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Kanzlerin und US-Pastor bringen Arzt in die Bredouille

Tübinger Mediziner steht in Pakistan unter Hausarrest

Eigentlich wollte Nicolas Leitz von der Tübinger Uniklinik Flutopfern in Pakistan helfen. Doch seit vorgestern darf er das nicht mehr, weil manche Muslime sauer sind – auf den Westen. Schuld daran seien Angela Merkel und ein US-Pastor.

11.09.2010
  • Lutz Bergmann

Tübingen / Usta Mohammad. Erst verkündete der US-Pastor Terry Jones, er wolle am Jahrestag des 11. Septembers 200 Koran-Exemplare verbrennen. Dann ehrt Kanzlerin Angela Merkel den dänischen Zeichner Kurt Westergaard im Schloss Sanssouci, der mit seinen Mohammed-Karikaturen böse Proteste bei den Muslimen auslöste.

Nicolas Leitz kann über diese beiden Vorfälle überhaupt nicht lachen. Der Arzt der Tübinger Uniklinik befindet sich momentan in der pakistanischen Provinz Belutschistan. Eigentlich soll er die dortigen Flutopfer medizinisch versorgen. Seit gestern ist das allerdings zu gefährlich. „Die lokalen Behörden haben uns Hausarrest erteilt“, berichtet er. „Die Stimmung gegenüber den Helfern, besonders gegenüber den Deutschen ist überhaupt nicht gut.“

Statt zu helfen, sitzt Leitz mit den anderen vier Mitgliedern seines Teams im Haus des Provinz-Gouverneurs fest. Die Deutschen warten auf einen Hubschrauber, der sie Samstag oder Sonntag nach Islamabad bringen soll. Seit ihrer Ankunft in dem Ort Usta Mohammad werden sie von Soldaten eskortiert. In den letzten Tagen habe der Schutz nochmal zugenommen, berichtet Leitz. „Wir sind in einer Zwickmühle. Wir können hier nicht weg, haben kein Internet und sind vom Rest der Welt abgeschlossen.“

Der Hautarzt glaubt nicht, dass sich die Nachricht über die geplante Koranverbrennung schon verbreitet hat. Denn auch die pakistanischen Einwohner haben keinen Kontakt zur Außenwelt. Dennoch fühlt sich Nicolas Leitz nicht sicher. Heute wird über die Moscheen das Ende des Fastenmonats Ramadan, der in Deutschland bereits gestern endete, ausgerufen. Dabei könnten die Muezzine auch von den angedrohten Koranverbrennungen berichten, fürchtet Leitz.

Am vorigen Sonntag flog der Stuttgarter mit seiner Frau, die auch Ärztin ist, einer Krankenschwester und einer Apothekerin nach Quetta. Dorthin gelangten sie mit der US-Airforce. In den Distrikt Jaffrabad brachte die Helfer der Organisation Landsaid ein Hubschrauber. Nach der Landung richteten sie in einer Tankstelle zwei Räume für die Behandlung ein. Als ihre Praxis fertig eingerichtet war, rief ein Muezzin ihre Ankunft über die Moschee aus. Schnell sammelten sich scharenweise kranke Menschen. Leitz musterte sie zunächst mit seiner Frau, die als Katastrophenmedizinerin bereits in Haiti Erfahrung gesammelt hatte. „Die meisten hatten Hautkrankheiten, einige waren aber auch durch die schlechte Essensversorgung geschwächt“, sagt der Mitarbeiter der Tübinger Hautklinik. Denjenigen, die am schnellsten Hilfe benötigten, gaben sie eine Karte. „Das hat nie geklappt“, erinnert sich Leitz. „Die Starken haben den Schwachen die Karten einfach weggenommen.“ Also suchten sich die beiden Ärzte ihre Patienten nach jeder Behandlung selbst aus.

Pro Tag untersuchten die beiden Mediziner zwischen 100 und 140 Patienten. Und das bei 45 Grad Celsius im Schatten. Als Arbeitskleidung mussten sie Gummistiefel, eine lange Hose und ein Hemd tragen. „Mir tropfte der Schweiß von der Nase. Das habe ich so noch nie erlebt“, berichtet Leitz. Nach den Untersuchungen von 9.30 bis 16.30 musste sich der Hautspezialist zwei Stunden hinlegen, um sich von den Strapazen zu erholen.

Anstrengend war auch die Kommunikation mit der dortigen Bevölkerung. Leitz brauchte zwei Dolmetscher. Der erste übersetzte die Sprache Sindhi der Ortsansässigen in das mehr verbreitete Urdu. Und der zweite übertrug das pakistanische Idiom ins Englische. „Dabei geht natürlich viel verloren“, sagt Leitz. Bei vielen Leidenden wusste der Arzt allerdings auf den ersten Blick, was zu tun ist. So rettete er einer Reihe von Kleinkindern mit einer einfachen Infusion das Leben.

Die Hautkrankheiten grassieren bei den Menschen, weil sie ständig durch das Wasser müssen und dort auf spitze Steine oder Äste treten. Zudem leiden viele Kinder an Lungenentzündungen, da sie auf dem blanken Boden schlafen. Gegen beide Krankheiten gab das Ehepaar Antibiotika in Tablettenform.

Diese Medikamente kommen in den Distrikt Jaffrabad per Hubschrauber, da auf den Straßen noch Landunter herrscht. In einem Tag sollen jedoch Autos wieder fahren können. In zwei Wochen die ersten Lastwagen. Bisher halfen sich die Einheimischen selbst. „Die sind richtig kreativ“, sagt der Tübinger Klinikarzt. Sie fahren mit Motorrädern bis zu der Stelle, wo die Straße überflutet ist. Dort wartet meist schon ein Floß, auf das sie ihr Vehikel hieven, um zu einem trockenen Stück Straße überzusetzen.

Nicolas Leitz hat jedoch genug von Pakistan. Er will nur weg. In der nahen Stadt Quetta soll es schon Anschläge gegeben haben. Zur Ablenkung werten er und seine Frau Statistiken aus. Trotzdem fühlt er sich nicht wohl: „Die Sicherheitssituation ist hier momentan nicht spaßig.“

Tübinger Mediziner steht in Pakistan unter Hausarrest
Mit Floßen bringen die Pakistani Motorräder und andere Vehikel über die überfluteten Straßenabschnitte. Bild: Landsaid

Tübinger Mediziner steht in Pakistan unter Hausarrest
Dr. Nicolas Leitz

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11.09.2010, 12:00 Uhr

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