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Wolfgang Heutjer berichtete über Krankenpflege einst und jetzt

Treue und ein stilles Wesen

Von den frühen Werken der Barmherzigkeit bis zur Arbeit der Diakonie-Sozialstation bewegte sich Wolfgang Heutjer auf der Suche nach den Spuren der Krankenpflege. Der frühere Pfarrer von Bästenhardt referierte am Dienstag in der Pausa-Tonnenhalle beim Senioren-Kaffeeklatsch des „Café Schüle“.

13.04.2013
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Bei der Gründung 1913 kostete der Mitgliedsbeitrag im Mössinger Krankenpflegeverein 2,40 Mark im Jahr. „Das war im Kaiserreich ein durchaus nennenswerter Betrag“, erklärte Wolfgang Heutjer, Pfarrer im Ruhestand, denn davon konnte der Verein eine Gemeindeschwester bezahlen. Satzungsgemäß wurden von jener neben Kenntnissen in „geregelter Pflege“ auch „Treue und ein stilles Wesen“ gewünscht. Sie sollte helfen ohne Ansehen von Person, Stand oder Konfession und über alles, was ihr dabei begegnete, „strengstes Geheimnis bewahren“. Urlaub bekam sie nur in Zeiten von geringem Krankenstand, las Heutjer aus den Paragrafen des jungen Vereins.

Am Hornsteg gab es ein Spittel

Als christlichen Ursprung der Krankenpflege nannte der Theologe Jesu Gebot der Nächstenliebe, das der Kirchenvater Lactantius im 3. Jahrhundert in die „Werke der Barmherzigkeit“ aufschlüsselte: Man sollte „Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten“. Im Mittelalter folgten die Hospize dieser Aufforderung. Als Zufluchtsorte für Kranke, Reisende und Notleidende seien sie häufig an Alpenpässen, Pilgerwegen und in der Nähe von Klöstern gebaut worden. Heutjer erwähnte das 1050 fertig gestellte Hospiz auf dem Großen St. Bernhard.

In Mössingen kamen schuldlos Verarmte und durchreisende Handwerker im „Spittel“ unter. In dem Gebäude am Hornsteg an der Steinlach gab es Obdach und einen „Zehrpfennig“. Das Siechenhaus für die erkrankten Mössinger stand außerhalb des Ortes „Auf der Reuthe“, ungefähr dort, wo sich heute der Kreisel Richtung Nehren befindet. 1689 wurde am Fritzenrain ein Armenhaus eingerichtet. 1832 wurde eine Schafscheuer neben der Peter-und-Paul-Kirche zu Wohnungen für Bedürftige umgebaut. Heute ist nur noch ein Mauerrest übrig. Heutjer kannte aus den Protokollen des Kirchenkonvents von 1819 die genaue Menge an Naturalien, die als Almosen verteilt wurden.

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert veränderte die Gesellschaft – und damit auch den Umgang mit Alten, Armen und Kranken – grundlegend. Heutjer sprach von der Auflösung der Großfamilie, der Landflucht, der Ausbeutung in den Fabriken und der erbärmlichen Wohnsituation in den Städten. „Wir können uns kaum vorstellen, wie viel Elend herrschte“, sagte er. Damals seien weder Staat noch Kirche, sondern nur einzelne Persönlichkeiten wie etwa der evangelische Theologe Theodor Fliedner aktiv geworden.

Jener gründete 1836 in Kaiserswerth die erste Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen. Von dort wurden schon zwei Jahre später die ersten „Diakonissen“ ausgesandt. In Stuttgart gründeten der Stiftskirchenprediger Sixt Karl Kapff und die in pietistischen Kreisen wohlbekannte Charlotte Reihlen 1854 nach Fliedners Vorbild eine Diakonissenanstalt, die zur größten in Süddeutschland wurde. Die Diakonissen mit ihren weißen Hauben „prägten von nun an das Bild der Krankenpflege“, äußerte Heutjer. Noch in den 1950ern sei Mössingen dafür bekannt gewesen, dass es „die meisten Diakonissen nach Stuttgart lieferte“.

Als letzte Gemeindediakonisse kam 1969 Anne Speidel ins Steinlachtal und war 15 Jahre lang im ganzen Bezirk unterwegs. 1971 habe sie ein erstes Seminar in Krankenpflege und Nachbarschaftshilfe angeboten, an dem 52 lernwillige Mössinger teilnahmen, wusste Heutjer. Speidel gründete zur Entlastung der Bästenhardter Mütter eine „offene Kinderstube“, die bis heute besteht. Auch der weihnachtliche Diakoniebazar sei ein Erbe aus ihrer Zeit.

In den 1960er Jahren ging die Zahl der Diakonissen stark zurück. Die Finanzierung von „freien“ Krankenschwestern sei für den Verein „schwierig gewesen“, erinnerte sich Heutjer. 1970 schlug Mössingens damaliger Bürgermeister Eugen Kölle darum die Einrichtung einer Diakonie-Sozialstation vor, der sich später Ofterdingen und Bodelshausen als Außenstellen anschlossen. 1975 galt sie als Modell für ganz Baden-Württemberg. Seit Mitte der 1980er Jahre sind neben der evangelischen Kirchengemeinde die Zieglerschen Anstalten zu 51 Prozent an der Trägerschaft beteiligt.

Treue und ein stilles Wesen
Sie prägten das Bild der Krankenpflege auch in Mössingen: Die Diakonissen mit ihren weißen Hauben, hier mobil auf zwei Rädern.Archivbild: Krankenpflegeverein

Das „Café Schüle“ ist seit fünf Jahren der gemeinsame Seniorentreff der drei evangelischen Kirchengemeinden Mössingen und findet einmal im Monat im Gemeindehaus Mittelgasse statt. Zu jeder Zusammenkunft laden die derzeitigen ehrenamtlichen Veranstalterinnen Gisela Müller, Marianne Geiger und Irmgard Bonnet einen Referenten ein. „Man muss halt viele Leute kennen“, erklären sie die Vielfalt der Themen, die von Ernährungsberatung und Streuobstwiesen über polizeiliche Informationen zu Trickbetrügereien bis zu Schillers „Glocke“ und den Liedern von Matthias Claudius reichen. „Manche kommen wegen der Referate, andere eher zum Kaffeetrinken“, lobte Wolfgang Heutjer das „bewährte“ Modell.

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13.04.2013, 12:00 Uhr

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