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Stotternder Austausch-Motor

Tübinger Händler ärgern sich über Gastro-Verbot in Aix

Die Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Aix-en-Provence wirkt stabil – zumindest auf der Achse der Bürger und der Händler. Ein Querschuss kommt nun aus dem Aixer Rathaus. Das Verbot, auf dem dortigen Weihnachtsmarkt warme Speisen und Getränke zu servieren, trifft die Jumelage empfindlich. Sogar Boris Palmers Intervention half da nichts.

17.11.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Der Umbrisch-Provenzalische Markt ohne Pasta und Antipasti, ohne Spanferkel und Bouillabaisse, ohne Poulet de Bresse? Undenkbar! Zum Marktgefüge und -gedränge gehören die kleinen, feinen Schlemmereien, die landestypischen mediterranen Spezialitäten aus Perugia und aus Aix-en-Provence. Und zwar als warme Küche auf die Hand und auf der Gasse. Niemand käme wohl auf die Idee, den Partnerschafts-Händlern nach ihrer langen Anreise dieses Geschäft zu verwehren. Und falls doch, sollte man gute Gründe dafür haben.

Seit Mitte der 1990er-Jahre ist der beliebte alljährliche Dreiregionenmarkt die wohl sinnlichste Variante gelebter Stadtpartnerschaft. Nichts gegen den gleichfalls funktionierenden Schüleraustausch zwischen den Städten oder gegen Freundschaftsbeteuerungen auf politischer Ebene: Das Herz jeder Jumelage schlägt nahe beim Magen.

Wenn Händler aus den drei Partnerstädten Tübingen, Aix und Perugia zusammenkommen, so schrieb die Aixer Rathauschefin Maryse Joi ssains-Masini in einem Grußwort, dann ist das „eine einmalige Gelegenheit, unsere Kulturen, unser Wissen und unsere Traditionen miteinander zu verflechten.“ An anderer Stelle betont sie: „Besonders die Gastronomie bietet eine gute Gelegenheit, das ,Andere’ zu erfahren und verstehen zu lernen.“

Umso überraschter waren jetzt die Tübinger Händler, die jedes Jahr nach dem Umbrisch-Provenzalischen Markt dem Weihnachtsmarkt von Aix ihren Gegenbesuch abstatten, dass sie diesmal keinerlei „warme und Geruch verbreitenden Speisen vor Ort zubereiten und verkaufen“ dürften, so die Order der Aixer Stadtverwaltung. Weil in der Stadt bald einiges umgebaut wird, bekommen die Händler diesmal andere Plätze als bisher zugewiesen. Die „Lebensmittelstände“ dürften nun aber nur „kalte Spezialitäten zum Mitnehmen“ verkaufen.

„Das war, ganz ohne Erklärung, ein Schlag vor den Kopf“, sagt Georg Möhres. Er ist praktisch von Anbeginn dabei, seit einige Tübinger Gastronomen und Händler in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Aixer Kollegen („wir helfen hier, sie helfen dort“) auch auf dem dortigen Weihnachtsmarkt präsent sind. „Ge-organisateur“, nennen sie den patenten und allzeit hilfsbereiten Tübinger dort in Aix. Möhres und seine Partner kredenzten an ihrem Stand, dem „Maison du Spätzle“, naturgemäß Ur-Schwäbisches wie warme Maultaschen oder lecker warm aufbereitetes Sauerkraut. Aber eben auch, wie sich’s auf einem Weihnachtsmarkt gehört, Glühwein.

Sie trifft das neue Verzehr-Verdikt ebenso wie den mitreisenden Metzger Truffner, der Bratwürste anbot, oder wie den Bäcker Gehr, der warme Brezeln aus dem Holzofen holte. Zumindest Gehr wird, wie auch das Weinhaus Schmid, wegen der schlechten Kunde aus Aix diesmal nicht mitreisen. Die anderen wollen zwar fahren. Aber kaum des Geschäfts wegen. Fast 1000 Kilometer beträgt die Strecke nach Aix, „das rentiert sich nicht“ mit den neuen Einschränkungen, glaubt Möhres. „Wir gehen jetzt mit, um die Kunden nicht zu vergrätzen.“

Denn die Tübinger Stände sind beliebt und begehrt auf dem Aixer Weihnachtsmarkt. Nicht nur die Einheimischen decken sich da stapelweise mit Maultaschen, Spätzle und Filderkraut ein. Auch für Zehntausende Deutsche, die im Marseiller Raum leben, ist der große Aixer Weihnachtsmarkt ein willkommener Ausflug auch zu heimatlichen Leib- und Magen-Genüssen.

Manchem Tübinger Anbieter rennen sie praktisch die Bude ein. „Glühwein und Bratwurst machten den Markt kommunikativ“, findet Möhres, „die Leute blieben vor Ort und kamen miteinander ins Gespräch.“ Und er gibt zu bedenken: „Wir waren die Pioniere.“ In den ersten Jahren gab es auf dem Aixer Markt von weiter außerhalb nur die reiselustigen Tübinger Städtepartner. Inzwischen sind Peruginer und Portugiesen, auch Japaner dazugekommen. Sie alle sind nun von dem Speisen-Verbot betroffen.

Der Kummer der Tübinger Partnerschafts-Veteranen veranlasste den Tübinger OB, bei der Aixer Amtskollegin ein gutes Wort für sie einzulegen. Zwei Mal schrieb Palmer an Bürgermeisterin Joissains-Masini, zu der er offenbar ein ähnlich herzliches Verhältnis pflegt wie Angela Merkel zu François Hollande.

„Aus den Erfahrungen unseres äußerst erfolgreichen Umbrisch-Provenzalischen Marktes wissen wir“, so Palmer, „wie wichtig das Gleichgewicht zwischen Gastronomie und Warenhändlern ist, um ein stimmiges Gesamtbild zu erreichen und so ein attraktives Angebot für die Kundinnen und Kunden zu schaffen.“ Auch sei er „sicher, dass der Markt so erheblich an Attraktivität verliert und auf lange Sicht vermutlich ,einschlafen’ würde. Es wäre schade, wenn dadurch die schöne Tradition des Aixer Partnerstädtemarktes und der Austausch zwischen unseren Händlerinnen und Händlern verloren gingen.“

Die Antwort aus Aix fiel einsilbig aus. Und über die Gründe des Verbots hat auch Palmer nichts Greifbares erfahren. Er wundert sich: „Da schneiden sie sich doch ins eigene Fleisch.“ Und formuliert halbwegs diplomatisch: „Städtepartnerschaft könnte ich mir auch anders vorstellen.“

Tübinger Händler ärgern sich über Gastro-Verbot in Aix
Tübinger Botschafter des guten Geschmacks: Georg Möhres (links) und der Ex-„Pfauen“-Wirt Uli Neu errichten das „Maison du Spätzle“ auf dem Weihnachtsmarkt von Aix-en-Provence.

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17.11.2012, 12:00 Uhr

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