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Die deutsche Sex-Partei machte in ganz Deutschland Furore

Trompeter-Icke brachte die Reutlinger zum Erröten

Vor fast 40 Jahren, im März 1973, wollte der Oferdinger Karl Heinz Langner in den Reutlinger Kreistag einziehen - als Kandidat der Deutschen Sex-Partei (DSP).

18.11.2011

Von Matthias Stelzer

„Hier jibt et nur eenen Puff, det is?n Monopol“ – diesem Satz ist wirtschaftstheoretisch wenig entgegen zu setzen. Gesprochen wurde er – anders als der Dialekt vermuten lässt – in Reutlingen. Im März 1973, erklärte der Wahl-Oferdinger Karl Heinz Langner so, warum er in den Reutlinger Kreistag einziehen will. Als Kandidat der Deutschen Sex-Partei (DSP) machte der damals 41-Jährige in der ganzen Republik Furore.

Aber nicht nur da. Auch in Oferdingen, wo er ein Haus angemietet hatte, und Reutlingen polarisierte der in Berlin geborene Nachtclub-Besitzer, den man in der Stadt wegen seiner Schnauze „Icke“ nannte. Oder etwas genauer auch: „Trompeter-Icke“ – wobei der Zusatz nicht der Musikalität des Trägers geschuldet war, sondern dem Namen seines Etablissements in der Reutlinger Metzgerstraße.

Langner, dessen Partei unermüdlich „durch Wort und Tat“ für die „Liberalisierung des Sex“ eintreten wollte, brachte viele Reutlinger zum Erröten – aus Scham oder auch Zorn. Schließlich kämpfte das Bundes-Familienministerium in dieser Zeit noch gegen „die geschlechtliche Betätigung ausschließlich als Mittel der Genusserzielung“. Regiert wurden die deutschen Betten zu dieser Zeit sozialdemokratisch. Umso pikanter war „Icke“ Langners Koalitionsaussage vor der Kommunalwahl im April 1973: „Ick würde mir gern der SPD-Fraktion anschließen“, sagte er auf die Frage, wie es nach einer erfolgreichen Wahl mit der DSP weitergehen könnte.

Soweit kam es nie: Langner errang bei der Wahl nur 1367 Stimmen, verschaffte dem Reutlinger SPD-Mann Ulrich Lukaszewitz damals aber die Rolle eines Koalitions-Unterhändlers und vor Wochenfrist die eines Dokumentarfilm-Protagonisten. Der SWR drehte für seine Reihe „Ich war dabei“ einen Streifen über die Sex-Partei, der Anfang Januar gesendet werden soll. „Ich konnte damals, was die Zusammenarbeit angeht, keine Zusagen machen“, sagt SPD-Luka heute. Und betont, dass das nichts mit seiner Einstellung zu tun gehabt habe, sondern mit der Prüderie der älteren Genossen. „Ich saß oft mit ,Icke? Langner zusammen.“ Auch nach der Kreistagswahl, denn da versuchte sich der Reutlinger Sex-Parteigänger als OB-Kandidat. Erfolglos. Manfred Oechsle wurde zum Stadtoberhaupt gewählt. Eine Tatsache, über die sich „Icke“ mit dem Amt des DSP-Bundeschefs hinwegtrösten durfte.

In dieser Funktion machte er sich noch einige Zeit für die Ziele seiner Partei stark: für mehr Freudenhäuser („Det wär sozial“) und den Plan, die DDR durch Sextourismus und die Ausweisung weiterer FKK-Strände an der Ostsee zu unterwandern. Dann einige Monate nach seinen Auftritten als Wahlkandidat verließ Karl Heinz Langner die Stadt – eher still und leise. Sodass ihn die meisten seiner ehemaligen politischen Weggefährten, wie auch Lukaszewitz, aus den Augen verloren. Dabei lebt der „Icke“ als Karl Langner ganz in der Nähe, in einer Seniorenanlage in Gärtringen. Dort feierte er unlängst seinen 80. Geburtstag. Sein Engagement für die Freiheit in deutschen Betten bereut er nicht.

Karl Heinz „Icke“ Langner (Mitte) vor der Kreistagswahl 1973 mit zwei Wahlhelferinnen und dem damaligen Sex-Partei-Bundesvorsitzenden Curt J. Bauer.

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Erstellt:
18. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. November 2011, 12:00 Uhr

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