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Jeden Tag ein Stück normales Leben

„Tübinger Projekt“ betreut schwerkranke und sterbende Menschen

Begleitung auf dem letzten Weg: Im Landkreis Tübingen sowie in Pliezhausen, Walddorfhäslach und Wannweil betreut der Palliativdienst „Tübinger Projekt“ derzeit rund 60 Schwerkranke und Sterbende. Das TAGBLATT begleitete die Pflegerin Kirsten Merkel bei ihrer Arbeit: Eine tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod.

18.12.2012
  • moritz siebert

Tübingen/Pliezhausen. Die Familienfotos im Wohnzimmer zeigen einen stolzen Mann, der mitten im Leben steht. Aufgenommen wurden die Bilder erst vor zwei Jahren. Dass sie denselben Mann zeigen, der beim Gespräch mit dem TAGBLATT auf dem Sofa sitzt, ist schwer zu glauben. Heinz R. ist abgemagert, sein Gesicht eingefallen. Das Sprechen fällt ihm schwer und seine Handbewegungen sind langsam. Vor zwei Jahren wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Chancen auf Heilung rechneten ihm die Ärzte nicht aus.

„Jeden Tag geht es weiter abwärts“, sagte er vergangene Woche mit dünner Stimme zu Kirsten Merkel. Das TAGBLATT durfte die Palliativ-Pflegerin an diesem Tag auf ihrer Visite begleiten. Ute R., die Frau des Kranken, wirkte gefasst, sie und ihr Mann würden sich mit der Situation abfinden. Eine Situation sei das, in der man nicht mehr plane. Trotzdem: Weihnachten würde er gerne nochmal erleben, sagte Heinz R. zu Merkel. Doch das schaffte er nicht. Am Sonntag starb er im Alter von 59 Jahren.

Zwei Tage, nachdem bei Heinz R. Krebs diagnostiziert worden war, wurde er operiert. Der Primärtumor konnte aber nicht lokalisiert werden: Der Industriemechaniker hatte das sogenannte CUP-Syndrom. „Vielleicht ist es besser, wenn man nicht alles weiß“, sagte er im Gespräch. Weder eine palliative Chemotherapie noch eine Antikörpertherapie, mit der er bis Februar dieses Jahres behandelt wurde, schlugen an. Im August bekam Heinz R. Angstattacken und sein Zustand verschlechterte sich immer schneller. Seine Frau wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll und nahm schließlich die Hilfe des Palliativdienstes in Anspruch. Rückblickend sagt sie: „Ohne das Tübinger Projekt wäre ich hilflos gewesen.“ Zunächst besuchte eine Pflegekraft das Ehepaar einmal in der Woche, in letzter Zeit sind die Palliativpfleger/innen täglich zu den beiden nach Pliezhausen gekommen.

Gespräche über das Leben und den Tod

„Für uns ist wichtig, dass wir die Patienten eng betreuen“, sagt Lutz Georgi, der seit fast zehn Jahren Pflegedienstleiter beim „Tübinger Projekt“ ist. „Wir wollen das, was bei den Patienten an Ressourcen noch da ist, so gut wie möglich fördern.“ Merkel ergänzt: „Wir arbeiten auch sehr vorausschauend.“ Aufgrund der Symptome kann das Team einschätzen, welche Medikamente dem Patienten in seinem Haus zur Verfügung stehen müssen. In Notsituationen kann dann schnell reagiert werden. Die medizinische Betreuung, die der Arzt Thomas Schlunk und dessen Stellvertreter Axel Braig verantworten, macht aber nur einen Teil der palliativen Versorgung aus.

