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Der Trend geht zum Gediegenen

Tübinger Kinobilanz: Hollywood auf dem absteigenden Ast

Martin Reichart, Geschäftsführer der Tübinger Kinos Blaue Brücke und Museum, ist seit 30 Jahren im Geschäft. „Als ich anfing“, sagt er, „waren die 15- bis 25-Jährigen unsere Hauptzielgruppe“. Auch heute geht diese Alterskohorte noch ins Kino – angesichts alternativer Freizeitangebote allerdings erheblich seltener und vorwiegend in ausgesuchte Highlights wie den „Hobbit“. Von Filmkunst hat sie sich fast völlig verabschiedet. Für den Großteil des Umsatzes an den Kinokassen sorgen inzwischen ältere Semester.

09.01.2015
  • Klaus-Peter Eichele

Tübinger Kinobilanz: Hollywood auf dem absteigenden Ast
Einer von vielen Hollywood-Flops des Jahres 2014: Der Monsterfilm "Godzilla" blieb weit hinter den Erwartungen.

Laut einer Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) ist der Durchschnittskinogänger heute 37 Jahre alt, im Programmkinobereich sogar noch zehn Jahre älter. In manchen Blockbustern wie dem Historienepos "Der Medicus" ist das Publikum mehrheitlich über 50.

Solche ausgereiften Menschen erwarten auf der Leinwand kein kindisches Remmidemmi, sondern gut erzählte Geschichten möglichst ohne Hightech-Schnickschnack. In Tübingen mit seiner vorwiegend akademisch gebildeten Bürgerschaft ist dieser Trend noch ausgeprägter als anderswo. Das Kino Museum hat auf die Entwicklung reagiert und zeigt inzwischen (zum Leidwesen der angestammten Programmkinos Arsenal und Atelier) größtenteils erwachsenen Filmstoff. Selbst wenn man die Mainstream-lastigere Blaue Brücke mit einrechnet, sorgten im vergangenen Jahr Filme vom Schlage "Monsieur Claude", "Wir sind die Neuen" und "Grand Budapest Hotel" für rund zwei Drittel des Ticket-Umsatzes.

Dagegen haben die Hollywood-Studios den Trend zum Gediegenen verschlafen. Seit Jahren purzeln dort vor allem Actionfilme und Krawallkomödien fürs kinomüde Jungvolk vom Fließband, die immer öfter im kommerziellen Mittelfeld versacken. Da Hollywood aber weiterhin der Hauptlieferant von Filmen ist, gehen die Zuschauerzahlen (mit Schwankungen) kontinuierlich zurück. 2014 erreichten sie in Deutschland (aber auch in den USA und Großbritannien) das Niveau der Vor-Multiplex-Ära.

Das hindert manchen in der Kinobranche nicht daran, schon jetzt großspurig zu veründen, dass 2015 alles besser wird, wahrscheinlich sogar ein neues Rekordjahr ansteht. Museums-Mann Reichart ist da skeptischer: James Bond (im Oktober) und die neue "Star Wars"-Folge (im Dezember) würden sicher gut laufen, der große Rest sei unprognostzierbar. Denn in den letzten 30 Jahren ist das Kinopublikum nicht nur älter, sondern auch unberechenbarer geworden. Selbst einstmals sichere Zugpferde wie Johnny Depp oder Brad Pitt garantieren längst keine klingelnde Kassen mehr, dafür kann ein unscheinbarer Film mit völlig unbekanntem Personal wie "Monsieur Claude" aus unerfindlichen Gründen plötzlich nach ganz oben durchstarten.

Wie launisch das Publikum ist, haben die letzten Tage gezeigt. Nach Monaten der Lethargie stürmte es zwischen den Jahren überfallartig das Box-Office, und das auf breiter Front. Zum ersten Mal seit 2008 haben alle Filme in den deutschen Top Ten an einem Wochenende mehr als 100000 Zuschauer eingesammelt. Drei der ersten fünf kommen nicht aus Hollywood.


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