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Sehnsucht nach den Kuscheltieren

Tübinger Familie reiste zu viert mit Tandems um die Welt

Thailand, Tasmanien, Neuseeland, Hawaii und die USA: Das waren die Stationen der Weltreise von Monika Huebener, Björn Lowack und ihren Kindern Charleen und Justin. Elf Monate waren sie unterwegs. Eine nicht immer leichte Zeit, wie die Tübinger Familie nach der Rückkehr berichtet.

12.09.2010
  • Uschi Hahn

Elf Monate Ferien. Das hört sich klasse an: exotische Länder sehen, im Meer baden, vom Tandem aus den Urwald betrachten, im Zelt schlafen, … Charleen und Justin haben nächste Woche in der Schule mehr zu erzählen als wohl die meisten ihrer Mitschüler, die nur sechs Wochen frei hatten.

Doch die neunjährige Charleen, die von Montag an in die dritte Klasse geht, und ihr Bruder Justin, der mit seinen sechs Jahren nächste Woche eingeschult wird, hatten nicht nur tolle Zeiten auf ihrer Weltreise. Was keineswegs an der privaten „Schule unterwegs“ lag, zu der sich die Eltern dem Schulamt gegenüber verpflichtet hatten.

Auch Monika Huebener und Björn Lowack werden ihren Lehrer-Kollegen von sehr gemischten Gefühlen berichten, die sie in der langen gemeinsamen Familienpause hatten. „Wir haben viel gesehen, viel erlebt und viel durchlebt“, fasst die 41-jährige Monika Huebener die lange Reise kurz und bündig zusammen. Und ihr Mann, 43, sagt ganz unumwunden, es habe Situationen gegeben „in denen wir alles abbrechen wollten“.

Mit Weihnachten kam das Heimweh

Doch sie haben durchgehalten. Und sind heute froh darüber. Vielleicht auch, weil sie vieles begriffen haben, was über reine Reiseeindrücke weit hinaus geht. Die Eltern, beide Lehrer am Gymnasium, sprechen ganz offen darüber: „Was wir über uns gelernt haben, das bekommt man sonst vielleicht in fünf oder zehn Jahren mit“, beschreibt Björn Lowack die Dynamik, wenn man „24 Stunden, sieben Tage die Woche und das elf Monate lang nur mit der Familie zusammen ist“. Und das weit weg von Freunden, mit denen man mal ausgehen und reden kann. „Man kann nicht davonlaufen, man muss alles sofort klären“, hat Björn Lowack dabei erfahren. Seine Frau nickt dazu.

Auslöser der großen Krise war Heimweh. Das packte vor allem Justin. Und zwar ziemlich genau nach sechs Monaten. Da hatten die vier schon Thailand und Tasmanien hinter sich und waren in Neuseeland unterwegs. Es war um Weihnachten herum. Darauf hatte sich die Familie eigentlich gefreut. Es waren auch überall entsprechende Lieder zu hören und weihnachtliche Dekorationen zu sehen. Nur: Da waren keine Schneeflocken oder Schlitten. Es war überhaupt nicht winterlich, sondern mitten im Hochsommer. Vielleicht war das der Grund, vermutet Monika Huebener: „Weil es so anders war, fing da das ganze Heimweh an.“

Da half es auch nichts, dass sie mit den Kindern auf dem Campingplatz Plätzchen gebacken hat. Man könne sich als Erwachsener manchmal einfach „nicht vorstellen, was in Kinderköpfen vorgeht“, sagt Monika Huebener und beschreibt drastisch die Ängste ihres Sohnes. Justin habe plötzlich befürchtet, dass die Familie nach der Rückkehr nicht mehr in das zwischenvermietete Haus zurück könne. Er bekam Angst um seine Spielsachen, um sein Zimmer. Ein wenig half es, dass die Zwischenmieter – ein kanadisches Paar, das sein Sabbatical-Jahr in Tübingen verbrachte – innerhalb von 24 Stunden einen beruhigenden Brief samt aktuellen Bildern vom Kinderzimmer mailte.

