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„Wir kommen nicht an den Mann“

Trotzdem versuchte es die Klinikums-Urologie am Sonntag mit einem Tag der Männer-Gesundheit

„Sehr geehrte Herren und Damen“, sagte ein Redner. Nicht, um die Frauen zurückzusetzen, sondern um es auf die eigent liche Zielgruppe zuzuspitzen: Beim Gesundheitstag im Kupferbau ging es um das schwache Geschlecht in Sachen Vorsorge, Ernährung et cetera: die Männer.

21.07.2014
  • WOLFGANG ALBERS

Tübingen. „Gesundheit – das ist noch nicht so in den Köpfen der Männer“, sagte Arnulf Stenzl. Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Urologie eröffnete den Tag der Männergesundheit mit einer Beobachtung: „Ein Drittel aller Besucher sind Frauen.“ Der Mann, das scheue Wesen, wenn es um ein Handeln für die Gesundheit geht, stand wieder im Mittelpunkt eines Gesundheitstages, den die Urologische Klinik aus Anlass ihres 50-jährigen Bestehens organisiert hatte.

Den ganzen Sonntag über bot sich den (nicht gerade in großen Scharen strömenden) Besuchern eine Mischung aus Infoständen und einem Vortragsprogramm. Die Infostände gaben teils ganz praktische Ernährungstipps (wo nochmal die Basics Obst und Gemüse mit einer farbenprächtigen Naturalien-Schau ins Gedächtnis gerufen wurden), teils informierten sie schon sehr speziell über Forschungsansätze und Therapieformen.

Reha-Anbieter wiesen auf ihre Dienste hin, und am Stand der Firma Myriad, ein US-Unternehmen mit Sitz bei München, bekam man auch einen Eindruck in die Marktmechanismen des Gesundheitssektors. Die Firma wendet sich an Männer mit Prostatakrebs. Wenn man diesen operiert, muss man mit etlichen Nebenwirkungen rechnen. Das Vertrackte ist: Nicht in jedem Fall ist eine Operation nötig, manchmal schreitet der Krebs als „Haustierkrebs“ nur sehr langsam fort.

Nur: Wer hat einen schnell wachsenden und damit lebensgefährlichen Tumor, wer einen fast ruhenden? Die Firma Myriad hat einen Test entwickelt, der die Aktivierung von Wachstumsgenen misst und so eine Prognose über das Tumorwachstum geben soll. Aber dieser Test ist noch nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen. Wer ihn anwenden will, muss ihn selber kaufen. Und dann 1950 Euro hinlegen. Teuer – aber die Nachfrage ist hoch, hieß es am Myriad-Stand.

Da geht es um Krebstherapie. Damit ist auch das Haus von Alfred Königsrainer oft beschäftigt. Aber der Ärztliche Direktor der Viszeral-Chirurgie (die sich um den Bauchraum kümmert) würde sich auf dem Gebiet lieber arbeitslos machen. Er richtete einen dramatischen Appell ans Auditorium, zur Darmkrebs-Vorsorge zu gehen. Das tut nämlich fast keiner, zumindest fast kein Mann: „Die nutzen nur zu 17 Prozent die Vorsorge, und selbst diese Zahl ist rückläufig. Irgendwie kommen wir nicht an den Mann.“

Die Folgen allein für Tübingen: „Im nächsten Jahr bekommen 70 Tübinger Darmkrebs, und 80 Prozent davon wären zu verhindern.“ Bei keiner Krebsart sonst gebe es so klare Vorstufen: Darmpolypen, die mit einer Darmspiegelung entdeckt und gleich entfernt werden.

Die Gesundheit wurde längst zur Ersatzreligion

Ziemlich ungeschminkt machte Alfred Königsrainer klar, was passiert, wenn man erst zum Arzt geht, wenn der lange so stille Darmkrebs sich bemerkbar macht. Mit Bildern zeigte er Metastasen in Leber und Lunge. Zwar operieren seine Mediziner selbst dann noch, sogar wenn Metastasen in der Bauchdecke sind (früher brach man da die Operation ab) und mühen sich bis zu 16 Stunden im Operationssaal ab – aber die Statistik mit ihren Särgen zeigte auf: Da haben nur noch die wenigsten eine Heilungschance. Ganz anders steht es um die 340 000 Menschen, bei denen während einer Darmspiegelung Polypen entdeckt und entfernt wurden: „Das wären alles Tumore geworden.“

Immerhin: Da haben viele Männer ihren Mut zusammengenommen und ihre Gesundheit zum höchsten Gut erklärt. Geschichtlich gesehen ist das ein junges Phänomen. Prof. Martin Dinges vom Stuttgarter Institut für Geschichte der Medizin machte da einen Streifzug durch die letzten 200 Jahre. Vorher war Gesundheit sicher nicht unwichtig, sogar überlebenswichtig, aber im Zentrum stand nicht das leibliche, sondern das Seelenheil. Den Siegeszug der Gesundheit zu einer Ersatzreligion macht Martin Dinges erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts aus, als die Religiosität abnahm: „So kann es geschehen, dass die Männer am Sonntag nicht mehr in die Kirche gehen, sondern zum Gesundheitstag.“

So sei man inzwischen in der Gesundheits-Gesellschaft angekommen. Zu der ein ständiges Selbstmanagement gehöre: „Die Sorge um sich selbst dominiert. Was esse ich? Bewege ich mich richtig? Ständig wird die Frage nach dem gesundheitspolitischen Folgen unseres Handeln gestellt.“

Was ja auch der Gesundheitstag getan hat, indem er zum Beispiel die körperliche Aktivität als Herzinfarkt-Prävention zum Thema gemacht hat. Aber Martin Dinges mahnt auch zur Gelassenheit: „Ein problematischer Effekt ist die generelle Abwertung übergewichtiger Menschen. Es wird kritisch, wenn Gesundheit zur Ersatzreligion wird und die Lebensfreude abnimmt. Lieber mit einer Gruppe einen draufmachen als isoliert um den Sixpack zu kämpfen.“

Trotzdem versuchte es die Klinikums-Urologie am Sonntag mit einem Tag der Männer-Gesundheit
Der Mann – das scheue Wesen: Der Andrang beim gestrigen Männergesundheitstag im Foyer der Uni-Klinik für Urologie hielt sich in überschaubaren Grenzen. Bild: Faden

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21.07.2014, 12:00 Uhr

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