Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Messerattacke keine Tat im Affekt

Trotzdem geht das Tübinger Landgericht bei dem Angriff von Körperverletzung aus

Auch nach dem zweiten Prozesstag ist unklar, warum und wie ein 42-Jähriger Reutlinger seine Mitbewohner mit einem Kampfmesser attackiert hat. Wahrscheinlich ist nun aber: Es war keine Tat im Affekt.

28.11.2012
  • Fabian Ziehe

Reutlingen/Tübingen. Einem ungeübten Trinker setzen 2,1 bis 2,5 Promille Blutalkohol heftig zu. Nicht aber dem 42-jährigen, der gestern vor der 5. Schwurgerichtskammer des Tübinger Landgerichts saß: Der psychiatrische Gutachter Hannes Moser schätzte ihn zum Tatzeitpunkt vor einem Jahr als leicht bis mittel alkoholisiert ein. Er sei imstande gewesen, die Messerattacke auf seine Mitbewohner zu überdenken.

Der Angeklagte war vom Mitbewohner ertappt worden, als er mit dessen Freundin Sex hatte. Der Mitbewohner hatte ihn geschlagen und aus dem Zimmer geworfen. Später kam der Angeklagte zurück – um die Sache zu klären, sich zu rächen oder um die Frau zu holen, bleibt unklar.

Dort griffen ihn der Mitbewohner und ein zweiter Mann an, der sich im Zimmer aufhielt. Daraufhin holte der 42-Jährige ein Kampfmesser und ging zurück ins Zimmer. Was bei der Rangelei geschah, ist unklar. Jedenfalls verletzte er den Mitbewohner am Hals. Dieser und seine Freundin hatten vor Gericht den Vorfall heruntergespielt, eine andere Version des Geschehens präsentiert. Die erschien aber kaum plausibel: Der Angeklagte ist geständig, obwohl er sich an die Tat nicht erinnern könne.

Das Gericht hörte weitere Zeugen, ohne das Geschehen im Zimmer zu klären. Auch die beteiligten Polizisten konnten zum Tatablauf wenig sagen. Der medizinische Sachverständige beschrieb die Halswunde so, dass ein Schnitt aus Versehen unwahrscheinlich ist. Allerdings: „Wenn der Angeklagte es gewollt hätte, hätte er ein Massaker anrichten können.“ Das spricht für die Einschätzung, dass er sich mit dem Messer Respekt verschaffen wollte.

Der Vorsitzender Richter Ralf Peters geht nun von Körperverletzung verbunden mit unvollendetem Tötungsversuch aus. Er lenkte den Fokus auf die Frage, ob für den 42-Jährigen der Maßregelvollzug in der Psychiatrie infrage kommt, um sein Suchtproblem in den Griff zu bekommen. Der Täter hat bereits eine Liste an Vergehen gesammelt – etwa Fahren ohne Führerschein und Diebstähle. Nur zwei Delikte waren im Suff – das letzte 2005, als er im Streit einer Frau an die Gurgel ging. Bei der Tat nun sei er trotz Alkoholkonsum so reflektiert gewesen, sich ein Messer zu besorgen.

Das sei untypisch für eine Affekt-Tat, sagte Moser. „Der Angeklagte hätte ja nach der nächstbesten Flasche greifen können.“ Dennoch spielte der Alkohol eine gewisse Rolle. Es sei unwahrscheinlich, dass er im Suff bald wieder zuschlage – aber auch nicht auszuschließen.

Das Trinker-Milieu, die Verschuldung und Arbeitslosigkeit des Täters gegenüber dem ernsthaften Bemühen, sich um seine drei Kinder zu kümmern, Abstand zur Szene zu gewinnen und Therapie zu probieren – der Gutachter befürwortete am Ende eine Therapie. Dort müsse der Täter beweisen, dass es ohne Abstinenz nicht gehe. Ob das Gericht ihm dazu die Chance gibt, entscheidet sie nach den Plädoyers am Freitag.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.11.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball