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Tübingen ist Sprach-Metropole! :-)

In wenigen anderen Städten geht es so studentisch zu wie in Tübingen. Die Universität und ihre Protagonisten sind im Bild der Stadt präsent. Gut gekleidete Herrschaften stöbern in Antiquariats-Kisten. Dank akademischer Bildung drückt man sich in den besseren Kreisen gewählt aus, schmückt sich mit Geistesgrößen vergangener Jahrhunderte.

14.09.2012
  • Matthias Stelzer

Selbst wenn diese, wie im Jahre 1797 Johann Wolfgang von Goethe, wenig Schmeichelhaftes über Tübingen formulierten: „Die Stadt selbst ist abscheulich, allein man darf nur wenige Schritte tun, um die schönste Gegend zu sehen.“

Ganz anders und keinesfalls besser als zu Goethes Zeiten hört sich das in moderneren Worten an. Nachzulesen ist das im sozialen Netzwerk Facebook, wo eine junge Dame, die in Kürze hier ihr Studium aufnehmen wird, folgende Kritik äußerte: „Arrivée à Tübingen – voll das Kaff in der Pampa. WG-Cast Vollnerv. Na ja bin zum Master wieder weg, inshallah! :-(“

Während der Beginn des Facebook-Kommentars nichts anderes als eine verkürzte – durch französische Noblesse angereicherte – Übersetzung der Zeilen des Geheimen Rats zur Abscheulichkeit Tübingens ist, verdient der anschließende Text eine nähere Untersuchung. Wie viele angehende Erstsemester hat unsere Kronzeugin offenbar schon die wundersame Welt der Bewerbungsgespräche in Wohngemeinschaften kennengelernt. Eine Praxis, die ihr offenbar nicht zusagt und sie deshalb mit himmlischem Beistand hoffen lässt, einen Master-Studienplatz außerhalb Tübingens finden zu können. Ihren Eindruck von der Studentenstadt fasst die Neutübingerin in einem gängigen Missfallens-Symbol zusammen.

Ohne diesen Blick auf Tübingen eintrüben zu wollen, muss die Aufmerksamkeit an dieser Stelle auf die radikale Vielsprachigkeit der Gesichtsbuch-Nutzerin gelenkt werden. Ein französisches Arrivée (Ankunft), eine spanische Pampa (Steppe), ein englisches Casting (Auswahlverfahren) und ein arabisches Inshallah (So Gott will) helfen dabei, Tübingen im weltweiten Netz als provinziell (ländlich geprägt) zu entzaubern.

Sprachforscher sprechen bei solchen Sätzen vom „Crossing“. Eine Folge der Superdiversität sollen diese bei Jugendlichen verbreiteten Sprachvariationen sein. Als Hauptauslöser haben die Soziolinguisten die Globalisierung ausgemacht. Besonders ausgeprägt habe sich der Sprachmix in den Metropolen.

Was gelegentliche Besucher der Tübinger Gastronomie eigentlich nur darin bestätigen kann, dass Tübingen im weltweiten Netz übel nachgeredet wird. Wir sind Metropole! Jedenfalls wenn dieser Status an jener weltläufigen Mischung gemessen wird, die in den Studenten-Kneipen gesprochen – pardon getalkt – wird: Kiezdeutsch gemischt mit Szene-Englisch und dazu ordentlich romanische Einsprengsel.

Den altmodischen Schwaben bleibt da nur die Flucht nach vorne: „Em Indernet g’lesa, des Mädle mit dem ausländischa Gschwätz hoat’s net richtig weit en d’Pampa ket. Die kommt nemlich aus em Oberland, heilandzack! :-)

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14.09.2012, 12:00 Uhr

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