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Hohes Groove-Potenzial

Tübinger Jazzpianist Rainer Tempel faszinierte mit neuem Quintett

Kühle Rationalität am Piano und expressiver Drive von Trompete und Saxofon: Rainer Tempels neues Quintett „Pentagon“ lässt sich von Jazz-Legenden inspirieren. Die Zuhörer des Doppelkonzerts am Wochenende im Sudhaus waren begeistert.

05.01.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen. Spätestens mit der Hommage an Louis Armstrong spielte sich Rainer Tempels Quintett „Pentagon“ unter die Haut der Zuhörer/innen im gedrängt vollen kleinen Saal in der Sudhaus-Peripherie. Louis Armstrongs „Hot Five“ sei vielleicht das erfolgreichste Quintett der Jazzgeschichte gewesen, meinte der Tübinger Pianist. Nun hat er selbst „eine Art Satchmo-Motiv“ geschrieben.

„Louis Quatorze“ heißt die entsprechende Nummer. Nach Louis Armstrong und dem Jahr 2014, so Tempel. Sein Tribut an den legendären Jazztrompeter und -Sänger würzte er mit „ein bisschen Grammophon-Sound“ und einer Prise Messiaen. Piano, Kontrabass und Schlagzeug brachten tatsächlich ein klanghistorisches Spiegelbild zustande, mit einem Piano, das überaus kunstvoll so tat, als wäre es leicht verstimmt.

Dann trat das Schlagzeug hervor, eine leise Saxofonlinie schlich sich ein, bevor Piano, Bass und Schlagzeug zu einem unglaublich beschleunigten Rhythmus ansetzten. Nach kurzem Innehalten hob das Saxophon wieder an, zunächst als viertes Element im Klangkonzept Piano, Bass, Percussion – um sich rasch wieder als expressive Leitstimme zu verausgaben. Die Trompete, die sich mit ein paar klaren Noten ins Spiel gebracht hatte, steigerte sich zu fast wütender Power, von Piano, Bass und Percussion noch angetrieben, bis sie ein Standard-Motiv ertönen ließ und mit einem kräftigen Schlagwerk-Rumms abrupt Schluss war. Der wunderbar entspannte und stets gut gelaunte Schlagzeuger, im vergangenen Jahr mit dem Echo Jazz Preis ausgezeichnet, verstand sich wie Bassist Arne Huber auf äußerst effektvolle Strukturierungen.

„Wir sind anders drauf, haben Handys und Internet. Aber wir haben keine schicken Anzüge wie die damals“, meinte Tempel zu diesem Louis-Armstrong-Pastiche. Man brauchte einen Augenblick, um zu bemerken, dass das nicht stimmte: In seinem schmal geschnittenen Anzug zitierte der Pianist die Eleganz der Altvorderen. Entsprechend stark kontrastierte seine vollendete Beherrschtheit mit dem sichtlichen körperlichen Einsatz des Saxophonisten (der nach der Pause im kurzärmeligen T-Shirt weitermachte).

Eine Fuge aus jazzigen Fünf-Ton-Gruppen

Kein Tempel-Konzert kommt ohne kompositorische und sonstige Anmerkungen aus. In „Quintus“, dem Auftakt-Set nach der Pause, spielte „jeder mit fünf Tönen für sich“, so Tempel. „Mit diesen fünf Tönen spielen wir dann eine Fuge, jeder mit seinem Tonvorrat.“ Der Sound, „mit so komischen Fünf-Ton-Gruppen“, würde anders ausfallen als bei Johann Sebastian Bach. Düsterlich begann das Piano, bald von der Trompete variiert, hob aber ab zu einem gemächlich wiegenden Sound.

Ebenfalls hohes Groove-Potenzial entwickelte der Blues „Fünfte Stufe“, der wie von selber immer weiter zu swingen schien – wenn auch vom Piano mit ein paar Quertönen aufgeraut. Eine klare Melodielinie der Trompete gab dem unbestimmten Schweben wieder eine Richtung, einen zielgerichteten Drive. Der so exakt durchdachte wie mitreißende Sound ließ sich auch einfach genießen – ohne ständig die strukturierenden musikalischen Intervalle durchzuchecken wie ein Profi. Statt der von Wayne Shorter bevorzugten Quarte, so Tempel, sei „Pentagon“ (wie es der Name schon nahelegen mag) der Quinte verpflichtet. „Noch unsanglicher, mit noch weiterer Schrittgröße. Die Quinte hat so etwas Offenes, um es nett zu sagen, etwas Leeres, um es böse zu sagen“, meinte er.

Tübinger Jazzpianist Rainer Tempel faszinierte mit neuem Quintett
Der Tübinger Jazzmusiker Rainer Tempel (am Piano) stellte sein neues Quintett „Pentagon“ am Freitagabend im Sudhaus vor: Claus Stötter (Trompete), Arne Huber (Kontrabass), Sebastian Gille (Saxophon) und Dejan Terzic am Schlagzeug. Am Samstagabend gab es ein weiteres Konzert.Bild:Faden

Der Jazzpianist Rainer Tempel, geboren 1971, gründete 1996 sein erstes Quintett. Es hieß „Der Atlas“, nach dem antiken Titanen, der das Himmelsgewölbe stützt. Mit seiner aktuellen Formation „Pentagon“ spielte Tempel ein Stück von damals („Ballade“) als Zugabe, nach einer fast zweistündigen Powershow am Freitagabend im Sudhaus. Alle anderen Stücke waren Uraufführungen, sagte er. Den schwebenden Groove von „Pentagon“ konnte man schon damals erahnen. Das Piano des Tübinger Jazzers ist hiesiger Bauart. Es ist eines von zwei Instrumenten, die Josia Rexze, Schwiegersohn im vormaligen Klavierhaus Vögele, fertigte.

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05.01.2015, 12:00 Uhr

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