Keuler: „Im Moment ist eine satirische Antwort nicht angemessen.“ Wie das deutsche Satiremagazin „Titanic“ online nach der Ermordung der Kollegen herumwitzele, gefällt ihm nicht. Im Liveticker heißt es da: Man reagiere „mit Solidarität (,Au weia!‘) und Standfestigkeit (,Wir machen weiter Witze – gleich nach der Mittagspause!‘)“.

Der Nehrener Journalist Jürgen Jonas schreibt für das TAGBLATT und auch für die „Titanic“. Erschüttert haben auch ihn die Nachrichten aus Paris. „Mit dem Wolinski bin ich praktisch aufgewachsen“, sagt er ähnlich wie Sepp Buchegger. Dennoch sucht er auch nach einer satirischen Antwort auf die Ereignisse.

Mit seinen Brüdern vom „Stammtisch Unser Huhn“, an dem schon andere „Titanic“-Autoren saßen, trifft er sich am Dienstag, 13. Januar, um 20 Uhr in der Parkgaststätte: „Wir laden zum betreuten Mohammed-Zeichnen ein!“ Dabei langt Jonas als satirischer Autor lieber beim Thema Christentum zu. „Ich hab hier im Steinlachtal mit dem Pietismus zu tun und guck, wie ich damit zurechtkomme.“

Matthieu Osmond, Direktor des Institut Culturel Franco-Allemand in Tübingen, traute seinen Augen nicht, als er in den Nachrichten jene Straße, die Rue Nicolas Appert im 11. Arrondissement sah, in der auch er in Paris lebte. „Ich wohnte 50 Meter davon entfernt“, sagt Osmond. Dass die Journalisten seit Jahren bedroht wurden, wusste er, aber dass das Risiko so groß war, erschüttert ihn. „Die Terroristen haben hoffentlich nicht die Zeitung getötet“, sagt Osmond nun. Das Blatt, das in sehr viel kleinerer Auflage erscheint als der „Canard“, ist im deutschen Zeitschrifthandel kaum erhältlich. In Tübingen jedenfalls nicht, „in Berlin vielleicht“, so Osmond. Von Freitag an will das Institut mit einer kleinen und nächste Woche anwachsenden „Charlie“-Dokumentation Eindrücke der Hefte vermitteln.

Die Welt braucht Humoristen

Seit Donnerstag verkündet auch die Burse und mit ihr das Kunsthistorische und das Philosophische Seminar: „Nous sommes Charlie“. Der Kunsthistoriker Prof. Sergiusz Michalski initiierte diesen Protest zusammen mit Kollegen. Michalski kennt „Charlie“ schon aus seiner Studienzeit in Paris. Er erinnert sich, dass es tapfer in alle Richtungen austeilte. Mal mit einer von den Drei Königen vergewaltigten Muttergottes, mal äußerte man sich zum langsamen Sterben des spanischen Diktators mit einem „Hahaha – Franco krepiert!“ auf dem Cover.

Für den Tübinger Dichter und Comedian Helge Thun sind die Ereignisse von Paris „wieder ein trauriger Beweis dafür, dass die Welt mehr Humoristen braucht und weniger Propheten“. In der nächsten Comedystube gehe man möglicherweise auf „Charlie“ ein. Keine Angst vor Rache? „Wir befinden uns unterhalb der terroristischen Wahrnehmungsgrenze“, so Thun. Außerdem würde „ein Kampfkommando mit Sturmmaske und Kalaschnikow schon an der Kasse auffallen“.

Die Tübinger Französischlehrerin Susanne Schneider-Frey ist derzeit im Auslandsdienst am Deutsch-Französischen Gymnasium in Buc (Versailles) bei Paris. Sie wurde von den Ereignissen am Mittwochabend bei ihrer Rückkehr von einer Tagung in Berlin überrannt: Paris im Ausnahmezustand, überall Sicherheitskräfte, es herrscht höchste Alarmstufe. Auch für die Schulen gilt das Antiterrorprogramm „Vigi Pirates“. Die Eltern der Schüler an ihrem Lycée haben ein „absolutes Paris-Verbot“ für alle schulischen Veranstaltungen durchgesetzt. Die Angst vor weiteren Anschlägen, zum Beispiel auf die Metro, sei groß, deshalb dürfte keine Klasse sich auf Tour in öffentliche Nahverkehrsmittel begeben. Um 12 Uhr traten am Donnerstag die Schüler ihrer Schule zur Schweigeminute in der Mensa an. „600 Schüler und es war mucksmäuschenstill.“ Das hat Schneider-Frey so noch nie erlebt
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08.01.2015, 12:00 Uhr

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