Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Leitartikel Cyberwar

Trolle des Staates

Der Vorwurf wiegt schwer. Als Dokumente aus dem NSA-Ausschuss des Bundestages an die Öffentlichkeit gelangen, gerät eine überschaubare Gruppe von Parlamentariern in den Verdacht, geplaudert zu haben. Denn nur wenige Personen haben Zugang zu dem Material.

27.12.2016
  • CHRISTOPH FAISST

Berlin. Die Arbeit des Gremiums, das die von Edward Snowden enthüllte Spähaffäre des US-Geheimdienstes NSA und seines deutschen Partners BND aufklären soll, scheint in Gefahr. Zwischendurch steht ein anderes Szenario im Raum: Die Daten könnten während eines Hackerangriffs auf Server des Deutschen Bundestages im vergangenen Jahr abgeflossen sein.

Beschuldigt wird Russland – wie im Fall der E-Mails der US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, deren punktgenaue Veröffentlichung Donald Trump an die Macht bringen und das Vertrauen in die US-Demokratie erschüttern sollte. Doch so plausibel diese Anschuldigung sein mag, so schwer lässt sie sich verifizieren. Es ist in der Tat möglich, dass sich Hacker, die sich der russischen Regierung verbunden fühlen oder sogar von ihr gesteuert werden, hinter den Aktionen verbergen. Doch ebenso gut könnten diese inszeniert sein. Oder es gibt eben doch ein Leck im Bundestag. Der Zweifel regiert und aus dieser Unsicherheit lässt sich politisches Kapital schlagen.

Die unschuldigen Zeiten, in denen „The Mentor“ 1986 seine „Hackerethik“, eine ehrbare Selbstverpflichtung der Szene, publizierte, sind vorbei. Die Bühne haben neue Akteure betreten. Sie sind keine Datenreisenden mehr, die sich aus sportlichem Ehrgeiz in fremden IT-Systemen umsehen. Manche sind Söldner, manche führen eigene Feldzüge, indem sie politische Gegner im Netz outen oder deren Infrastruktur lahmlegen. Es gibt Aktivisten, die den Klassenkampf 4.0 propagieren und Internet-Konzerne „vom Netz nehmen“ wollen.

Die Kausalkette möglicher, wahrscheinlicher oder abstruser Beziehungen des Cyber-War lässt sich nahezu beliebig zusammenbauen. Das zeigt eines der größten Probleme: jenes der attribution, also der eindeutigen Zuschreibung eines Hackerangriffs zu einem staatlichen Akteur – die Voraussetzung für jedwede politische Reaktion. Weil sich Spuren im Netz ebenso leicht verwischen wie falsch legen lassen, bleibt Opfern oft nur der Vergleich der jeweiligen Angriffsmethode mit der früherer Aktionen, deren Urheber bekannt sind. Doch auch diese Muster lassen sich imitieren.

Die Nato-Doktrin von 2010 legt fest, dass ein Angriff aus dem Internet den Bündnisfall auslösen kann und eine militärische Antwort erlaubt. Diese Option in Verbindung mit den Schwierigkeiten der attribution erinnert an den Kalten Krieg, in dem die Welt mehrfach kurz vor einem Atomschlag stand, weil die voreilige Interpretation unklarer Daten fälschlich einen Angriff nahegelegt hatte. Erkenntnisse wie diese liegen dem Verbot der Militarisierung des Weltraums von 1963 ebenso zugrunde wie der nuklearen Abrüstung. Ein ähnlicher Vertrag für den Cyber-Bereich ist überfällig, denn die Trolle des Staates stehen erst am Anfang ihrer Karriere.

leitartikel@swp.de

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball