Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
80 und kein bisschen greise

Tübinger Jahrgang 1930/31 ist aktiv und organisiert

80 Jahre ist kein Alter – jedenfalls kein Alter, das die Unternehmungslust anzukratzen scheint. In Tübingen ist eine große Gruppe von Achtzigjährigen derart gut organisiert und so viel auf Reisen, dass man wirklich nicht von Greisenalter und Ruhestand sprechen kann.

09.10.2010
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Sie wissen wohl, dass sie nicht der Normalfall sind und Kurt Deile wird nicht müde, es zu betonen: „Das macht im ganzen Ländle sonst keiner mehr!“ Der Tübinger 80er Jahrgang ist zwar kein eingetragener Verein, aber die feste Struktur dazu hätte er, sein Programm ist vielseitig und – wo gibt es so etwas? – er hat einen eigenen Freundeskreis.

Der Freundeskreis ist kein Bewerber-Pool, denn jede Bewerbung um Aufnahme in einen Jahrgang ist zum Scheitern verurteilt. In diesem Fall entscheidet allein die Geburt. Freunde der Jahrgänger sind eben Freunde oder Verwandte, die auch gerne die Programmangebote wahrnehmen.

Friseurmeister Ernst Preßler, der erst seit fünf Jahren im Ruhestand ist, gehört dem Club der 80er an, sein Frau Ruth ist noch zu jung dazu: „Ich bin der Anhang von meinem Mann“, sagt sie lachend, während sie die Brezeln auf den Tisch des Hauses stellt.

Bei Preßlers in der Schmiedtorstraße trifft sich eine kleine Runde – eine Vorrunde zum großen Jahrgangsfest am heutigen Samstag. Um 15 Uhr wird heute ein Gottesdienst in der Jakobuskirche gefeiert, an dem jeder, der Interesse hat, teilnehmen kann. Danach geht es mit dem Oldtimerbus „Heidi“ durch die Stadt und zum Essen ins Casino am Neckar.

Kurt Deile aus Pliezhausen hat eine umfangreiche Mappe für die Presse zusammengestellt. Sie enthält: Programmabläufe, Geburtstagsbriefe, Liedtexte, Ausschreibungen der Ausflüge, farbige Programmbroschüren, die jedes Jahr an die Mitglieder geschickt werden und ein hundertseitiges Jubiläumsbuch zum Siebzigsten vor zehn Jahren. Die Mappe könnte noch viel dicker sein, denn aus jeder Fahrt, die der Jahrgang unternimmt, macht Deile ein Buch mit farbigen Bildern und kleinen Texten.

Vom Erntedank zum Rostbraten

In den Bussen, die die Gruppe für solche eintägigen und einmal im Jahr auch mehrtägigen Ausflüge chartert, bleibt kein Platz frei. Zu den knapp 80 organisierten Jahrgängern kommen noch Freunde und Verwandte hinzu. Und dabei wird nicht nur von früher geredet, man ist auch auf gemeinsamer Entdeckungsreise in der Gegenwart. In der Jugendzeit habe man eben sehr wenig über den Tellerrand herausgucken können, betont die Gruppe. Und so machen die 80er nun gemeinsame Ausflüge in die nähere Umgebung, in die unbekannte und bekannte Heimat. Bei der Fahrt zur Weiler Burg stellte sich heraus, dass noch längst nicht alle dort waren. Demnächst wird wieder der Hirrlinger Erntedank-Teppich zusammen bewundert. „Und das Wichtigste“, sagt Hermann Linse, ,,hinterher geht man ins Café Biesinger zum Rostbraten essen.“ Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, wird gefahren.

Vor einigen Jahren hatten sich die Jahrgänger vorgenommen, die neuen Bundesländer zu erkunden. Mittlerweile war jedes der fünf Länder schon Ziel, und auch das benachbarte Ausland wird immer wieder angepeilt. Damit die Reisen für die weniger Betuchten unter den Jahrgängern erschwinglich sind, wird kostengünstig geplant. Die Busse sind gut ausgelastet und das Vesper wird, so gut es geht, vorbereitet. Gretel Jaissle gehört zu den verlässlichen Brezeln- und Brote-Streicherinnen. „Brezeln sind immer dabei!“ sagt sie. Sie trage zwar ein Bundesverdienstkreuz, lobt Deile, sei sich dafür aber keineswegs zu schade.

„Die Einkehr in Lokale steht bei uns nicht an zweiter, sondern erst an dritter Stelle“, betont Deile. Er übernimmt das meiste Geschäft, darin ist sich die Gruppe einig. In ihm haben die Jahrgänger zugleich einen kundigen Reiseleiter. „Er ist ein Lehrer“, sagt Gretel Jaissle. Und er bleibt es auch, ließe sich hinzusetzen. Da er außerdem jahrzehntelang Schulleiter war, versteht er sich auch aufs Organisieren.

Schon im Rappschüle kannten sie sich

Erst mit sechzig Jahren fanden die Jahrgänger zusammen, viele von ihnen sind gestandene Unterstadt-Bewohner, auch wenn sie wie Ernst Preßler erst nach dem Krieg nach Tübingen kamen. Andere kannten sich von früher, gingen sogar zusammen in die Schule wie Inge Schröder und Emma Hammer. Ob sie damals schon befreundet waren? „Nein, damals noch nicht“, sagt Inge Schröder. Aus dem Kindergarten, dem „Rappschüle“, kennen Emma Hammer und Kurt Deile sich. Hermann Linse und Deile waren zusammen in der Hitler-Jugend, eine Zeit, die auch im Jubiläumsband nicht verschwiegen wird.

Rund sieben bis acht Mal treffen sich die Jahrgänger im Jahr. Und obwohl sie sich auf diese Weise gut kennengelernt haben, bringen sie sich doch jedesmal auf ihren Ausflügen am „bunten Abend“ zum Staunen. Da kann eine jede und ein jeder auf offener Bühne etwas zum Besten geben. Das geht dann locker zwei Stunden lang und, so schwärmt Ernst Preßler: „Es ist dermaßen gut!“

Tübinger Jahrgang 1930/31 ist aktiv und organisiert
Inge Schröder, Emma Hammer, Hermann Linse, Kurt Deile und Ernst Preßler (von links) sind 80er Jahrgänger, Gretel Jaissle (rechts) gehört zum Freundeskreises. Bild: Metz

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.10.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball