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In Troia macht sich nach 25 Forschungsjahren Wehmut breit

Tübinger Archäologen stehen vor einer Zäsur

Abschiedsstimmung in Troia: Die Tübinger Archäologen hatten diesen Sommer wohl zum letzten Mal die Federführung bei den Forschungen in der kleinasiatischen Ruinenstadt. Nach 25 Jahren ziehen Professor Ernst Pernicka und sein Team eine positive Bilanz.

14.09.2012
  • Raimund Weible

Troia. Diesen Platz lieben sie, die Ausgräber von Troia. Es ist zwei Uhr nachmittags, und sie haben eben zu Mittag gegessen, Gemüse mit Reis, Melonen zum Nachtisch. Jetzt verweilen sie zwischen dem Küchencontainer, dem Grabungshaus, das vor 80 Jahren der amerikanische Ausgräber Carl Blegen gebaut hat, und den Zelten mit den Tischen, die normalerweise voll mit Keramikscherben bedeckt, an diesem Tag aber leer sind.

Die Pergola und zwei Feigenbäume spenden Schatten. Der unvermeidliche troianische Wind lässt die Blätter rauschen und bringt etwas Kühlung. Die Mitarbeiter sitzen mit einem Gläschen Tee auf der Bank, d lehnen mit dem Rücken an die Wand des Grabungshauses. Andere fläzen sich in alten Polstersesseln.

Der lauschige Ort nur 50 Meter von der Burg Troia entfernt und die kleine Hüttensiedlung namens Bademliköy (Mandeldorf) im Nordosten der Ruine sind „für mich zwangsläufig zur zweiten Heimat geworden“, sagt Peter Jablonka. Der Doktor der Früh- und Urgeschichte zählt zu den Erfahrendsten unter den Wissenschaftlern, die Jahr für Jahr nach Troia kommen. Er war schon dabei, als Manfred Korfmann 1982 ein paar Kilometer entfernt von Troia am Besiktepe grub, einem Hügel an der Ägäis. 1988 erhielt Korfmann eine Grabungslizenz für Troia selbst und Jablonka war mit dabei. Nur zweimal setzte er aus, einmal, weil er sich in Tübingen eine Verletzung zuzog, ausgerechnet einen Achillessehnenriss, ein anderes Mal, als er im Kaukasus grub. Jetzt beschleicht ihn das Gefühl, „dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht“. „Ich werde weiterhin mit Troia zu tun haben“, sagt Jablonka, „aber es wird auch was Neues kommen.“

Die Grabungslizenz wurde verweigert

Ein paar Tage vor dem Ende der Kampagne 2012 macht sich unter den meisten der Archäologen Abschiedsstimmung breit. Professor Ernst Pernicka ist der einzige, der auf die Frage, ob er Wehmut verspüre, verneint. Dass eine emotionale Bindung mit Troia entstanden ist, „kann ich von mir nicht behaupten“, sagt er. Für die Wissenschaft, erklärt er, sei es von Vorteil, keine Gefühle aufkommen zu lassen. „Man wird leichter dazu verführt, Befunde emotional zu interpretieren.“

Nach 25 Jahren neigt sich die Periode, in der mit Manfred Korfmann (1988 - 2005) und Ernst Pernicka (2006 - 2012) Wissenschaftler der Universität Tübingen in Troia Regie führten, dem Ende zu. Für diesen Sommer hatte die türkische Antikenbehörde Pernicka die beantragte Grabungslizenz verweigert und lediglich die Erlaubnis zum Zugang zu den Fundcontainern erteilt. Verbunden mit der Auflage, die Ruine zu pflegen. Im Mai hatte Pernicka angekündigt, er werde nach der Kampagne 2012 die Leitung abgeben. Als seinen Nachfolger nannte er William Aylward, ein klassischer Archäologe aus den USA, der bisher schon im Team war.

Wie es wirklich weitergeht, erscheint völlig offen. Anzeichen deuten darauf hin, dass die türkischen Behörden die Lizenz keinem Ausländer mehr erteilen werden. An der nahegelegenen Universität Canakkale gibt es ein Fach Archäologie. Niemanden würde es wundern, wenn künftig ein türkischer Wissenschaftler die Leitung übernähme. Auf die Erfahrung der ausländischen Kollegen zu verzichten, wäre ein Fehler. „Ich kann mir vorstellen, dass ich in neuer Konstellation wieder hier arbeite“, sagt Jablonka (51).

25 Jahre hintereinander und das noch am Stück – niemand hat so lange in Troia geforscht wie die Universität Tübingen. Heinrich Schliemann und sein Mitarbeiter Wilhelm Dörpfeld brachten es zwischen 1871 und 1894 auf elf, der Amerikaner Carl Blegen (1932- 1938) auf sieben Kampagnen. Vielleicht wäre es besser gewesen, nach 20 Jahren aufzuhören, weil schon damals eine Menge an Fundmaterial vorlag, dessen Ausarbeitung auch größere Teams wie das Tübinger überforderte.

Aber der Drang, weiterzugraben war groß, weil längst nicht alle Fragen gelöst sind. So fehlt nach wie vor der absolute Beweis, dass Troia wirklich das Troia Homers ist. Möglicherweise würde der bronzezeitliche Friedhof dieses Rätsel lösen, doch alle Bemühungen, die Nekropole zu finden, waren erfolglos. Allzu gern hätten Korfmann und Pernicka auch den Gesamtverlauf des Grabens nachgewiesen, der nach ihrer Interpretation das Troia zwischen 1500 und 1300 vor Christus vor Angreifern schützte.

