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Eine Literatur der Welt

Tübinger Poetikdozentur: Ein kosmopolitisches Autorenquartett mit afrikanischen Wurzeln

Das ist eine gute Idee: Die nächste Poetikdozentur beschäftigt sich mit jenem Zweig der Weltliteratur, der „Afropolitan Literature“ genannt wird. Am bekanntesten unter den Vieren, die im November nach Tübingen kommen werden, ist Taiye Selasi.

23.10.2014
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Taiye Selasi, die in zehn Tagen ihren 35. Geburtstag feiert und im vergangenen Jahr mit ihrem Roman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ für Aufsehen und Anerkennung sorgte, prägte bereits vor neun Jahren in einem Essay den Begriff „Afropolitan“. Sie meinte damit Menschen, die aus Afrika stammen, inzwischen aber in den Großstädten dieser Welt leben und produktiv wirken: „Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln, die sich in den Metropolen dieser Welt zu Hause fühlen“ wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb.

Für Kosmopoliten dieser Couleur gibt es inzwischen eine Community, das weiß auch Dorothee Kimmich. Die Literaturwissenschaftlerin und Organisatorin der Poetikdozentur ist mit deren Erfinder (und ihrem Vorgänger) Jürgen Wertheimer an der Tübinger Uni am rührigsten, wenn es gilt, den verschiedenen Verästelungen der Weltliteratur, manche sprechen auch von -literaturen, nachzuspüren. Und das, sagt Kimmich, betrifft nicht nur den Universitätsbetrieb, sondern den Literaturbetrieb schlechthin.

Deswegen war Kimmich schon länger an diesem Thema dran. „Die Präsenz im englischsprachigen Raum ist sehr auffällig“, sagt sie, was sich auch in einer schnellen Übertragung ins Deutsche niederschlägt. So hatte Kimmich auch eine Erfolgsautorin wie Marie NDaye angefragt, um außerdem den französischsprachigen Bereich abzudecken. Doch schließlich lief es auf ein anglophones Quartett heraus, drei Frauen und einen Mann. Wobei zumindest die Frauen sich gut kennen und auch schon zusammen aufgetreten sind. Kimmich: „Es gibt da eine weltweite Erzähl-Community.“

Bei vier Poetikdozentur-Gästen, üblich sind sonst zwei, musste allerdings der Zeitraum „etwas flexibler“ gehandhabt werden, wie Kimmich meint. Deshalb ist Selasi nun eine Woche vor den anderen da.

Im einzelnen werden erwartet:

Taiye Selasi, in London geboren, und in Boston aufgewachsen. Die Eltern: ihre Mutter ist nigerianisch-schottisch, der Vater aus Ghana, beide Ärzte und Bürgerrechtler. Taiye Selasi studierte in Yale und Oxford und lebt heute in New York, Delhi und Rom. Ihr Roman „Diese Dinge Dinge geschehen nicht einfach so“ ist eine grandiose Familiensaga, in der sich eine ghanaischstämmige, auseinandergerissene Großfamilie ihrer afrikanischen Ursprünge besinnt und teils dann wieder zueinander findet. Taiye Selasi hält ihren Poetik-Vortrag bereits am Mittwoch, 12. November um 20.15 Uhr in der Alten Aula, Münzgasse 22-30.

Am Donnerstag, 20. November liest ebenfalls in der Alten Aula um 20.15 Uhr Nii Ayikwei Parkes. 1974 in Großbritannien geboren, wuchs er in Ghana auf, studierte in Manchester und lebt und arbeitet seitdem in London. Parkes schreibt Prosa und Lyrik, die er zudem erfolgreich in Form von Poetry Slams und Rap performt. Er organisiert in Covent Garden die Reihe African Writers‘ Evening und wurde 2007 in Ghana für sein Engagement als Autor und Lyriker ausgezeichnet. Auf Deutsch liegt sein Buch „Die Spur des Bienenfressers“ vor.

Priya Basil wurde 1977 in London in eine indische Familie geboren und wuchs in Kenia auf. Nach der Rückkehr studierte sie in England, ihren ersten Roman schrieb sie aber in Berlin. Neben ihren literarischen Tätigkeiten engagiert sich Priya Basil für eine weltweite Waffenkontrolle. Sie ist Mitgründerin der Plattform „Authors for Peace“ und schreibt regelmäßig für den Guardian, die FAZ und den Tagesspiegel. Übersetzt ist bereits „Logik des Herzens“ („The Obscure Logic of the Heart“, 2010). In Tübingen hält sie am Montag, 24. November und am Mittwoch, 26. November jeweils um 20.15 Uhr im Audimax der Neuen Aula ihre Poetik-Vorlesungen.

Und schließlich Chika Unigwe, 1974 in Nigeria geboren, wanderte sie 1995 mit ihrem belgischen Mann in dessen Heimatstadt Turnhout aus. Sie promovierte in Literaturwissenschaften und veröffentlicht literarische und journalistische Texte auf Englisch und Niederländisch. Seit 2013 lebt Unigwe mit ihrer Familie in den USA. Von ihr liegt der Roman „Schwarze Schwestern“ auf Deutsch vor. Die Tübinger Poetikdozentur beehrt Unigwe am Dienstag, 25. November, und am Donnerstag, 27. November, wiederum im Audimax um jeweils 20.15 Uhr.

Sie alle vier prägen, so die Organisatoren, mit kritischen und engagierten Texten einen neuen Stil. Kimmich scheut sich, wie Sigrid Löffler von „hybrider“ Literatur zu reden („das ist mir zu biologistisch“), auch den Begriff „Neue Weltliteratur“ lehnt sie ab. Besser wäre, von einer „Literatur der Welt“ zu sprechen, so die Literaturprofessorin.

Die „afropolitanen“ Geschichten geben „einer anderen Literatur Raum“, in der sich die Handelnden bewegen – über Kontinente und Generationen hinweg. Boston und Accra, Nairobi und London, Antwerpen und Lagos rücken nah aneinander und machen Differenzen wie Ähnlichkeiten sichtbar. Dabei ist die Orientierung mit den herkömmlichen Kategorien der Nationalliteraturen in der literarischen Welt der „Afropolitans“ nicht zu bekommen. Neues und Altes, Mythen und Alltag werden anders komponiert, als es aus der traditionellen europäischen Literatur bekannt ist. Manche Witze versteht man nicht sofort, Anspielungen überhört man oft, weil der kulturelle Kontext fehlt.

Und weil die Tübinger Poetik-Dozentur von der Würth-Gruppe maßgeblich finanziert wird, gehört ein Abstecher ins Hohenlohesche zum Poetik-Programm. Priya Basil und Chika Unigwe werden deshalb am Freitag, 28. November um 19 Uhr in Schwäbisch Hall bei Würth lesen,

Info Alle Vorlesungen in englischer Sprache mit schriftlichen Übersetzungen ins Deutsche. Nii Parkes wird auch simultan übersetzt.

Tübinger Poetikdozentur: Ein kosmopolitisches Autorenquartett mit afrikanischen Wurzeln
In London geboren, in den USA aufgewachsen, ghanaische Wurzeln väterlicherseits und nigerianisch-schottische Ahnen mütterlicherseits: Taiye Selasi.Bild: Poetikdozentur

Tübinger Poetikdozentur: Ein kosmopolitisches Autorenquartett mit afrikanischen Wurzeln
Chika Unigwe

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23.10.2014, 12:00 Uhr

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