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Frühe Erlebnispädagogik

Trauerweide erinnert an unbeschwerte Jugend

„Mein Platz“ heißt unsere kleine Sommerserie, in der Rottenburger jene Orte in der Stadt vorstellen, die für sie mit besonderen Erinnerungen verbunden sind. Für Gunther Diehl und Klaus Maier, beide in Ehingen aufgewachsen und seit diesem Sommer Rektoren im Ruhestand, ist dies eine Weide am Neckar.

24.08.2012
  • frank rumpel

Rottenburg. Dem heute privaten, zubetonierten und eingezäunten Platz hinter der einstigen Ehinger Gaststätte und Brauerei „Hecht“ beim Kapuzinertor ist nicht mehr unbedingt anzusehen, dass er vor über fünfzig Jahren für viele Ehinger Kinder das Nonplusultra in Sachen Freizeitgestaltung war. Eine wichtige Rolle spielte dabei eine Trauerweide, die bis jetzt am Ufer steht. Allerdings war sie damals deutlich ausladender. „Da ging ein Riesen-Ast aufs Wasser, auf den man vom Ufer aus klettern konnte“, sagt Gunther Diehl, ehemaliger Rektor der Rottenburger Hohenbergschule und wie sein Kollege Klaus Maier, gerade pensionierter Rektor der Grund- und Werkrealschule Ergenzingen, in Ehingen aufgewachsen.

Durch die Blätter war man vor Blicken geschützt, und so saßen in den Sommern Mitte der Fünfziger Jahre dort nicht selten bis zu zehn Jungs, sagt Maier. „Und zwar stundenlang.“ Die erklärten sich dort gegenseitig die Welt, erzählten Geschichten, angelten schwarz – ohne wirklich was zu fangen – und rauchten „hälinge“.

Von der Uferböschung aus war man schnell im Wasser und konnte dort nach Grundeln und Flußkrebsen suchen. Die gab es damals noch im Neckar, und zwar große, wie Diehl sagt. Gleich nebenan mündete eine „teils mannshohe“ Abflussröhre in den Fluss. „Da konnte man mit einer Kerze rein und kam oben beim Bahnübergang raus“, erzählt Diehl. Da drin freilich begegnete einem alles Mögliche. Das war Teil des Abenteuers.

Der Bootsverleih war seinerzeit etwas oberhalb der Weide. „Da haben wir im Sommer fast täglich die Boote ausgeschöpft und geputzt. Zur Belohnung durften wir dann eine Runde damit fahren“, berichtet Klaus Maier. Meistens aber gingen die Kinder, wie alle anderen auch, im Neckar baden. Es gab zwar schon ein Freibad, doch schwamm man da ebenfalls in Flusswasser. Und da hatte das Plätzchen hinter dem „Hecht“, der damals Verwandten von Diehl gehörte, noch weitere Vorteile. „Man konnte bis zur Mitte ’rein laufen. Das war eine Sandbank“, erinnert sich Diehl.

Von der Weide aus schwangen sich die Kinder mit einem Seil aufs Wasser, und wer sich traute, sprang auch von der Oberen Brücke. Das war freilich verboten. „Wenn die Polizei kam, sprangen wir ins Wasser, tauchten an die Pfeiler und versteckten uns dort“, erzählt Maier, der damals im Haus gegenüber dem „Hecht“ wohnte.

Gelegentlich bauten sie ein Floß – aus zusammengeklauten Brettern, wie Diehl einräumt – und versuchten damit ein Stück Neckar zu bewältigen. „Aber da lag man mehr im Wasser.“ Das war im Winter nicht viel anders. Da brachen die großen Jungs Eisschollen aus dem zugefrorenen Fluss und stocherten darauf flussabwärts. Wenn noch Platz war, durften die Jüngeren mit drauf. Wer runter fiel oder schon vorher einbrach, erzählt Maier, konnte freilich nicht heim. „Das hätte nur Ärger gegeben.“ Also trockneten die Jungs ihre Klamotten erst einmal im Warteraum des Bahnhofs oder in der Ruf’schen Backstube.

„Das war das ganze Jahr über Erlebnispädagogik pur“, sagt Diehl. Klaus Maier sieht das ähnlich. „Wir waren noch nicht abgelenkt durch Computer oder Filme. In der Erinnerung sind das ganz einfache Bilder“, sagt er und schiebt nach: „Das war eine unbeschwerte, tolle Jugend.“

Trauerweide erinnert an unbeschwerte Jugend
Klaus Maier, Gunther Diehl (rechts); an der Trauerweide hinterm Kapuziner am Neckar Bild: Henning

Wenn Sie auch so einen Lieblings-, Traum- oder Erinnerungsort in Rottenburg oder in der näheren Umgebung kennen und diesen – sowie die damit verbundenen Erinnerungen – unseren Leser(inne)n vorstellen möchten, melden Sie sich bitte bei der Redaktion der „Rottenburger Post“, Metzelplatz 7, 72108 Rottenburg – entweder per Post oder telefonisch unter 0 74 72 / 16 06 16, per Fax an 0 74 72 / 16 06 30 oder E-Mail an ro@tagblatt.de. Es muss kein besonders bedeutender Ort sein, von dem Sie erzählen, aber Ihre Geschichte sollte originell sein, was bedeutet, dass nicht alle sie schon kennen, sondern vielleicht nur eine kleine Minderheit.d. Red.

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24.08.2012, 12:00 Uhr

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