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Euro und Zloty zusammen in der Geldbörse

Tübinger Geografen erforschen die deutsch-polnische Region

Die Oder war lange Zeit eine der härtesten Grenzen Deutschlands. Was verändert sich dort, nachdem Polen der Europäischen Union und dem Schengen-Raum angehört? Tübinger Geografen untersuchen die Chancen einer grenzübergreifenden „Metropolregion“ um Szczecin / Stettin.

18.08.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. „Die Stadt hat einfach was“, sagt Christian Böhmer, Geografiestudent im vierten Semester, über seine Eindrücke von Szczecin, das er an Pfingsten mit einer Gruppe von zwölf Tübinger Kolleg(inn)en besuchte. Die Tübinger waren nicht zum Sightseeing da, sondern um zu erkunden, wie sich die deutsch-polnischen Beziehungen in der Grenzregion entwickeln, die früher von beiden Seiten als eher „peripher“ galt.

Demgegenüber klingt die These, mit der Wirtschaftsgeografie-Professor Sebastian Kinder an das Forschungsprojekt herangeht, ziemlich steil. Szczecin als Mittelpunkt einer neuen „europäischen Metropolregion“? Es wäre doch „ein tolles Beispiel fürs Zusammenwachsen“, meint Kinder. Und schickte seine Studierenden los, um Belege zu sammeln. Finanziert wird das auf zweieinhalb Jahre angelegte Projekt, an dem auch Wissenschaftler der Uni Szczecin beteiligt sind, von der Deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung.

Die deutsch-polnische Grenze genießt nicht den besten Ruf. Gestohlene Autos, Lastwagen und landwirtschaftliche Geräte werden über sie nach Osteuropa verschoben. Andererseits stieß Kinder auf Berichte, die der alten pommerschen Hauptstadt Stettin als Szczecin wieder eine zentrale Rolle zuschreiben. Wie misst man so etwas? Zum Beispiel an der Zahl und den Motiven der Grenzüberschreiter: Die Studierenden suchten nach den „Pionieren im Prozess des Zusammenwachsens“. Da gibt es etwa schon einige Polen, die sich auf der sehr ländlichen deutschen Seite niedergelassen haben, weil die Immobilienpreise dort noch relativ niedrig sind.

Nikolaus Roos, ein Doktorand im „Transborder“-Projekt, interessierte sich für Deutsche in Szczecin. Er fand sie „im Schneeballsystem“ über die Zusammenarbeit mit Ethnologen von dort: Führungspersonal in deutschen Unternehmen, im Hotel- und Bankgewerbe, aber auch Nato-Generäle (Szczecin ist Nato-Stützpunkt), eine Bibliothekarin in der pommerschen Regionalbibliothek, deutsche Ehepartner von Polen. Aber auch Deutsche aus Vorpommern, die nach Szczecin fahren, um am urbanen Leben teilzuhaben: Man trifft sie an Ausgeh-Orten, in Restaurants und Kneipen, bei Festivals und Events wie der Segelwoche, bei Konzerten.

Auch ein großes Einkaufszentrum am Stadtrand zieht Deutsche von jenseits der Grenze an, man geht auf polnischer Seite zum Friseur und zum Zahnarzt. Überall kann man mit Bankkarte oder mit Euro bezahlen. „Für die Leute ist es normal, Euro und Zloty in der Geldbörse zu haben“, sagt Roos.

Attraktiv für Polen ist dagegen der Freizeitwert auf deutscher Seite: „Viele können immer noch nicht glauben, dass man heute ohne Grenzzaun auch über kleine Sträßchen ins Nachbarland fahren kann.“ Polnische Radler nutzen das besser ausgebaute deutsche Wegenetz.

Die Heimatgeschichte darf auch deutsch sein

Die Tübinger Feldforscher haben sogar Hinweise dafür gefunden, dass in der Region so etwas wie eine eigene, grenzüberschreitende Identität entsteht. „Vor allem junge Leute beschäftigen sich mit der Geschichte der Region“, stellte Roos fest. Sie pausen die Grabsteine auf einem ehemaligen deutschen Friedhof ab, sie engagieren sich für die Rekonstruktion einer Statue von „Sedina“, der Schutzpatronin der Stadt, auf einem Brunnen – was den Älteren als „deutsches Thema“ eher unheimlich ist.

