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Bund bremst Grundstücksverkauf: Stadt noch nicht Eigentümerin der Bundesforschungsanstalt

Trotz geplantem Abriss Flüchtlinge in die BFA?

Zusammen mit Baubürgermeister Cord Soehlke schauten sich am Montag rund 20 Stadträte das Ex-BFA-Areal auf der Viehweide an. Um dessen Gästehaus für eine Belegung mit Flüchtlingen herzurichten, müsste die Stadt viel Geld in die Hand nehmen. Zugleich wurde bekannt, dass der Bund beim Geländeverkauf auf die Bremse tritt – und die Entsorgungskosten deckeln will.

09.12.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Bäh!“ entfährt es einer Stadträtin. „Hier ist Schimmel, aber so richtig“, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke. Im ehemaligen Gästehaus der Bundesforschungsanstalt (BFA) waren im Winter 2011/12 nicht entwässerte Heizkörper geplatzt, kurz nach dem Wegzug der letzten Forscher auf die Ostseeinsel Riems zum dortigen Friedrich-Loeffler-Institut. In andere Räume ist von außen Wasser in die Wände gedrungen.

Auf „mindestens eine halbe Million“ wenn nicht gar eine Million Euro schätzt Ex-Kreishandwerksmeister Gebhart Höritzer nach dem Rundgang die Instandsetzungskosten: „Die Bausubstanz ist schwer angegriffen.“ Der Stadtrat der Tübinger Liste ist zugleich Chef des Dachdeckerbetriebs Peetz.

Die Initiative zur Begehung ging von der Linken-Fraktion im Gemeinderat aus. Deren Mitglieder hatten sich die BFA-Gebäude schon vor einigen Wochen angeschaut. Kurz darauf war auch das TAGBLATT zu einem – Wochen zuvor vereinbarten – Rundgang auf dem Areal unterwegs.

Unmittelbar vor diesem Rundgang war der Inhalt eines von CDU, SPD, Tübinger Liste, Linke und Stadtrat Markus Vogt unterstützten Antrags bekannt geworden: „Aufgrund der Notsituation bei Studenten- und Flüchtlingsunterbringung beantragen wir eine Überprüfung und Begehung der Verwaltungsgebäude der ehemaligen Bundesforschungsanstalt auf der Oberen Viehweide. (…) Die Gebäude sollen bis Sommer 2015 abgerissen werden. Gleichzeitig braucht die Stadt Tübingen dringend Wohnraum.“

Prüfende Blicke in Gebäude und Zimmer warf deshalb am Montag auch Karlheinz Neuscheler, Leiter des Geschäftsbereichs Gesundheit, Ordnung und Forst beim Landratsamt. „Herrichten müsste das die Stadt – wir mieten nicht auf Risiko an“, sagte der für die Unterbringung von Flüchtlingen Zuständige. Und da die Höhe der Miete nicht zuletzt von den getätigten städtischen Investitionen abhängt, schränkt Neuscheler gleich ein: „Wir zahlen keine Horrormieten.“

Die Linke im Gemeinderat könnte sich nun vorstellen, das Gästehaus wie auch Teile des Bürotrakts nicht nur für einige Monate, sondern gleich für fünf Jahre zwischenzunutzen, so Gerlinde Strasdeit. Das wiederum findet Bürgermeister Soehlke problematisch: „Das Gelände hat für uns eine große Bedeutung.“

Noch gehört der Stadt das BFA-Gelände nicht

Schon länger ist bekannt, dass mehrere erfolgreiche Start-ups sich in nächster Zeit vergrößern wollen, bald Platz für eigene Firmengebäude brauchen. Und den gibt es im Technologiepark auf der Viehweide nur noch auf dem BFA-Areal. Hinzu kommt das längst geplante zweite Biotechnologiezentrum. Jenen zweiten von der L-Bank finanzierten „Inkubator“ für Start-ups hatte Ministerpräsident Winfried Kretsch mann bereits 2012 bei einem Tübingen-Besuch versprochen.

Doch was wird aus den Flüchtlingen, die im teuren Tübingen nur schwer unterkommen? Da könnte sich auf dem BFA-Gelände ein Mini-Kompromiss abzeichnen: Außerhalb des Stacheldrahtzauns liegen in einem separaten Gebäude, mit eigener Heizung im Keller, zwei Dienstwohnungen, die einst von Landwirtschaftsmeister und Tierpfleger mit ihren Familien bewohnt wurden. Dazu Neuscheler: „Wenn Heizung und Wasser funktionieren und das Dach dicht ist, wäre das prinzipiell vorstellbar.“ Auch hier vorausgesetzt, Instandsetzungskosten und Mieten bleiben im Rahmen.

Auf jedem der zwei Stockwerke gibt es vier Zimmer, eine kleine Küche, Bad und Klo. Auch dort schauten sich die Räte um. Begleitet wurden sie von Prof. Otto Christian Straub, dem langjährigen wissenschaftlichen BFA-Direktor. In Leserbriefen hatte Straub Ende September vorgeschlagen, die leerstehenden Verwaltungs- und Gästegebäude „mit einem gewissen finanziellen, übersehbaren Aufwand für die Unterbringung einzurichten“. Die Gebäude seien „solide gebaut, die Einrichtungen noch kurz vor dem Auszug renoviert worden“.

Baubürgermeister Soehlke machte klar, dass er die Idee, leere Flächen und Gebäude zu nutzen, „gut“ findet. Grundsätzlich jedenfalls. Im Fall der BFA jedoch würde sich das nur dann lohnen, „wenn man lange dort oben bleibt“. Angesichts der geschätzten sechs- bis siebenstelligen Instandsetzungskosten deutlich länger als für ein paar Monate.

Ob man den Stacheldraht-bewehrten Sicherheitszaun nicht entfernen könne, wollte Rätin Strasdeit noch wissen. Sicherheitsbedenken hatte Soehlke nicht, gab aber zu bedenken: Sollte die Anlage so wie bislang geplant abgerissen werden, könnte sich die Stadt Bauzaun für mehrere 10 000 Euro sparen.

Letztlich wird der Gemeinderat entscheiden und dabei zugleich die neuesten Entwicklungen beim BFA-Areal im Auge behalten müssen (siehe Kasten). Soehlke: „Noch gehört der Stadt das Gelände nicht.“

BFA-Gelände: Eine Forschungsanstalt im Dornröschenschlaf

BFA-Gelände: Eine Forschungsanstalt im Dornröschenschlaf --

01:55 min

Bereits im Februar meldete das TAGBLATT den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zwischen Stadt Tübingen und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA): Der Bund gibt das 7,5 Hektar große BFA-Gelände für 4,1 Millionen Euro an die Stadt ab. Im Gegenzug ist der Bund für Abriss und Entsorgung der Bundesforschungsanstalt zuständig. Kostenpunkt laut Gutachten: um die 2,5 Millionen Euro. Doch nun tritt das Bundesfinanzministerium nachträglich auf die Bremse und will die Entsorgungskosten deckeln – auf einen Betrag oberhalb der jener 2,5 Millionen. Die Stadt hat aus Bundessicht zu gut verhandelt. Das Problem: Die Abrissgutachten sind schon Jahre alt, die realen Kosten könnten deutlich höher liegen – und damit auch die finanziellen Risiken für den städtischen Haushalt, so Baubürgermeister Cord Soehlke, der die Fraktionen informierte. Der Gemeinderat muss nun erneut beraten.

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09.12.2014, 12:00 Uhr

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