Schon allein, um die Kritiker dieser Interpretation zum Schweigen zu bringen. „Mein Ehrgeiz wäre gewesen, den Nordabhang zu erreichen“, sagt Pernicka. Doch dazu wäre viel Geld notwendig. Geld, das das Projekt nicht mehr aufzubringen vermag. Nach 25 Jahren ohne richtig spektakuläre Funde ist es schwierig, Sponsoren zu motivieren.

Größte bronzezeitliche Siedlung der Umgebung

Dennoch, die Tübinger Archäologen sind zufrieden mit der Bilanz ihrer Arbeit. Sie halten die bronzezeitliche Untersiedlung für zureichend nachgewiesen. Pernicka gibt die Größe des homerischen Troias mit 35 Hektar an, zwischen 5000 und 10 000 Einwohner müsse die Stadt gehabt haben. Geländeuntersuchungen in der Region hätten gezeigt, dass Troia die größte bronzezeitliche Siedlung der weiten Umgebung war und damit ein Zentralort. Das Modell mit der dicht bebauten Unterstadt, das auf der Troja-Ausstellung 2001/2002 gezeigt wurde und für so viel Aufregung gesorgt hat, „war durchaus realistisch“, sagt Pernicka.

Nur auf Korfmanns Einschätzung, es habe sich um eine Stadt des Fernhandels gehandelt, geht der Professor für Archäometallurgie auf Distanz. Er spricht von einem regionalen Zentrum, in dem die Pferdezucht und die Produktion von Textilien im Vordergrund standen.

Als großen Erfolg werten Pernicka und Jablonka die Verfeinerung der Datierung. Troia war schon zu Schliemanns Zeiten Referenzort für die Datierung bronzezeitlicher Funde im ägäischen Raum. Diesen Nimbus wird Troia behalten. Wann immer Keramik zeitlich bestimmt wird, werden die Referenzobjekte von Troia herangezogen.

Besser verstehen die Ausgräber inzwischen auch, wie es in Troia nach der Zerstörung der bronzezeitlichen Stadt um 1180 vor Christus weiterging. Sie fanden Hinweise darauf, dass in den Ruinen schon zwischen 1180 und 800 eine Art Erinnerungsort an den sagenhaften Troianischen Krieg entstanden ist. Besser bekannt sind nun auch die Verhältnisse während der darauffolgenden Periode unter persischer Herrschaft. Nach dem Ende diese Periode, im fünften und vierten Jahrhundert, verarmte Troia. Ein Jahrhundert blühte es wieder auf.

Das hellenistische Ilios wurde zur Hauptstadt eines Städtebunds. Ein riesiger Athene-Tempel, gegründet auf den planierten Siedlungsresten, krönte den Hügel. In römischer Zeit ging die Stadtfläche weit über das Areal der spätbronzezeitlichen Stadt hinaus. Erst um 500 nach Christus endete die Besiedelung, Troia fiel in Vergessenheit.

Ein Nebeneffekt der Arbeit war die Ausweisung Troias zum Unesco-Weltkulturerbe und die Ausweisung eines Teils der Troas zum Nationalpark. Im Nordosten begrenzen die Dardanellen den Park, im Süden und Westen lässt sich die Grenze an zwei Windparks ausmachen, deren Rotoren sich seit zwei Jahren drehen. Im Nationalpark wird weiterhin Intensivlandwirtschaft betrieben. „Doch wenigstens ist er nicht durch Ferienparks und andere Bauten verschandelt worden“, sagt Jablonka. Der türkische Archäologe Rüstem Aslan hofft, dass das Museum vor Troia mit 10 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, mit dessen Bau demnächst begonnen wird, den Nationalpark voranbringen wird.

Ein Traum von Korfmann war, den Besuchern ein Programm für zwei Tage zu bieten – einen für die Ruinen Troias und für das Museum, den zweiten für die Exkursion durch den Nationalpark mit den vielen antiken Grabhügeln, aber auch den sichtbaren Zeugnissen der letzten Schlacht vor Troia, dem 1915 von England und seinen Alliierten geführten Kampf um den Zugang zu den Dardanellen. Die Nachmittagspause ist beendet. Die Mitarbeiter gehen wieder an ihre Schreibtische im Grabungshaus, schreiben an ihren Texten für die Endpublikation weiter. Sechs dicke Bände sind geplant. „Im Endeffekt bleibt das übrig“, sagt Jablonka, „alles andere, was in den Medien stand, ist flüchtig. Unsere Publikation wird in den Bibliotheken für die Fachleute stehen.“ Und Pernicka stellt fest: „Es ist ein sinnvoller Abschluss erreicht. Ich habe das Lebenswerk meines Freundes Korfmann abgeschlossen.“

Tübinger Archäologen stehen vor einer Zäsur
Professor Ernst Pernicka fand Gefallen an seiner Aufgabe in Troia. Nach sieben Jahren gibt er die Grabungsleitung ab.

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So sah es in Troia aus, als die Tübinger dort noch mit großem Aufwand gegraben haben.

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14.09.2012, 12:00 Uhr

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