Bei den Jüngeren hingegen habe gerade die Sicherheit, dass Szczecin nun polnisch bleibt, eine neue Identifikation mit der Stadt und ihrer Geschichte ausgelöst. „Hier in Deutschland beschäftigen sich eher die Rentner mit Heimatgeschichte“, stellte Christian Böhmer erstaunt fest, „dort sind es die 20-Jährigen.“

Für Deutsche sei die Stadt nicht nur wegen ihrer Dienstleistungen attraktiv, sondern auch wegen ihres touristischen Reizes. Was wenige wissen: In den 1920er Jahren war Stettin eine ausgesprochene Boomtown. Es war praktisch der Hafen von Berlin, und auch in der Stadtarchitektur, sagt Kinder, „wurde manches, das später in der deutschen Reichshauptstadt auftauchte, in Stettin ausprobiert“. Zwar warte die Innenstadt noch auf eine Sanierung ihrer historischen Quartiere, aber, stellt Böhmer fest, „man spürt das Potenzial“. Zum Beispiel vor den gründerzeitlichen Jugendstil-Fassaden der so genannten Hakenterrassen, die über der Oder angelegt wurden.

Fans von Open-Air-Konzerten zieht es noch aus anderem Grund nach Szczecin: Dass zum Teil dieselben Künstler wie in Berlin zu hören sind, nur zum halben Preis, spricht sich in der Szene herum.

Bei den Sprachen hapert es noch

Wie aber verständigen sich Deutsche und Polen? Sprechen sie die Sprache des Nachbarn? „Man trifft oft Polen, die Deutsch sprechen“, hat Roos festgestellt. Im Einkaufszentrum sind die entsprechenden Mitarbeiter an einem Button kenntlich.

Das Interesse an Deutsch als Fremdsprache sei in Polen aber auch schon mal höher gewesen. Einen Grund sehen die Tübinger Forscher darin, dass England und Irland bei Polen lange Zeit begehrtere Länder für Jobs im Ausland waren. Der nächstgelegene Flughafen, von dem die Szczeciner in die Ferien oder zur Arbeit aufbrechen, ist übrigens Berlin.

Auf deutscher Seite sei die Kenntnis der Nachbarsprache generell sehr viel weniger verbreitet als in Polen, sagt Roos. In Löcknitz, einer grenznahen deutschen Gemeinde, gibt es immerhin ein deutsch-polnisches Gymnasium mit Polnisch als zweiter Fremdsprache.

Obwohl in einigen Bereichen also noch Nachholbedarf besteht, sind die Projektmitarbeiter überzeugt, dass die Chancen einer Regionalisierung in und um Szczecin sehr groß sind, „größer als in anderen deutsch-polnischen Grenzregionen“, sagt Prof. Kinder. Das liege nicht zuletzt daran, dass auch das Interesse dafür bei Regionalpolitikern auf beiden Seiten sehr groß war. „Vom ersten Moment an gab es Leute, die die Europäisierung umgesetzt haben.“ Die Tübinger erzählen an dieser Stelle gern die Geschichte von einer deutsch-polnischen Gruppe junger Leute, die an einem kleinen Schengen-Übergang den Schlagbaum einfach absägten.

Tübinger Geografen erforschen die deutsch-polnische Region
Deutsche und polnische Teilnehmer des Szczecin/Stettin-Projekts auf den weitläufigen Hakenterrassen über der Oder, vor dem Theater- und Museumsgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts im Jugendstil erbaut wurde. Die Terrassen sind nach dem damaligen Oberbürgermeister Hermann Haken benannt.Privatbilder

Tübinger Geografen erforschen die deutsch-polnische Region
Gelegentlich finden sich noch Spuren der deutschen Vergangenheit.

Studium findet nicht nur im Hörsaal statt. Die fruchtbarsten Lehrveranstaltungen sind oft Exkursionen. Die Konfrontation
von Theorie und Praxis, das soziale Erlebnis, die Nähe von Lehrenden und Lernenden macht sie zu den unvergesslichen
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lockerer Folge besonders interessante und ungewöhnliche Exkursionen aus verschiedenen
Fächern an der Tübinger Uni vor.

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18.08.2012, 12:00 Uhr

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