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Tübingen: Viele Herzen für eine Familie
Die Deutschlandfahne hängt normalerweise über dem Spiegel, aber die Jüngsten der Familie Khadeeda, Jennifer, Solin, Sinin und Nadeema (vor dem Tisch, von links) wollten sie fürs Foto unbedingt haben. Dahinter gruppieren sich (von links) Lizzy und Lisa Bark, Karim, Kamal, Helmut Feihl, Khairi, Nick Patterson, Vater Majjo, Mutter Khokhy Mirza, Zaitoun und Zahra. Bild: Metz
Integration jesidischer Flüchtlinge aus dem Irak

Tübingen: Viele Herzen für eine Familie

Vater, Mutter und neun Kinder: Die jesidische Familie Khadeeda hat dank großherziger Unterstützer ein Haus in Tübingen gefunden und gute Freunde.

24.12.2016
  • Sabine Lohr

„Wer hat ein Herz für eine Familie mit neun Kindern?“ So leitete die 80-jährige Lisa Bark die Kleinanzeige ein, die sie im April im TAGBLATT aufgab. Sie suchte eine große Wohnung oder ein Haus für die Familie Khadeeda. Vater Majjo Khadeeda, seine Frau Khokhy Mirza und die neun Kinder lebten zusammen mit rund 160 anderen Flüchtlingen aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt in der Shedhalle beim Schlachthof in Tübingen. Die Räume dort bestanden nur aus Stellwänden und waren ausgestattet mit Etagenbetten. Trotzdem sagte der älteste Sohn der Familie, der damals 22-jährige Khairi, dem TAGBLATT bei dessen Besuch dort: „Es ist gut hier.“

Ohne seine Eltern und seine acht Geschwister hatte Khairi den Irak nicht verlassen wollen. Er nahm seine ganze Familie mit, als er vor einem Jahr übers Meer und die Balkanroute nach Deutschland kam. Er hielt sie zusammen, denn, so sagt er: „Ohne Familie bedeutet das Leben nichts.“

Im Irak hatte die Familie Gemüse angebaut und es auf dem Markt verkauft. Viel Geld verdiente sie damit nicht: Die älteste Tochter hat nie eine Schule besucht, und Khairi arbeitete als Schlosser, seit er 15 Jahre alt war. Die Situation für die jesidische Familie verschärfte sich aber noch, als der IS vor zwei Jahren damit begann, gezielt die „Ungläubigen“ zu verfolgen und zu töten. Es blieb nur die Flucht nach Europa. In Meßstetten fanden sie eine erste Bleibe hier, im Februar brachte sie der Landkreis in der Shedhalle unter.

Dort hatte sich schnell ein Helferkreis gebildet, in dem sich von Anfang an auch Lisa Bark engagierte. Sie nahm sich der Familie an, lud sie zu sich zum Essen ein, ging mit der Mutter, die an Diabetes leidet, zum Arzt, half bei Gängen auf Ämter. Im April begann sie, eine Wohnung für die Familie zu suchen und schaltete die Kleinanzeige.

Nick Patterson registrierte die Anzeige, schenkte ihr aber weiters keine Beachtung. Der gebürtige Schotte, Vater von fünf Kindern und schon „sehr, sehr lange hier“, hatte gerade ein Haus in der Rappstraße gekauft, in das eine seiner Töchter mit ihrer Familie einziehen wollte. Im Juni, als das Haus so weit fertig war, sprang seine Tochter ab. Patterson erinnerte sich wieder an die Anzeige, die vor einem Vierteljahr erschienen war – und durchsuchte die Altpapierstapel im Keller seiner Schwiegermutter, bis er die Ausgabe gefunden hatte. Dann meldete er sich bei Lisa Bark, die schon alle Hoffnung aufgegeben hatte.

„Ich hab die Familie in dieser schrecklichen Halle besucht“, sagt Patterson – danach sei alles nur noch eine Formalität gewesen. Zu der gehörte auch, die Nachbarn auf die neuen Bewohner vorzubereiten. Vor allem Helmut Feihl, der im Erdgeschoss des Hauses wohnte. „Ich dachte, der neue Besitzer will mich vielleicht rausekeln und setzt deshalb zehn Flüchtlinge ins Haus“, sagt er. Dann aber sei er „angenehm überrascht gewesen.“

Am 1. Juli zog die Familie in das Haus ein – und fühlt sich richtig wohl dort. Vor allem all der aufgeschlossenen Nachbarn und Helfer wegen. Patterson ist oft da und kümmert sich um die täglichen Dinge des Lebens wie etwa eine fällige Fernsehreparatur. Lisa Bark und ihre Tochter Lizzy helfen, wo sie können, Feihl verbringt viel Zeit mit der Familie, geht mit Khairi hin und wieder ein Bier trinken, nimmt ihn mit, wenn er als DJ Metalpartys macht und ist allen ein guter Freund geworden. Auch in der Nachbarschaft ist die Familie beliebt. „Uschi gibt den Eltern Nachhilfe, Ute ist wie eine Mama und Oli wie ein Bruder“, sagt Khairi. Achja, und da ist dann noch das ältere Ehepaar, das so rührend sei.

Die ganze Familie spricht inzwischen gut Deutsch – von der vierjährigen Sinin bis hin zu den Eltern. Vater Majjo, Mutter Khokhy Mirza und die älteste Tochter Zaitoun konnten, als sie herkamen, weder lesen noch schreiben. Inzwischen können sie es – und sind eifrig am Lernen, vor allem die 26-jährige Zaitoun, die manchmal von Lizzy Bark in ihrem Übereifer gebremst werden muss. „Ich will unbedingt arbeiten“, sagt Zaitoun, „egal, was. Ich bin glücklich, wenn ich arbeiten darf.“ Noch aber sei sie nicht so weit, sie wolle ihre Deutschkenntnisse noch weiter verbessern. „Ich will es gut machen.“

Alle Kinder besuchen den Kindergarten oder eine Flüchtlingsklasse in einer Schule, die älteren Geschwister und die Eltern machen Sprach- und Integrationskurse, der 15-jährige Karim und sein 16-jähriger Bruder Karmal sind Mitglieder der Jugendfeuerwehr.

Auch Khairi würde gerne einen Integrationskurs besuchen und arbeiten. Aber er darf nicht. Er ist der einzige der Familie, der bisher keine Anerkennung hat, alle anderen sind geduldet – für drei Jahre. In Meßstetten, so erzählt Khairi, sei er in einem anderen Raum angehört worden als der Rest der Familie. Der Dolmetscher in seinem Raum transkribierte den Nachnamen im irakischen Ausweis anders als der andere Dolmetscher. Seither werde vom Bundesamt für Migration angezweifelt, dass der jetzt 23-Jährige tatsächlich ein Mitglied der Familie ist.

„Aber ich bin trotzdem glücklich hier“, sagt Khairi. „Und ich danke den Deutschen, dass wir hier sein dürfen. Ich möchte gerne etwas zurückgeben.“ Das wollen sie alle, auch die Eltern. Und dann fällt Zaitoun etwas ein. Sie strahlt und ruft: „Schöne Weihnachten allen Deutschen!“ Und alle stimmen ein.

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24.12.2016, 01:00 Uhr

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