Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

"Es ist nirgends schöner"

Trotz Fluten: In Wertheim überwiegen die Vorteile durch Tauber und Main

Der Lage an Main und Tauber verdankt Wertheim seine Attraktivität. Die Vorteile sind so groß, dass gelegentliches Hochwasser hingenommen wird. Auf die Flut sind alle Bewohner der Altstadt vorbereitet.

08.08.2013

Von HANS GEORG FRANK

Wertheim Sollte Thomas Wettengel (65) jemals seiner Überzeugung untreu werden, genügt ein Blick aus dem Fenster seines Friseursalons. "Es is uf der ganze Erde nergends schönner als in Werthe!" Die im lokalen Dialekt gereimte Sonderstellung in Sachen Schönheit ist in die Fassade eines Hauses auf der anderen Seite des Tauberufers gemeißelt. Figaro Wettengel glaubt an den Wahrheitsgehalt: "Wir arbeiten da, wo andere Urlaub machen."

Der Handwerksmeister bewohnt ein Haus aus dem Jahr 1756. "Im Sommer auf dem Balkon bei einer Flasche Wein - das ist Erholung pur", gerät der gut gelaunte Wettengel rasch ins Schwärmen. In solchen Momenten vergisst er, dass diese Lage direkt an der Tauber, die wenige Meter weiter den Main mit ihrem nassen Nachschub versorgt, nicht nur einen großen Freizeit- und Genusswert hat. Regelmäßig kommt der Fluss gleichsam zu Besuch. "1970, 1982, 1988 drei Mal, 1995, 2003 und 2011", zählt Wettengel die letzten Jahre mit Hochwasser auf und fügt hinzu: "Wir haben fast jedes Jahr Wasser im Keller."

Mittlerweile werden die Besitzer der ufernahen Immobilien frühzeitig gewarnt. "Die Flut lässt sich zwei Tage vorher erkennen", erklärt Wettengel, der 2003 zusammen mit einigen Hochwassergeschädigten eine Bürgergemeinschaft gegründet hat. Dank der Pegelstände können sie ausrechnen, wann bei ihnen die braune Brühe in die Häuser schwappt: "Wir haben beim letzten Mal am Samstag gewusst, dass am Montag das Wasser in die Stadt kommt."

In solchen Fällen wird nach Schema F gehandelt. In der Altstadt bereiten sich 26 Hochwasserbeauftragte auf den Einsatz in ihren Gassen vor. "Die kennen jeden", versichert Wettengel. Diese ehrenamtlichen Spezialisten werden dafür sorgen, dass Alte und Kranke auch dann versorgt sind, wenn sie selber nicht mehr aus dem Haus können. Wenn die Flüsse auf den Marktplatz vordringen, wird auch dafür gesorgt, dass Hunde "Gassi gehen" können - mit dem Schlauchboot.

Zum Ausräumen seines Ladens braucht der Friseur sechs Leute und einen Lastwagen mit Heberampe, "innerhalb von drei Stunden ist dann alles erledigt". Im Geschäft ist sowieso alles so hergerichtet, dass der Sachschaden auch bei einem Wasserstand von einem Meter gering gehalten werden kann: Alles gefliest, die Steckdosen höher gelegt.

Allerdings gerät das Hochwasser für den Geschäftsmann meistens zur finanziellen Durststrecke. 2011 musste er zwei Wochen lang dicht machen, dann brauchte er acht Tage zum Renovieren. "Dieses Jahr kannst du dann vergessen", weiß Wettengel schon im Januar. Doch Haarausfall bekommt die fränkische Frohnatur deshalb nicht. Der Figaro findet auch an der Not noch ein gutes Haar: Dank der letzten Überschwemmung ist der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP) sein Stammkunde. Er hatte sich nach einem Dankgottesdienst spontan die Haare schneiden lassen, was dem Wertheimer Experten für gepflegtes Aussehen so famos glückte, dass er den Politiker nicht nur regelmäßig bedienen, sondern auch duzen darf.

Die Statistik weist für Wertheim - erstmals 774 erwähnt, Stadtrecht seit 1306 - alle acht Jahre ein Hochwasser aus. "Wir haben gelernt, damit zu leben", sagt Christiane Förster, Chefin des Touristikbüros in der Gerbergasse, gleich um die Ecke beim Malerwinkel. Für sie sind die Flüsse eher Segen denn Fluch. Die Stadt habe vor allem dem Main ihre Blüte zu verdanken: "Er war früher die einzige Verbindung nach draußen und damit Handelstor." Vor allem Wein sei transportiert worden, und dies offenbar in solchen Mengen und mit derartigen Gewinnspannen, "dass die komplette Altstadt im 16. Jahrhundert neu aufgebaut werden konnte".

In neuerer Zeit erlebt Wertheim dank der Anlegestelle am Mainufer eine eher gemütliche Form des Tourismus. Reedereien haben für ihre Kreuzfahrtschiffe das Städtchen mit der schönen Ruine am Ausläufer von Odenwald und Spessart entdeckt. Letztes Jahr legten 428 dieser Erlebniskähne an. US-Touristen begnügen sich nicht mit einer raschen Knipstour durch die engen Gassen zum malerischen Marktplatz mit seinen seltsamen Hochwasserkerben. Sie nutzen auch gern das Angebot, von original Einheimischen in die eigenen vier Wände eingeladen zu werden und dabei deutsche Lebensart kennen zu lernen.

440 000 Tagesgäste machen das Jahr über Station in der nördlichsten Stadt des Landes. Friseur Wettengel wäre ein Ausflug viel zu kurz: "Hier kann man eine Woche bleiben, ohne dass es langweilig wird."

Den Flüssen Main und Tauber (links) verdankt Wertheim seinen wirtschaftlichen Aufschwung und seine touristische Attraktivität. Die Statistiker haben alle acht Jahre Hochwasser in der Altstadt gezählt. Foto: Tourismus Wertheim/Agentur argus

Zum Artikel

Erstellt:
8. August 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
8. August 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. August 2013, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Aus diesem Ressort