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Trinken und vergessen
Ein Sicherheitsmitarbeiter kontrolliert in der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen die Tasche eines Bewohners. Alkohol ist in der Unterkunft verboten, aber es wird immer wieder probiert, ihn reinzuschmuggeln. Foto: dpa
Ellwangen: Alkoholkonsum unter Flüchtlingen bereitet Sorgen

Trinken und vergessen

Langeweile, Enge, Ungewissheit - mancher Flüchtling spült seine Sorgen mit Alkohol runter. Dabei sind Bier und Schnaps in den Unterkünften tabu. Ein Besuch bei Flüchtlingen in Ellwangen.

01.04.2016
  • NICO POINTNER, DPA

Ellwangen. Ali Shan trinkt gerne. Am Wochenende geht der 19-Jährige meist mit Freunden los, sie kaufen sich zwei oder drei Flaschen Wodka, manchmal Rum, dazu meist Hühnchen und Chips. Dann setzen sie sich an die Bahnstation in Ellwangen und trinken. "Aber nur am Wochenende", sagt Ali in gebrochenem Englisch. Seit eineinhalb Monaten lebt der Asylbewerber in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea)in Ellwangen. In seiner pakistanischen Heimat hat Ali Shan nie getrunken. "Nein!", ruft er entsetzt. "Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das wüsste."

Alkoholkonsum ist nicht die Regel unter Flüchtlingen. Schon der muslimische Glaube verbietet vielen Asylbewerbern den Alkoholgenuss. Unter jungen Männern ist das Trinken in mancher Unterkunft aber trotzdem verbreitet und das führt zu Problemen.

"Asylbewerber sind besonderen Risiken ausgesetzt, in einen riskanten, missbräuchlichen oder abhängigen Konsum zu geraten", warnt Ingo Schäfer, Geschäftsführer des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. "Sie hatten in der Jugend nicht die Chance, einen ausgewogenen Umgang mit Alkohol zu lernen - und treffen hier auf massenhafte Verfügbarkeit."

In Ellwangen trinke rund ein Drittel der derzeit 900 Flüchtlinge täglich Alkohol, schätzt Sicherheitsmann Norman Schmidt, der dort mit seinem Team für Ruhe und Ordnung sorgen soll. Gröberen Ärger gebe es deshalb zwar selten, erzählt Schmidt. Aber das Trinken bereitet Sorge. "Denen ist langweilig, und sie haben Probleme."

Mit Alkohol könne man sein Trauma eben kurzfristig ausknipsen, sagt Lea-Leiter Berthold Weiß: "Vielleicht trinken sie aus dem gleichen Grund, wie die Leute hier auch trinken, weil man vergessen will." Erst vor kurzem habe ein Streetworker eine Gruppe junger Flüchtlinge darauf angesprochen und die Suchtberatung einbezogen, weil sie immer wieder viel getrunken hätten.

Die Flüchtlinge kaufen sich Schnaps bei der Tankstelle oder im Supermarkt, nur wenige Hundert Meter die Straße runter. "Schlimm ist es, wenn es Taschengeld gab, dann gehen sie los und kaufen ein, von der Dose Bier bis zum Wodka", sagt Schmidt. Viele trinken am Kreisverkehr, auf der Wiese, in der Stadt. Denn auf dem Gelände der Flüchtlingsunterkunft ist Alkohol tabu. Immer wieder versuchen Asylbewerber aber, Getränke reinzuschmuggeln. Schmidt kennt die Tricks. Wodka-Flaschen werden über den Zaun geworfen, Rum unter dicken Jacken versteckt, Schnaps in leere Sprudelflaschen umgefüllt.

Es ist 17.10 Uhr, der Bus aus der Stadt ist eben an der Lea Ellwangen eingetroffen. Mehrere Dutzend Flüchtlinge steigen aus und trotten durchs Eingangstor. Sicherheitsleute stehen Spalier. Schmidts Kollegen durchsuchen jeden Rucksack, jede Tüte, jede Handtasche. Finden sie Alkohol, wird er konfisziert. Die Sicherheitsleute sammeln den Fusel in der ehemalige Arrestzelle der Kaserne und schütten ihn ins Klo.

Es gibt bisher keine Statistik, keine spezifischen Beratungsangebote für Flüchtlinge zum Thema. Die Betroffenen seien noch nicht im deutschen Suchthilfesystem angekommen, die Kostenübernahme etwa für Dolmetscher sei häufig ungeklärt, bemängelt Suchtforscher Schäfer.

"Alkohol spielt bei Auseinandersetzungen in Heimen, wo es um Streitereien, Bedrohungen und Schlägen geht, häufig eine Rolle", sagt der Sprecher des Landesinnenministeriums, Rüdiger Felber. Aber: Alkohol sei ja auch bei Straftaten der Deutschen häufig im Spiel. "Das sind Einzelfälle, ein Großteil der Flüchtlinge sind unauffällig", sagt ein Sprecher des Integrationsministeriums. "Die Deutschen gehen in die Kneipe und saufen sich voll, nur hier fällt es auf, weil es verboten ist", sagt Sicherheitsmann Schmidt.

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01.04.2016, 06:00 Uhr

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