„Die Pflegekräfte sprechen viel mit den Patienten und Angehörigen und bringen Ruhe in die Familien“, erklärt Braig. Auch bei Ute und Heinz R. erreichten die Mitarbeiter vom „Tübinger Projekt“ viel mit Gesprächen. „Beide gingen offen mit der Krankheit um und schauten in dieselbe Richtung“, blickt Merkel zurück. „Eine solche Situation erleichtert unsere Arbeit.“ Sie empfindet es als wertvoll, dass sie den Familien Zeit schenken kann. Während sie sich bei Besuchen um die Pflege-Aufgaben kümmert, könnten sich Angehörige auf Gespräche mit dem oder der Kranken konzentrieren oder sich um sich selbst kümmern. Eine wichtige Aufgabe der Pflegerinnen ist auch, Patienten und ihre Angehörigen auf den Tod vorzubereiten. Was denn passiere, wenn er sterbe, hätte Heinz R. sie anfangs gefragt, und wie sich das anfühle. Alles könne eine Palliativpflege-Fachkraft aber auch nicht beantworten, sagt Merkel.

Die schwere Aufgabe, täglich bei Sterbenden am Krankenbett zu stehen, bewältige sie, weil sie großen Rückhalt von ihrem Team habe. Merkel und ihre Teamkollegen tauschen sich permanent aus. Zwei mal in der Woche bespricht das Palliativ-Care-Team einzelne Fälle gemeinsam. „Jeder ist in der Lage, adäquat zu handeln, auch dann, wenn eine Pflegefachkraft nicht die direkte Kontaktperson des Patienten ist“, sagt Georgi. Die Mitarbeiter schätzen es auch, dass keine hierarchischen Strukturen wie im Krankenhaus herrschen.

„Als Arzt steht man im Hintergrund“, erklärt Braig. „Die engmaschige Betreuung der Patienten übernimmt die Pflegefachkraft.“ Die Betreuer entscheiden auch selbst, wann der Arzt dazu kommt und wie oft Patienten/innen besucht werden sollen. „Frau Merkel weiß einfach, worauf es ankommt“, sagt Ute R.. Sie schätzt es, dass sie und ihr Mann von einer Palliativfachkraft betreut wurden, die über die Krankheit und die familiäre Situation genau Bescheid wusste – und zu der sie eine persönliche Beziehung aufbauen konnten. Noch wenige Tage vor dem Tod ihres Mannes sagte Ute R. über Merkel: „Sie schenkt uns jeden Tag ein Stück normales Leben.“

„Tübinger Projekt“ betreut schwerkranke und sterbende Menschen
Enge Betreuung auf dem letzten Weg: Palliativ-Pflegerin Kirsten Merkel und Tumor-Patient Heinz R. am 11. Dezember.Bild: Metz

„Vor 20 Jahren waren wir Exoten, heute gibt es uns fast flächendeckend.“ Zwar hätte die Palliativversorgung in den vergangenen Jahren gesellschaftliche Bedeutung gewonnen, sagt Elisabeth Kolarsch, Geschäftsstellenleiterin vom „Tübinger Projekt“, trotzdem müsse sich noch viel tun. In Deutschland hat seit 2007 jeder Anspruch auf palliative Pflege, die Kassen übernehmen aber nur die Kosten für die Betreuung kurz vor dem Tod des Patienten. Für den Aufbau einer persönlichen Beziehung zu den Patienten müsse möglichst früh mit der Betreuung begonnen werden, sagen die Palliativ-Pflegerinnen. Um den Betreuungszeitraum ausbauen und Personal einstellen zu können, benötigt das „Tübinger Projekt“ finanzielle Unterstützung. Darum bittet das TAGBLATT mit der Weihnachtsspenden-Aktion um Hilfe. Zwei Konten mit derselben Nummer 17 11 11 stehen bei der Kreissparkasse (BLZ: 641 500 20) und der Volksbank (BLZ: 641 901 10) für Spenden zur Verfügung. Wir sammeln dieses Jahr auch für den Tübinger Rollstuhlbasketball-Verein. Im Überweisungsauftrag können Sie vermerken, wenn sie im TAGBLATT nicht namentlich erwähnt werden möchten oder wenn Sie für ein bestimmtes Projekt spenden wollen.

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18.12.2012, 12:00 Uhr

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