Huebener und Lowack mussten reagieren. „Wir haben die Räder zusammengepackt und voraus geschickt“, berichtet die Mutter. Statt täglich unterwegs zu sein, verbrachten sie zweimal zwei Wochen auf einem Campingplatz, mieteten ein Cottage, in dem jeder wieder etwas Raum für sich hatte. Das half. „Wir waren wohl auch einfach müde vom ständigen Weiterziehen“, stellt die 41-Jährige im Nachhinein fest. „Er“, ergänzt der Vater Björn Lowack mit einem liebevollen Blick auf seinen Sohn, „hat das Ganze entschleunigt.“

Von seinen großen Seelennöten auf der Reise ist Justin nichts mehr anzumerken. Fröhlich verfolgt er das Gespräch am Tisch und berichtet vergnügt: „In Thailand hat mich jeder angetatscht, weil ich blonde Haare habe.“ Seine Schwester Charleen hatte es besser: „Ich habe ja braun-blonde Haare.“ Die Neunjährige fand Thailand „schön, weil ich jeden Tag ins Wasser konnte“. Doch auch sie hat manches vermisst, am meisten fehlte ihr – trotz regelmäßigem Mailkontakt und Telefonaten übers Internet – „die beste Freundin“. Und ihre Stoffschlange. Aber die hat glücklicherweise, wie Charleen sehr ernsthaft erzählt, „eine unsichtbare Doppelgängerin, die immer auf mich aufpasst“.

Und Justin, nach was sehnte er sich am meisten? „Meine Freunde und meine Kuscheltiere“, schießt es ohne Überlegung aus dem Sechsjährigen heraus.

Doch, es sei „schön, wieder hier zu sein“, sagen übereinstimmend alle vier. Besonders gerührt hat sie der wunderbare Empfang, den Nachbarn und Freunde ihnen bei der Heimkunft bereiteten. So spüre man „wo man hingehört“, sagt Monika Huebener.

Was nicht heißen soll, dass sie die Reise im Nachhinein bedauern. Nein, sie haben auch unterwegs viele Freunde gefunden. Es seien ja „die Menschen, die man trifft“, die „das Reisen ausmachen“, findet Huebener. Sie und ihr Mann hoffen, dass manche der Lektionen, die ihnen der lange Urlaub erteilt hat, auch im Alltag daheim Bestand haben werden. Zum Beispiel die Fähigkeit, „jeden Tag so zu nehmen, wie er ist“, so Huebener. Oder auch die Einsicht, „alles auf eine etwas einfachere Art zu nehmen“, wie Lowack sagt. Was sie sich auch vorgenommen haben: sich nicht so von den Erwartungen anderer jagen zu lassen. Vielmehr wollen sie dem „Gehetztsein, das wir in unserer Gesellschaft haben“, so Huebener, mit mehr Gelassenheit begegnen. „Es ist die Frage, wie lange wir das beibehalten können“, ist ihr Mann etwas skeptisch.

Als kleine Gedächtnisstütze hat Monika Huebener ein paar Buddhas mitgebracht. Immer, wenn sie eine dieser so demonstrativ in sich ruhenden, kleinen Figuren sieht, sagt sie sich: „Mach doch etwas langsamer!“. Man müsse sich das „immer wieder in Erinnerung rufen“.

Dass sie sich in den elf Monaten verändert haben, sieht man auch ihrer Umgebung an. Nicht nur, dass die Urlaubsfotos an der Wand hängen und Mitbringsel die Regale schmücken. Die Familie hat die erste Zeit nach der Rückkehr ins eigene Haus auch dazu genutzt, einiges umzugestalten. Im Keller entsteht ein „Recreation Room“, ein Aufenthaltsraum, den alle nutzen können, um sich zu erholen. Auch voneinander. „Da kann man sich auch mal zurückziehen“, beschreibt Björn Lowack die Idee.

Reduzierung aufs Wesentliche

Und die vier haben ordentlich ausgemistet. Viele Klamotten sind schon in der Altkleidersammlung. Nicht unbedingt, weil die Familie ihnen entwachsen wäre. Vielmehr ist auch das eine Lehre der langen Reise mit wenig Gepäck: „Die Reduzierung auf das Wesentliche“, wie Björn Lowack es nennt. Hier sei dagegen „oft alles zu viel von allem“, hat Monika Huebener festgestellt. Nach einem Jahr ohne den ganzen Konsumüberfluss dränge sich da schon die Frage auf, ob mn die „Dinge, die man ein Jahr lang nicht gebraucht hat, überhaupt noch braucht“. So wird die Familie demnächst auf den Flohmarkt gehen – auch um die geplünderte Reisekasse wieder aufzubessern.

Denn Reisen wollen sie auch künftig noch. „Das wird Bestand haben“, sagt Björn Lowack. „Wir reisen bestimmt auch wieder mit den Rädern“, ergänzt Monika Huebener, „aber nur in Europa.“

Tübinger Familie reiste zu viert mit Tandems um die Welt
Es ist schön, wieder hier zu sein, finden (von links) Björn Lowack, Monika Huebener, Charleen und Justin. Bild: Sommer

Tübinger Familie reiste zu viert mit Tandems um die Welt
Mit zwei Tandems und wenig Gepäck war die Tübinger Familie elf Monate auf Reisen, unter anderem in Neuseeland. Privatbild

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12.09.2010, 12:00 Uhr

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