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Stuttgart

Traumhafte Nachtfahrt mit Michael Wollny

Michael Wollny ist als Pianist längst europäische Spitzenklasse. Im Stuttgarter Theaterhaus verzückten er und sein Trio mit "Nachtfahrten".

03.11.2015

Von UDO EBERL

Stuttgart Was für ein Abend im Theaterhaus Stuttgart. "Solo, Duo, Trio" - und vor allem Michael Wollny, sympathischer Jazz-Star der Extraklasse mit klarem eigenen Sound, nahe am frühen Kult-Status. Der Mann ist das aktuelle Gesicht des deutschen Jazz, Garant für Eigenwilligkeit, den großen zeitgenössischen Bogen. Auf seinem aktuellen Album "Nachtfahrten" hat er das einmal mehr bewiesen.

Vor knapp 600 Besuchern im Theaterhaus Stuttgart geht's nicht allein in die Nacht. Wollnys wunderbare Nocturnes-Sammlung wird mit bekanntem Material der vergangenen Jahre dramatisch belebt. Die Inszenierung der Kontemplation, die Seligkeit wird immer gesprengt. Durch expressive Break-Gewitter, rasante Kurvenfahrten mit geradezu aufreizend hellem Fernlicht. Während des Konzerts ist Wollny seinen beiden Mitspielern näher als dem Publikum, der Flügel steht von den Zuhörern weggedreht. Und der Tastenkünstler bemerkt erst vor dem letzten Stück, dass er bei all dem eines vergessen hat: die Ansagen.

Die Zuhörer dürfen in Wollnys Weltentraum eintauchen, der live noch nie so zugespitzt und auf den Punkt zu erleben war wie in dieser Triobesetzung. Reiner Wahnsinn dieser immer noch besser werdende Eric Schaefer an den Drums. Mal ist er laut pulsierende Rhythmusmaschine, dann sensibler Feintakter. Und auch Bassist Christian Weber, im Jazz und in der Klassik erprobt, ist ein Volltreffer. Keinen tiefen Ton zuviel spielend, mit dem Bogen Übergänge spannend, souverän grundierend, mit Flageolett-Wagnissen ist er ein Zugewinn.

Wollny kann sich noch gelassener ausbreiten. Die komplexen Strukturen stehen sicher, die süchtig machenden ruhigen Miniaturen tragen fein gewoben. Dazwischen lässig virtuos hingeschlenzte Läufe und Harmoniehämmer des Pianisten am teils präparierten Flügel, geradezu abgebrühte Breaks, Interaktion auf höchstem Niveau.

Gegen Ende wird die Nachtfahrt rasant. Und in den Zugaben gesellt sich noch ein alter Bekannter, der hyperventilierende "Phlegma Phighter", im neuen Outfit hinzu. Am Ende dann aber doch Gute-Nacht-Musik, spieluhrenhaft schön. Erst eine tiefe, ruhige Sekunde, dann großer, begeisterter Jubel.

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Erstellt:
3. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. November 2015, 12:00 Uhr

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